Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1883)
- Date
- 1883-09-18
- Page
- Seite 612 (sequence 2)
- Language
- German
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612 Sichcrhcits- und militärischen Organe kamen in den letzten Jahrhunderten nicht vor; dergleichen Unthaten gehörten nur dem Kriege an und waren, namentlich in der Zeit des absolutistischen Regimes, unbekannt. Gerade deshalb brandmarken sie unser Jahrhundert noch mehr als das Mittelalter. Damals war das Faustrcckit und das Raubrittersystem noch herrschend; jeder kleine Herr und jede Reichsstadt waren auf ihrem Grund-; besitz so gut wie souverän, die Organisation des Staates war eine lockere, die nur in wichtigen Staatsaktionen eine größere Macht entfalten konnte; das Recht war noch wenig entwickelt und! das Rechtsbewußtsein schwach; damals war der religiöse Fanatisinus noch stark, die Volksschulbildung bestand noch gar! nicht, von Aufklärung keine Spur; damals waren die Juden! geächtet und ausgeschlossen, den Vorurtbeilen und dem Hasse prcisgegcbcn, die durch die mannichfaltigsten Fabeln geweckt! und genährt wurden: damals waren die Juden zum Wucher gezwungen, jedes andere Gewerbe ihnen verschlossen, und ihre Schuldner konnten sich am leichtesten durch eine Verfolgung, durch Todtschlag und Vertreibung von ihrer Schuld freimachen. Diese Verhältnisse und Zustände machen die Exccssc des Mittelalters erklärlich und in gewissen Beziehungen entschuldbar. In unserm Jahrhundert ist Alles anders. Wir leben im sogenannten Rechtsstaat, im Staate der bürgerlichen Gleichheit; über Stadt und Land breitet sich ein festes Netz| von Gerichts - und Polizeibehörden mit groser Zahl von! Organen aus; dem Staate steht eine große Militärmacht zu! Gebote, um neben der Sicherheit nach außen die Herrschaft! des Gesetzes im Innern aufrecht zu erhalten. Das Schul-! wesen ist sorgfältig in allen seinen Stufen geregelt; der reli-! giöse Fanatismus ist abgekühlt, für Wissenschaft, Kunst und j Bildung bestehen die mannichfaltigsten Veranstaltungen. Welche Gegensätze gegen das Mittelalter, und wie unschuldig erscheint| dieses in seiner Rohheit und Barbarei gegen ein Jahrhundert entwickelter Civilisation und rafstnirten Gesellschaftsthums, wenn letzteres dennoch Greuel und Schandthatcn hcrvorbringt I und gewissermaßen begünstigt, wie sie eben in Ungarn sich! abspielcn. Wie ein Staat derartigem Unterfangen sofort entgcgcntritt und es bei dessen Beginnen alsbald unterdrückt, hat der preußische Staat gezeigt, als in Pommern und Preußen sich derartiges Gelüste des antisemitischen Pöbels bekundete. In Rußland hatte das Jgnatiew'sche Regiment ein gewisses Wohlgefallen an den Unthaten, die an den Juden verübt wurden, und mit dem Sturze desselben endigten die Judenverfolgungen oder hatten doch nur einige Nachspiele, denen die Negierung mit aller Strenge entgegentrat. Anders liegt eS in Ungarn. Hier besteht eine freisinnige konstitutionelle Verfassung; ein Ministerium Coloinan Disza steht an der Spitze, das sich stets des unbedingten Liberalismus rühmte und mit großen Worten durch den Mund seines Präsidenten verkündete, daß es jede Auflehnung gegen das Gesetz energisch Niederschlagen werde. Gerade das Gegentheil ist eingetreten. Die Preßfreiheit wurde in zügellosester Weise mißbraucht und man sah dem ruhig zu; die Rechtspflege wurde aufs Schmählichste verwandt, um das Volk aufzuwiegeln, und die Regierung schützte diese Bemühungen; im Parlament saßen nur fünf Antisemiten, und dennoch beförderte es durch sein Stillschweigen den raschen Anwachs des Antisemitismus. Alle Organe der Verwaltung, der Justiz und Polizei sahen müßig zu, wie die Saat des Bürgerkrieges, der Pöbelexcesse, der Plünderung und des Todtschlagcs, zuletzt der Brandstiftung ausgestreut wurde; sie sehen noch heute fast müßig zu, wie durch bekannte Personen Räuberbanden organifirt werden, welche in die Städte cinsallen. das Land durchziehen, die Dörfer terrorisiren und Mord, Raub und Brand verüben; der Schutz, den der Staat jedem seiner Angehörigen für Leben und Eigcnthum schuldet, hat aufgehört und ist zum Spott wüster Räuber und Plünderer geworden. So lange! derartige Seenen in Rußland spielten, sagte man, das wäre! nur dort möglich, bei einem halbcivilisirten Volke und in j einem völlig automatischen Staate. Ungarn aber zählte fick mit Stolz und mit prahlerischen Worten zu den civilisirten Staaten und blickte mit Genugthuung auf seine freisinnigen Institutionen, auf feinen Parlamentarismus und seine Selbstverwaltung in den Eomitaten und Municipien. sticht selten rühmte cs sich, daß sein Boden mit dem Blute unschuldiger Juden nicht befleckt worden sei. Nun, wir hätten es lieber gesehen, daß es in der mittelalterlichen Zeit an den damaligen Barbareien Theil genommen hätte, anstatt das Jahrhundert der Kultur, des Rechtsstaates, der Wissenschaft und Bildung mit solcher Schmach zu bedecken. Diese Geschehnisse bieten ein Problem, dessen Lösung mannichfache Schwierigkeiten bietet. Tenn was auch unsere Gegner behaupten, um den Juden selbst die Schuld aufzuladen und in ihnen die eigentliche Ursache dieser Volks- oder vielmehr Pöbclwuth zu sindcn: die Beweisführung mißglückt überall. Seitdem der Staat und das Leben die gesetzlichen Schraicken uiedergerissen, haben die Juden überall das eifrigste Streben bethätigt, sich der Eultur, dem allgemeinen und dem j Volksleben anzuschließcn, in Wissenschaft, Industrie und Gej werbe alle Bahnen zu betreten und so viel wie möglich aus! jeder Sonderstellung herauszukommen. Gerade in Ungarn | haben die Juden in den letzten Jahrzehnten sich der magya-; rischen Tendenz mit übergroßem Eifer eingclebt, die magyarische Sprache sich angceignet und dem nationalen Leben sich hingegeben. Sie haben nichts Partikularistischcs außer ihrem Cultus gepflegt. Alle Nachrichten heben hervor, daß die Aufläufe gegen sie gerade an solchen Orten vorzugsweise losbrachen, wo sie mit ihren christlichen Mitbürgern in Frieden! und Einverständniß gelebt und wo sie zu einem großen Theile j Don denselben Gewerben, dem Feldbau und dem Tagelohne