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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-03-01 · Heft 9 (1.3.1881) · p. Seite 145

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 9 (1.3.1881)
Date
1881-03-01
Page
Seite 145 (sequence 13)
Language
German
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Aeuil £. von Hellwalun- -ie Laukafischen Juden. F. von Hellwald, der Verfasser der jetzt verschollenen Culturgeschichte, die so viele aus Jrrthum und Mangel an Kenntnissen geflossene Behauptungen enthält, übrigens auch der Autor zahlloser Schriften und Redacteur des srüher so angesehenen und inhaltreichen „Ausland", fährt fort, auf jede mögliche und unmögliche Weise, den antisemitischen Anschuldigungen Nahrung zuzuführen. So hieß es jüngst im „Ausland ": „Wenn ein Jude in Transkaukasien im Sterben liegt, so treten seine Freunde an das Lager und drehen ihm im Augenblicke des Todes das Genick derartig um, daß das Geficht nach hinten steht. Auf die Proteste der nächsten Angehörigen, wenn diese etwa glauben, daß der rechte Moment noch nicht gekommen sei, wird nicht geachtet; das Umdrehen muß mit einem scharfen, kräftigen Ruck erfolgen, sobald der Sterbende den letzten Seufzer aushaucht, und um nicht zu spät zu kommen, kommt man lieber etwas zu früh. Es kommt vor, daß der Patient statt des letzten Seufzers ein heftiges Gebrüll ausstößt und das völlige Umdrehen hindert; ja es giebt Leute, die danach wieder gesund geworden sind und einen schiefgedrehten Kopf als Andenken an die versuchte Operation behalten haben. Allein das find Ausnahmen, in den meisten Fällen ist der Todeskampf mit dem Genickumdrehen vorüber." Wir brauchen nicht erst zu sagen, daß dies einfach Lüge ist. Aber was einem auf Wisienschaftlichkeit Anspruch machenden Blatte zu besonderer Unehre gereicht, das ist, daß hier etwas als wahr und bestehend berichtet wird, was der natürlichen Beschaffenheit nach ganz unmöglich ist. Die Sache macht z. B. in Wien einiges Aufsehen, und anatomische Autoritäten der Wiener Hochschule erklärten nicht allein die Unmöglichkeit eines solchen Genickbrechens, sondern führten am 5- Januar auf dem anatomischen Sezirsaale Experimente an einer dazu ganz besonders qualiftcirten Leiche aus. Dieselben mißlangen jedoch. Die anstrengendste Drehung durch drei kräftige Männer konnte den Kopf nicht um 180 Grad drehen und der Kopf kehrte sofort wieder in seine ftühere Lage zurück. Bei der darauf vorgenommenen Section fand sich keine andere Verletzung als eine kleine Dehiscenz des Ligamentum longitudinale anterius zwischen dem fünften und sechsten Halswirbel. Diejenigen, welche sich genauer über den ganzen Vorgang unterrichten wollen, finden einen längeren Aufsatz im Abendblatt der „Neuen freien Preffe" vom 13. Januar. Dieselbe hebt hervor, daß hiermit nicht allein eine interessante anatomische Beobachtung gemacht, sondern auch ein absichtt e f o n. lich vorgebrachter ethnologischer Jrrthum zerstteut worden, der sich sonst, wie es zu geschehen pflegt, durch die ganze antisemitische Literatur sortgepflanzt hätte. Vermischtes. Ein polnischer Jude — ein amerikanischer Erzbischof und seine Erben. Man schreibt aus Brünn: So seltsam, ja unglaublich die nachfolgende Erzählung klingt, so ist dieselbe dennoch Punkt für Punkt wahr. In den Bereinigten Staaten Amerikas starb bereits vor längerer Zeit der Erzbischof Kolb und hinterließ ein Vermögen von 11 Millionen Dollars in Baarem und in Papieren und Güter im Werthe von 2 V2 Millionen Dollars. Als nach seinem Ableben das Testament eröffnet wurde, erregte es keine geringe Sensation, als in demselben seine zwei Brüder mosaischer Confession, deren Aufenthalt ihm jedoch nicht bekannt war, zu Universalerben eingesetzt waren. Die dortige Regierung forderte demnach die Erben in verschiedenen amerikanischen Blättern auf, sich zu melden und ihre Identität nachzuweisen. Lange blieb dies erfolglos. Vor einiger Zeit erst erfuhr der in Lemberg ansässige Handelsmann Israel Kolb von diesem Aufrufe in den Zeitungen und erinnerte sich daran, daß sein jüngster Bruder vor 36 Jahren spurlos verschwunden sei. Er setzte sich nun in's Einvernehmen mit seinem in Czernowitz lebenden Bruder Chajim Kolb und die Beiden erlangten Gewißheit, daß der verstorbene Erzbischof ihr leiblicher Bruder war, sich in Amerika in seinem 18. Lebensjahre hatte taufen laffen und bis zu so hoher Stuse gelangt war. Die beiden Zukunfts miüionäre haben einen Schwager Moses Ehrensthast, der ehemals Restaurateur in der Salzgrieskaserne zu Wien war, dann jedoch herabkam und gegenwärtig hier in Brünn als „Hausirer mit alten Hüten" eine stadtbekannte Persönlichkeit ist. Sein Schwager in Lemberg hat ihn von dem bevorstehenden Glücke bereits brieflich verständigt. In dem betreffenden Schreiben verspricht er ihm einen bedeutenden Antheil an dem Erbe und theilt ihm mit, daß er bereits mit den nöthigen D okumenten versehen ist und noch vorerst beim Kaiser um Audienz ansuchen, dann ober die Reise nach Amerika antreten wird, bei welcher Gelegenheit er seinen Bruder in Brünn besuchen will. Beide Brüder waren ehemals wohlhabend, lebten jedoch seit längerer Zeit in dürftigen Verhältnissen.

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