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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-06-26 · Heft 26 (26.6.1883) · p. Seite 416

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 26 (26.6.1883)
Date
1883-06-26
Page
Seite 416 (sequence 2)
Language
German
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416 eitig provisorische Ausnahmereglements mit harten Jnstruc-! tionen gegen die unglücklichen Hebräer erlassen und streng! ausgesührt. Tausende wurden von Städten und Landstrichen, wo sie seit Jahrzehnten ansässig waren, hinausgejagt, ohne Heimstätte, ohne Obdach, ohne Erwerb, dem tiefsten Elende preisgegeben; Grund und Boden zu kaufen, zu pachten, zu bearbeiten ist ihnen untersagt; viele Erwerbszweige auch in gesetzlichster Weise zu betreiben, verboten, aus dem Eisenbahndienste entlasten, und so dem Hunger und Verkommen überwiesen. Und was das Schlimmste ist, das Volk lernt sie hierdurch als rechtlos und vogelfrei, als selbstverständliche Objekte des Haffes ansehen und dies wird sich bei erster Gelegenheit in furchtbarer Weise geltend machen. Herr Geheimrath! erbarmen Sie sich dieser verzweifelnden drei Millionen russischer Unterthanen, die, wenn sie mit Gerechtigkeit und Humanität behandelt werden, zu den treuesten fleißigsten, mäßigsten und steuerfähigsten Angehörigen des Staates zählen! Ihr einflußreiches Wort, Ihre wirksame Bertheidigung, Ihre volltönende Fürsprache würde die Erlösung für diesen uralten Stamm, der schon so viele Wechsel des Geschickes bestanden, bedeuten, würde den Impuls zu ihrer Befreiung geben, würde das Losungswort einer besseren Zeit für sie sein. In diesem Augenblicke wird die feierliche, heilige Krönung des Kaisers Alexander III., den Gott segne, vorbereitet. Zu diesem erhabenen Momente wird des Kaisers Majestät eine Fülle von Gnaden über die Ihm von Gott anvertrauten Völker ausgießen — das wäre der Zeitpunkt, wo Sie, geehrter Herr Geheimrath, die Aufmerksamkeit des großherzigen Herrschers auf den aufs tiefste gebeugten Theil seiner Völker lenken könnten, daß auch diesem die kaiserliche Gnade und Gerechtigkeit zugewendet, ihm die Rechte gewährt würden, die allen anderen Angehörigen des russischen Staates gewährt find, daß die ihr ganzes Dasein sestelnden Ausnahme- und Bedrückungsgesetze aufgehoben würden, daß fie Menschen und Rüsten sein könnten! Ja, Herr Geheimrath, Keiner weiß bester als Sie, daß wir Alle vor dem Forum der Geschichte stehen, daß wir Alle vor dem Gerichte der göttlichen Weltordnung stehen, daß wir Alle gewogen werden, je nachdem wir unseres Berufes gewaltet haben! Gerechtigkeit und Humanität rufen wir an, und nach dem Maaße, daß diese in den Staaten und Völkern walten, steigen diese in die Höhe oder — von ihrer Höhe hinab! Sehen Sie, hochverehrter Herr Geheimrath, einem hochbetagten Greise gütig nach, wenn er warm geworden, und offener Sprache sich bediente, da er weiß, daß er zu einem Manne spricht, der für Patriotismus und Humanität ein offenes Ohr, ein tiefes Verständniß hat, der von jeglichem Vorurtheile frei ist! Gott segne Sie und erhalte Sie noch lange in dem hohen Berufe, der Ihnen geworden! Mit der Versicherung aufrichtiger Hochachtung Ihr ergebenster vr. Ludwig Philippson, emerit. Rabbiner, Redacteur der A. Z. des Jud., Inhaber der großen goldenen russischen Medaille pro meritis, mit dem Bildniß des Kaisers Nicolaus I., eines Ehrenringes vom Kaiser Alexander II., Ritter des Königl. preußischen Kronenorden. Es ist natürlich von großem Werthe, die öffentliche Meinung kennen zu lernen, wie sie sich jetzt in Rußland kundgiebt. Wir geben deshalb hier eine Corrcsspondenz der „Polit. Corr." wieder, aus welcher wir jedoch mehr auf das Factum Gewicht legen, worüber darin berichtet ist, und besten wir schon in voriger Nr. kurz erwähnten, als auf die Raisonnements, mit denen es eingeleitet ist: „Die Bedeutung der sich täglich verschärfenden Judenin Rußland darf nicht unterschätzt werden. Ihre Lösung erscheint um so dringlicher geboten, als die Juden durch ihre Verbindungen mit den europäischen Eentren in der Lage sind, sich für jeden Angriff seitens der russischen Bevölkerung dadurch sofort Genugthuung zu verschaffen, daß sie den russischen Geldmarkt in eine plötzliche Erschütterung versetzen. Es ist einfach eine natürliche Reaction des Selbsterhaltungstriebes, wenn sie sich dieser einzigen Waffe, die ihnen ihren Unterdrückern gegenüber zur Verfügung steht, bedienen. Sie ziehen auf das erste Alarmsignal ihr und ihrer ausländischen Glaubensgenossen Capital vom russischen Markte zurück, d. h. sie entziehen der russischen Regierung den greifbaren Ausdruck ihres Vertrauens, in der logisch wohlbegründeten Ueberzeugung, daß eine Regierung, die ihre Unterthanen nicht zu schützen vermag, kein Vertrauen verdiene. Angesichts der letzten Excesse der Bevölkerung von Rostow am Don gegen die Juden, bei welcher Plünderungen von Häusern und Läden vorkamen, läßt sich die ernste Beschäftigung mit der Judensrage nicht länger hinausschieben. Es ist unmöglich, daß die Regierung ihre Augen vor der drohenden Gefahr verschlossen haben sollte, und man darf annehmen, daß sie durch eine neue Erfahrung über die Erfolglosigkeit bloßer Polizei Maßnahmen bei chronischen Schäden belehrt, den festen Entschluß fassen wird, diesem Stande der Dinge ein Ende zu machen, indem sie die Arbeiten der mit dem Studium der 2udenfragc betrauten Commission beschleunigt. Das practische Resultat dieser Arbeiten würde wohl in nichts Anderem als in der Emancipation der jüdischen Bevölkerung bestehen, damit dieselbe, wie in anderen Staaten mit allen bürgerlichen Rechten ausgestattet, nicht länger hinter ihre exclusive Situation sich verschanzen könne, um sich ihren bürgerlichen Pflichten zu

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