Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 3 (17.1.1902)
- Article
- Der Zionismus in Sibirien
- Date
- 1902-01-17
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 3 „Die 2$ Welt44 Seite 3 jüdischen Bevölkerung ist sehr gut. Herr Schapira, der in der Nähe der mandschurischen Grenze wohnt, weiss Interessantes zu erzählen ,von den wenigen ihm bekannten Judenfamilien in der .Mandschurei, die ihn brieflich baten, sie bei der Aetienzeiehnung ja nicht zu übersehen, und ihm versicherten, dass sie in ihrer Einsamkeit keinen Punkt des Judenthums vergessen hätten; auch einige der sagenhaften chinesischen Juden kennt unser Gewährsmann persönlich und erzählt, dass die Leute keinen jüdischen . Gottesdienst und keine hebräische Sprache mehr kennen,, sondern nur mehr die Tradition davon besitzen und das offen ausgesprochene Bewüsstsein, dass sie Juden wären, demzufolge sie keinen chinesischen Cult treiben, aber auch keinen jüdischen. Nichtsdestoweniger erkannte der chinesische gekleidete, chinesisch sprechende Jude Herrn Schapira als Juden, als er in Talles und Teffiiiin seine Andacht verrichtete. Wir werden genaueren Bericht über das Judenleben in China noch erhalten. Unsere Bewegung hat in Sibirien 19 Vereine ins Leben gerufen mit hunderten von Mitgliedern. Dabei hat die Agitation in den Kolossaldistanzen von tausenden Kilometern ein gewaltiges Hindernis und kann bei der beschränkten Freizügigkeit fast ausschliesslich nur in Briefen betrieben werden, die monatelang unterwegs sind. Wie uns aber unser Gesinnungsgenosse versicherte, die Wirkung eines solchen Briefes eine überaus starke. Die von keiner Assimilationslüge verblendete Bevölkerung bekennt sich mit ßegeistemug zu unseren Plänen. Auch die Frauen treten zu grossen Vereinigungen zusammen. Die Actien- und SchekelZahlung erfolgt mit grösster Pünktlichkeit. Auch in Sibirien wird die Verbreitung unserer Idee stark behindert durch den Mangel an Agitatoren;, die dort kein leichtes Spiel haben. Ist nur der Zionismus einem sibirischen Juden erst bekannt, so schliesst er sich ihm schon an. Das Amurgebiet, Manyoiien, in beiden gibt es zionistische Vereine. Dabei ist der Zionismus in Sibirien sehr jung. Herr Schapira, früher ein Freund der „Choveve Zioir'-Bewegungeu, bekam eine Uebersetzung des „Judenstaat" in die Hand, dessen Gedankengang in ihm ein mächtiges Echo fand. In richtiger Krikenntniss, dass jeder Zionist zugleich Agitator sein müsse, schickte «er Abdrücke der Broschüre mit Begleitschreiben an einzelne Gemeinden und schuf nach und nach mit Unterstützung des Correspondenz-Jhireaus in Kischineff die bestehenden Organisationen. Allerdings konnte er als einzelner, von seinem Berufe als Lehrer in Tschitah in etwas gehindert, seinen Eifer mit der Möglichkeit nicht in Einklang bringen, doch wird die Unter* aStützung seitens der russischen Centralen jetzt energisch gefördert. Blätterstimmen über den Congress. Im Folgenden geben wir die zweite Liste der Journale, in denen wir Nachrichten über den Congress gefunden haben. Bezüglich der Form ist hervorzuheben, dass die meisten Berichte nichteinen kurzen Raum einnehmen, . sondern erwünschte Ausführlichkeit besitzen. Englische, französische und reichsdeutsche Weltblätter geben in fort- ■ laufenden "Nummern genaue Berichte über jeden Congress- tag. Bezüglich des* Inhaltes ist zu bemerken, dass im : assimilatorischen Blätterwalde zwar noch nicht jener Tag * des Gottesfriedens augebrochen ist, an dem der Löwe neben <dem Läramlein grast, und der Dummheit wird noch ^manches Ganzopfer gebracht; es überwiegt aber bedeutend die Anerkennung der ideal selbstlosen Arbeit der Zionisten, und je höher ein Volk bezüglich seiner Geistesrichtung geschätzt wird, umsomehr können wir uns der Sympathie seiner Presse erfreuen. Herzliche Töne schlägt die freie schweizerische Presse an. Und die jüdischen Blätter antizionistischer Couleur? Sie kommen, sie kommen die Trefflichen alle! Einzelne bleiben zwar noch unentwegte Stützen der Denkfaulheit ihres Leserkreises, die meisten sind aber ehrlich genug, ihr Unrecht,wenn auch verschämt, einzugestehen: dass sie die schwere Arbeit der Zionisten durch Feindseligkeit noch erschwert haben. „Antizionistische Kundgebungen halten wir nicht für zeitgemäss", dociert ein bekanntes jüdisches Blatt. Wir danken schön! Wir werden vergessen, mit welcher Gehässigkeit bis in die jüngste Zeit das Kesseltreiben gegen unsere Bewegung geführt wurde, und wollen die reuigen Brüder ohne Groll empfangen; sie waren doch vom Ghetto her erblich belastet. Aber etwas dicker sollte die neue Freundschaft aufgetragen werden. Die offenbarte Zuneigung der jüdischen Blätter trägt noch immer den Charakter der beiühmten Waschung des Pelzes, der nicht nass werden soll. Der Anschluss an den Zionismus ist nur ehrenwert, das können wir gemäss den Kundmachungen der öffentlichen Meinung der ganzen Welt wohl behaupten. Er verliert nur bedeutend, wenn man immerzu auf grosse Erfolge wartet, um dann mitzugeniessen, wofür man nicht gekämpft hat. * Ueber den Eindruck, den die Verhandlungen des Congresses auf ihn geübt haben, spricht sich R. Brainin in „Hazefirah" folgen der massen aus : „Die Debatten waren diesmal reich an realen Momenten und praktischen Anregungen bezüglich der neuen Organisation und des zu begründenden Nationalfonds. Die Discussionen waren wohl trocken und farblos, wie die Wirklichkeit selbst, allein die Natur der Sache erforderte die Vermeidung von Gefühlsergüssen und weichmüthigen Redensarten. Die Bank verträgt keine lyrische Behandlungsweise. Die Sprache der Ziffern überwältigte auf diesem Congresse die Sprache des Herzens . . . An den zwei letzten Congresstagen arbeiteten sämmtliche Delegierte mit einem Fleisse, der fast über die Grenzen des Möglichen hinausgieng. Man schlief nicht und nahm kaum etwas Nahrung auf, sondern arbeitete ohne Unterlass mit äusserster Anspannung der physischen und geistigen Kräfte." In einer anderen Nummer des genannten Blattes schreibt Brainin: „Das Bemerkenswerteste ist, dass Leute aus den entferntesten Weltgegenden zum Congresse erschienen sind, in einer Jahreszeit, wo man sonst nicht zu reisen pflegt. Ich hatte bei weitem nicht so viel Delegierte erwartet, und auch Dr. Herzl äusserte sich mir gegenüber, die Betheiligung übertreffe alle seine Erwartungen. Das sagten mir auch viele Baseler Bürger. Sie sind nicht gewöhnt, um diese Zeit so viel Gäste in ihrer Stadt zu sehen." * Der „Hazefir ah" berichtet man aus Berlin vom 5. d. M.: Viele Congress-Delegierte aus den verschiedensten Ländern verweilen auf ihrer Rückreise ans Basel einige Tage in Berlin und setzen hier gewissermassen den Con* gress fort. Die Delegierten versammeln sich gruppenweise in den Restaurants und Kaffeehäusern und discutieren über dieselben Angelegenheiten, die sie in Basel besprochen haben. Die hiesigen Zionisten schliessen sich an einzelne der Delegierten an und empfangen von ihnen neue Eindrücke und neue Anregungen. Im allgemeinen ist man vom jüngsten Congresse befriedigt und hofft, dass die zionistische Bewegung nunmehr neue Impulse und frische Kräfte gewonnen hat. Die erfreulichen Nachrichten, die die Delegierten Dach Berlin gebracht haben, wirken auch auf die Gegner des Zionismus zurück, auf die gewissen Philanthropen, Rabbiner und „Parnassim", die in ihrer Kurzsichtigkeit geglaubt hatten, der fünfte Congress werde der letzte sein und der zionistischen Bewegung, dieser unleidlichen Epidemie, ein Ende bereiten. Nun sind die guten Leute durch die Ergebnisse des Congresses enttäuscht und beschämt. Dies gilt auch von den Palästinophilen alten Schlages, die auf halbem Wege stehen geblieben sind, weil sie nicht vorwärtsschreiten wollten oder konnten. * Es berichteten noch über den Congress : ,,LTtalia"(Rom), „Petersburgskiia Wjedomostif£, „Nordböhmische Volkszeitung", „FrankfurterJournal*4, „Danziger Zeitung", „La Cocarde'; (Paris), „Rundschau" (Riga), „Se~ maine Religieuse (Paris), „Republique de lTsere" (Grenoble), „Tiraspol Wjedomosti" (Tiraspol), „Rigaer Tagblatt", „Journal de la Marne" (Chalons), „Osservatore Catolico" (Milan), „Metropole" (Anvers), „Tablettes des deux Charentes" (Rochefort), „Referee" (London), „Niwa Polska" (Warschau), „Silesia" (Teschen), „LTndependant de Paris'*, „The Sudgate" (London), „Dagens Nyhijten", „Financiere Times" (London), „Wiener Tagblatt", „Leeds Mercury", „Dover Chronicle", „Church Newspaper" (London), „Slowo Polskie" (Lemberg),