Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 1 (3.1.1902)
- Article
- Rede Dr. Max Nordaus
- Date
- 1902-01-03
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 1 „Die # Welt40 Seite 5 muss sagen : zum Glücke, keine weiten Ausblicke. Hinter sich sahen sie eine grosse Vergangenheit, die sie tröstete und aufrichtete, um sich sahen sie nur einen ganz kleinen Theil des jüdischen Elends, das sie nicht allzu sehr erschreckte, vor sieh sahen sie eine glänzende Zukunft der Verheissung, die ihnen die Kraft der Zuversicht ciiiflösste. Hätten sie sich über den Zustand des ganzen jüdischen Volkes Rechenschaft gegeben, ihr Vertrauen in die Zukunft hätte vielleicht vor ihrer positiven Kenntnis der Gegenwart nicht standgehalten, und mit der Hoffnung auf sehlwsslichen, wenn auch zeitfernen Sieg hätten sie auch die Bereitwilligkeit zur Fortsetzung des aussichtslos scheinenden Kampfes v verloren. Wir können uns leider nicht mehr in die wohlthätige Unwissenheit unserer Ahnen einspinnen. Wir haben es unternommen, das jüdische Volk für neue Geschicke vorzubereiten, wir müssen deshalb vor allen Dingen eine genaue Anschauung von den wirklichen Verhältnissen unseres Volkes gewinnen, auf die Gefahr hin, flass die Wahrheiten, die wir erfahren, uns bis zur Lähmung erschrecken. Eine strenge statistische Durchforschung des jüdischen Volkes ist eine allererste jNVthweneligkeit für die zionistische Bewegung. Erst sie wird dieser Bewegung eine feste Grundlage geben und sie aus der Sphäre des Gefühls in die der nüchtern praktischen Ausbauarheit herüberleiten. Die Heuchler und Schwätzer, die von der Mission des Judenthums unter den Völkern" faseln, brauchen sich um jüdische Statistik nicht zu kümmern. Sic wissen vom Judenthum genug, wenn sie wissen, wie viel Gehalt sie beziehen und wie viel reiche Leute sie noch in ihrer Gemeinde haben. (Lebhafte Heiterkeit und Beifall. ) Wir müssen mehr wissen. Wir müssen zuverlässig erfahren, wie cl.is Volksmaterial beschaffen ist, womit wir zu arbeiten haben werden. Wir brauchen eine genaue anthropologische, biologische, ökonomische und inteliectuelle Statistik des jüdischen Volkes. Wir müssen zahlenmässigc Antworten auf die Fragen haben : Wie ist das jüdische Volk körperlich beschaffen? Wie gross ist es durchschnittlich? Welches sind seine anatomischen Eigenthümlichkeiten? Welches ist seine Erkrankungsziffer? Welches seine Sterblichkeit? Wie viele Krankheitstage hat der Jude jährlieh im Durchschnitt? Welches ist seine Lebensdauer? An welchen Krankheiten stirbt er? Welches ist seine ElieschliessungszifPer? Welches seine Kinderzahl? Wie viel Verbrecher, Irrsinnige, Taubstumme, Krüppel, Blinde, Epileptiker zählt dasjüdische Volk? Hat es seine eigenthümliebe Criminalität, und welcher Art ist sie? Wie viel Juden sind Stadt-, wie viel Landbewohner? Welchen Beschäftigungen geht das jüdische Volk nach? Wie arbeitet, was besitzt es? Was isst- und trinkt es? Wie wohnt es? Wie kleidet es sich? Wie viel gibt es von seinem Einkommen für Ernährung, Bekleidung, Wohnung, geistige Bedürfnisse aus? All das muss man wissen, wenn man ein Volk wirklieh kennen will. So lange man es nicht weiss, ist alles, was man für das Volk thun will, ein Tappen im Dunkeln, ist alles, was man über diesem Volk sagt, bestenfalls Lyrik, schlimmstenfalls leeres Geschwätz. (Beifall.) Gewiss, es gibt selbst unter den reichsten und gesittetsten Völkern noch nicht viele, die über sieh selbst in der ideal vollständigen Weise Bescheid wissen, wie ich es für das jüdische Volk wünsche. Aber die Völker, die in normaler Weise auf ihrer Scholle sitzen und sich leben lassen können, 'ohne sieh über theoretische Voraussetzungen und Folgen ihres Daseins Gedanken machen zu müssen, können der hellsten statistisehenBeleuehtung elicT entrathen als wir, die von Grund auf einen neuen Volksbau errichten sollen. Lralte Gebäude, die schon Jahrhunderten oder Jahrtausenden getrotzt haben, bestehen empirisch weiter, ob man ihren Grund- und Aufriss und die Beschaffenheit ihres Baustoffs kennt oder nicht. Will man aber ein neues Haus aufführen, so ist die Ausarbeitung eines Plans und die Prüfung der Festigkeit des zu verwendenden Baumaterials unerlässlich. Zur Erfüllung dieser Forderung ist bisher noch so gut wie nichts geschehen. Ein Vorwurf ist dafür gerechterweist1 niemand zu machen. Selbst in vollkommen ausgerüsteten Staaten, die Geld, fachkundige Statistiker und eine kräftige, überall Gehorsam findende Verwaltung haben, ist die Durchführung einer auf der Höhe der Wissenschaft stehenden allseitigen Statistik ein überaus langwieriges, schwieriges und kostspieliges Werk. Uns stehen solche Forsehungsverkzeuge nicht zur Vorfügung. Wir sind auf guten Willen, auf freiwillige Anstrengungen und leider grossentheils auf Dilettantismus angewiesen. Unsere nichtamtliche Arbeit würde mehr Geld kosten als die amtliche der Staatsgewalt und wir haben unvergleichlich weniger Geld als sie. Dass jüdische Millionäre für die Erforschung des jüdischen Volkes Opfer bringen würden, darauf haben wir nicht zu rechnen. Die besten unter ihnen, in denen noch das jüdische Gefühl am regsten ist, interessiere]] sich allenfalls für die jüdische Vergangenheit und stiften günstigenfalls Museen jüdischer Alterthümer und jüdischer Kunst, aber bis zur wissenschaftlichen Erfassung der lebendigen Gegenwart des jüdischen Volkes reicht ihr Interesse nicht. So ausserordentlich schwierig die Aufgabe ist, das Volksleben in allen seinen materiellen und moralischen Anblicken statistisch festzulegen, der Zionismus wird sich ihr gleichwohl nicht entziehe]] dürfen. In Deutschland ist uns einigermassen vorgearbeitet, und wir können bei der Reichsstatistik hospitieren, um an ihren Methoden zu lernen und den die Juden botrelfendon Theil ihrer Arbeiten, so unvollständig er auch noch ist, mit Dank zu benutzen. England, Frankreich, .Nordamerika, Italien, Belgien, Holland, die skandinavischen Länder, die Schweiz haben eine sehr entwickelte Statistik, diese macht jedoch keinen Unterschied zwischen den jüdische]] Staatsbürgern und den anderen, sie bietet uns also nichts für unsere Zwecke. In Oesterreich-Ungarn, Rumänien und namentlich Russland wird, dieser Unterschied gemacht, aber da ist die amtliche Statistik wenig vollständig und wir erfahren aus ihr nicht entfernt alles, was uns über die Verhältnisse des jüdischen Bevölkerungstheilcs zu wissen noththut. Es stehen uns aus diesen Ländern, den wichtigsten für das jüdische Volk, nur einige Arbeiten individueller, nicht verantwortlicher Schriftsteller zur Vorfügung, die nur ganz kleine Thoile des zu bearbeitenden Gebietes umfassen und von denen wir nicht einmal wissen, ob und wie weit sie genau und zuverlässig sind. In diesem wichtigsten Punkte, der positiven Kenntnis unseres Volkes und seine]- wirklichen Verhältnisse, sind wir also schlecht oder gar nicht vorbereitet. Wir sollten mit unanfechtbaren, eisernen Zahlen wirtschaften und wir haben nur allgemeine, verschwommene Empfindungen. Wir fordern von den wenigen Specialforschern der Materie Auskünfte und erhalten Stimmungen. Wir sehen uns nach Demographie um und entdecken Literatur und Kunst. Ich leide hart unter diesem Mangel an erschöpfenden Vorarbeiten. Den]] er macht es auch mir unmöglich, Ihnen etwas anderes zu bieten als rein subjective Eindrücke, wie man sie aus de]]i tägliche]] Lehel], aus dem Gespräche mit Menschen aller Olassen, aus Büchern jeder Herkunft gewinnt, wenn man nicht in der Lage ist. die Fülle der Thatsachen durch geduldige Zählung scharf und nüchtern zu bestimmen. Soll ich mm diese Eindrücke zusammenfassen, so muss i(h sagen, dass das jüdische Volk in seiner Gesanimtheit das unvergleichlich ärmste unter allen Völkern der Erde ist. Ich stelle diese Behauptung ohne Bedingung und Einschränkung hin. Es gibt kein Volk auf Erden, das absolut weniger besitzt als wir, oder auch nur so wenig wie wir. Selbst die tief stehenden Wilden sind absolut reicher als wir. Die Eskimos haben das Recht und den "Raum und den Stoff, ihre Sehneebütten zu bauen, wie und wo sie wollen, und Robben zu jagen, wo sie können. Selbst die Feuerländer dürfen ihre Feuer anzünden und fischen, wo es ihnen