Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 1 (3.1.1902)
- Article
- Rede Israel Zangwills
- Date
- 1902-01-03
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite Ii Die # Weit00 Nr. 1 meinen Antrag stellen. Der neue Moses wendete sieh zu seinem Volke um, sah es in seiner Knechtschaft und sah keine Rettung, ausser in einem neuen Auszug. Wohin? Nach einer neuen Welt, dachte er, und so leitete er die Auswanderung hauptsächlich nach Argentinien. Mit welchem Erfolg? Es ist gesagt worden, dass die wichtigste Wohlthätigkeit darin bestehe, zwei Grashalme dort wachsen zu machen, wo bis dahin ein Grashalm wuchs. Von Baron Hirschs Wohlthätigkeit kann man sagen, dass er dort zwei Schnorrer wachsen machte, wo bis dahin bloss ein Schnorrer wuchs. (Lebhafte Heiterkeit und Beifall.) Der Director, Oberst Gokismith, sagte uns, wie die Leute aussahen, die ihm als Colonisten geschickt wurden, kinderlose Greise, Siechlinge, der Kehricht der Armen-Viertel der Weltstädte. Was beweist dieser Misserfolg? Bloss, dass der Gedanke schlecht war, und dass die Ausführung noch schlechter war. Alle Bahnbrecher müssen im Dunkeln tappen, aber Baron Hirsch war ein grosser Mann und grosse Männer lernen von ihren eigenen Irrthümern. Nur kleine Männer, kleine Lebewesen, die tief auf der Stufenleiter der Lebewesen stehen, ändern sich niemals. Hätte Baron Hirsch lange genug gelebt, um die moderne zionistische Bewegung zu sehen, hätte er eine feurige, junge Generation gesehen, die nichts sehnlicher wünscht, als ihre Geschicke selbst zu schmieden mit den eigenen Muskeln auf dem eigenen Boden, dann würde er sich gefreut haben, eine so schöne Gelegenheit zu finden, sein Geld fruchtbar und nicht nutzlos auszugeben. (Beifall.) Aber der grosse Mann ist gestorben, und die Testamentsvollstrecker regieren an seiner Statt. Leber zweihundert Millionen,. zu denen später.ungefähr andere hundert Millionen für die Rothschild'schen Colonien kamen, giengen in die Hände einer gemischten Gesellschaft von Parisern und Londonern über, ohne Plan, ohne Einheit, ohne bestimmtes Ziel. Einige von diesen Herren wünschen das Verschwinden der Juden, andere bloss das Versehwinden des Judenthnms, alle sind aber darin einig, den Gedanken jeder jüdischen Sammlung und Zusammenfassung zu hassen. (Lebhafter Beifall.) Kleinjuden konnte man sie nennen, obwohl Sie ganz sicher sein können, dass die englischen Mitglieder nichts weniger als K]einengländer und dass die Pariser glühende Chauvinisten sind. I nseror Bewegung wird vorgeworfen, dass sie nicht von Männern geführt ist, die berühmte Geschäftsleute sind. Wenn berühmte Geschäftsleute diejenigen sind, die hauptsächlich Geschäftsleute sind, ihr eigenes Vermögen aufzuhauen, dann haben sie keine Zeit, um das Vermögen ihres Volkes zu errichten. (Lebhafter Beifall.) Wir müssen nehmen, was wir bekommen können, wir sind aber ziemlich befriedigt. (Lebh. Beifall.) Die besten Geschäftsleute sind nicht diejenigen, die selbst Vermögen erworben halnm, und der Finanzminister ist gewöhnlich nicht der reichste Mann im Königreiche. (Heiterkeit und Beifall.) Immerhin, nehmen wir an, dass wir schlechte Geschäftsleute haben und dass unsere paar Millionen Francs in Gefahr sind, was wird man aber von den Directoren dieser 300 Millionen sagen? Wie kommt es, dass niemand in Todesangst um diese Männer und diese Millionen ist? Wer sind diese Leute? Da ist ein bmiihmter Finanzmann. Woher soll er aber die Zeit nehmen? Ich vermuthe, dass er bloss das goldene Sehiffshaupt der Gesellschaft ist. Dann ist einer, den ieh 'besonders gut kenne, er ist ein vermögender Mann, ein edler Charakter und Gelehrter, der nie in seinem Leben einen Pfennig verdient hat, der aber vornehm sehr viele Pfennige an der Herausgabe einer periodischen Monatsschrift verloren hat, dieser Oxforder Träumer. (Heiterkeit.) Was thut dieser Gelehrte? — Dann ist da ein Franzose, gleichfalls ein Gelehrter, der in einem Museum angestellt ist. und von dem man schwerlich erwarten kann, d'iss er mit ieherdwi Individuen umzugehen weiss. (Schallende Heiterkeit.) Dann ein anderer, von dem ich weiss, dass er einer der Präsidenten der Alliance israelite ist. Ich würde mir erlauben, ihm höflichst den. Vorschlag zu machen, er wolle doch die jüdischen Zeitungen von vor 40 Jahren lesen. Da wird er einen entsetzlichen Angstschrei wegen eines neuem unheilvollen Unternehmens finden, welches die von den Juden in Europa erworbene Stellung schwer bedroht und die Saat einer Judenhetze aussäet. Er wird entsetzte Correspondenten und ängstliche Familien hören, die die neue Organisation beschuldigen, sie sei politischen Charakters, sie sei gefährlich und unjüdisch. Und diese so gefährliche, so unjüdische neue Organisation war — die Alliance israelite, die gegenwärtig als einer der jüdischen Pfeiler anerkannt ist. Jen bitte den Präsidenten der Alliance israelite, mit den Testamentsvollstreckern einmal 40 Jahre auch in unserem Falle vorauszueilen, von den Lectionen der Geschichte zu lernen und sofort dazu zu gelangen, den Zionismus zu verstehen, unsere Bewegung zu würdigen. Wir bitten den einen, auf den ich anspielte, mit uns zu sein, ehe er ein hundertjähriger Jubelgreis wird und ich hoffe, dass sowohl er wie auch Sir Francis Montefiore mit einander und mit ihrem berühmten Verwandten Sir Moses, weiteifern, werden, da ss sie hundertjährige zionistische Jubelgreise werden. (Heiterkeit und Beifall.) Wenn aber dieTestamentsvollstreeker nicht zu uns kommen, sehe ich keinen Zweck, dem ihre Millionen dienen sollen, nichts als eine Reihe schwacher Versuche. Baron Hirsch war nicht ein verlorener Jude, aber ich fürchte sehr, seine Millionen werden verloren sein. (Heiterkeit.) Sie wissen, wie schön man schon begonnen hat. Aus Mangel an Vorsicht mussten ungefähr 25 Millionen Francs der englischen Regierung als Erbsteuer bezahlt werden. Legen Sie dazu die Millionen, ehe den Rechtsanwälten für das Durchführen dieses Rechtshandels bezahlt wurden und Sie haben gerade Geld genug, um dem Zionismus als erster Fonds zu dienen. Fs ist möglich, dass wir schlechte Geschäftsleute sind. Aber wir können wenigstens sagen, dass trotz aller unserer Auslagen in diesem Augenblicke in der Bank für jedes Pfund, das unsere Aetionäre eingezahlt haben, volle 20 Shilling'in der Bank liegen. (Lebhafter Beifall.) Es ist noch etwas, was wir sagen können: Wir werden niemals eine Erbsteuer zu bezahlen haben, denn imser Geld gehört keinem Menschen, sondern dem Zionismus, und der Zionismus kann niemals sterben. (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Man sagt uns: Der Zionismus ist ein Traum. Wie sollte das anders sein, da ja die Juden schlafen. (Lebhafte Heiterkeit.) Mögen die Juden erwachen, dann * wird er nicht länger ein Traum sein. Der Zionismus hat ein klares Ziel, die Hirsch'sehen Millionen haben keines. Wie ich von Raiästina gesagt habe: Geben Sie das Land ohne Volk dem Volk ohne Land, so sage ich vom Baron Hirschsehen Vermächtnis: Gehen Sie die Millionen ohne Zweck dem Zweck ohne Millionen. (Lebhafter Beifall und Händeklaischen.) Diese Millionen wurden zur Rettung des jüdischen Volkes hinterlassen, und die Directoren können nicht hochmüthig neben ihrem Schatze stehen und Israel leiden und dem Todeskampfe ausgesetzt sein lassen. Wir hören von allen Seiten : Mitleid für die armen Blinden, Gefoppten aus Russland und Rumänien, die in ihrer bitteren Armut sich zn Vereinen zusammen thun, Familie mit Familie Woche für Woche Kleinigkeiten ersparen, um eine Rfund-Actie unserer Bank zu kaufen! Das ist nicht erbärmlich, das ist erhaben. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Die Blindheit der Hirsch'schen Testamentsvollstrecker ist erbärmlich! Aber, werden Sie sagen, sie können nicht die letztwillige Bestimmung einfach beiseite setzen. In England, in meinem praktischen Vaterlande, werden wohlthätige Vermächtnisse sehr oft unigestaltet und zu verständigeren Zwecken verwendet, wenn ihre ursprünglichen veralten. Die zionistische Idee hat sieh so rasch vorwärts bewegt, dass schon jetzt die Hirscli'sche Politik ver-