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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-02-03 · Heft 5 (3.2.1880) · p. Seite 66

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 5 (3.2.1880)
Date
1880-02-03
Page
Seite 66 (sequence 2)
Language
German
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66 großen Vorgänger, den Hauptträger der spanisch-jüdischen Blüthezeit, auf Moses Maimonides. In diesem sehen wir die tief eingehende Religionsphilosophie mit der traditionellen Gestalt des Judenthums übereinstimmend verbunden. Maimonides strebt in philosophischer Beziehung nach der Harmonisirung der aristotelischen Philosophie mit der jüdischen, schristgemäßen Gotteserkenntniß; er verwendet zugleich sein Genie auf eine Fixirung und Systematisirung des ganzen traditionellen Gesetzesstoffes, und er vermittelt endlich beide durch die Erörterung der höheren Zwecke des Gesetzes, die sog. nnsa 'ayts. Wir haben hier nicht zu untersuchen, wie weit ihm alle diese Bestrebungen gelungen seien. Wir haben jedenfalls in allen diesen glänzende Erzeugniffe seines Geistes und sie wirkten bestimmend auf die folgenden Zeiten. Bietet uns nun Moses Mendelssohn ein gleiches Bild dar? Die eigentliche Lebenssphäre Mendelssohn's war die philosophische. Seine Richtung war die deistische. Mit aller Kraft strebte er dahin, den Deismus als die wahre Gotteserkenntniß aufzustellen, zu begründen, zu erweisen. Wir brauchen nicht zu bemerken, daß dieser Deismus inhaltlich mit der Lehre des Judenthums völlig übereinstimmt. Aber Mendelssohn stellte sich hierbei nicht blos auf die eigenen Füße und verfolgte sein Ziel nur mit den Mitteln des vernünftigen Denkens, des Menschenverstandes, sondern er vermied auch jede Hinweisung auf das Judenthum und zog niemals das Schriftwott zur Hülfe für Ausdruck und Begründung heran. Dies ist aber nicht etwa von blos äußerlicher Bedeutung, wie wir weiter unten in der Bettachtung des Deismus überhaupt eröttern werden. Neben diesem völlig selbstständigen Deismus hielt aber auch Mendelssohn an der traditionellen Gestalt des jüdischen Gesetzes fest, und da er hierfür eine Erklärung zu geben gedrungen war, suchte er sich dadurch zu helfen, daß er dem Judenthume den dogmatischen Inhalt absprach, es nur als ein geoffenbartes Gesetz betrachtet wiffen wollte, das als eine geschichtliche Thatsache feststehe. Abgesehen also von der großattigen Einwirkung, welche Mendelssohn durch seine Persönlichkeit, seine Stellung und seine Arbeiten auf die Juden seiner und der nächsten Zeit übte, so fehlte ihm doch für das Judenthum selbst jede wirkliche Vermittelung zwischen seiner Philosophie und seiner Otthodoxie, jede Coincidenz für Lehre und Gesetz, wie wir sie bei Maimonides gefunden. Seine philosophische Anschauung war zwar nicht dem Judenthume entgegen, jedoch gänzlich von ihm getrennt; seine Auffassung des Judenthums war eine durchaus beschränkte, starre, die auf nichts beruhte, als auf der Annahme einer vor Jahrtausenden geschehenen Thatsache, die er geistig nicht einmal zu begründen suchte, und welche hiermit gezwungen war, das ganze Wesen des Judenthums auf das überliefette, für unveränderlich ausgegebene Gesetz zu beschränken, welches doch in seiner wirklichen Geschichte seit der Offenbarung auf Sinai die mannigfaltigsten Veränderungen angenommen hatte. Es war dies eben nur möglich, weil Mendelssohn, des geschichtlichen Sinnes überhaupt baar, von der Geschichte des Judenthums keine Notiz nahm, um es gelinde auszudrücken. Ohne also hier auch über die Leistungen Mendelssohn's zu uttheilen, ist es doch einsichtlich, daß dieser Standpunkt, die Unvermitteltheit des Deismus mit dem Judenthume, die Vernachlässigung des ganzen Gedanken- und Lehriuhalts des letztem und die Unantastbarkeit des tradirten Gesetzes als Thatsache, auf das nächste halbe Jahrhundett für das Judenthum von sehr nachtheiliger Wirkung war. Die „aufgeklärten" Juden waren nach Mendelssohn Deisten und sahen das Judenthum nur als die erstartte Masse der Ritualsatzungen an, so daß sich für sie eine Brücke zwischen beiden gar nicht vorfand. Der religiöse Jndifferentismus nahm überhand, die Synagoge ließ völlig unbefriedigt, stieß vielmehr ab, und erweckte sogar eine feindliche Stimmung. Viele verließen das Judenthum, theils in religiöser Indifferenz, theils indem sie christlichem Mysticisinus anheimfielen, wie z. B. die Tochter Mendelssohn's selbst, Dorothea. Es war geradezu fast der gefährlichste Zustand, welchen das Judenthum je durchzumachen hatte. Jndeß die Entwicklung ging glücklicher Weise vorwärts. Der Deismus selbst wurde durch die kritischen Untersuchungen Kant's in der Philosophie entwurzelt. Kant wies nach, daß sich auf metaphysischem Wege allein das Dasein Gottes nicht erweisen laffe, und daß somit als eine bloße Vemunftreligion der Deismus des Fundamentes entbehre. Man beschritt daher einen anderen Weg, indem man die Gottesidee als eine „eingeborene Idee" des Menschen anerkannte. Dies nachzuweisen, mußte man zur Geschichte der Menschheit zumckgehen. Und hier war es, wo das Judenthum für die Gotteserkenntniß seinen ganzen Werth, seine Unentbehrlichkeit wieder erlangte. Der Deismus konnte nur noch als das Resultat der religiösen Idee, als der höchste Extract aller positiven Religionen fottbestehen, und da fand er im Judenthume nicht blos seine eigentliche Wurzel, sondern auch die reine, unverfälschte monotheistische Lehre. Es lag in den geschichtlichen Verhältnissen, daß der Deismus in seiner allgemeinen Verbreitung zu dieser Anerkennung des Judenthums als seiner Mutter, als seiner festesten Stütze noch nicht gelangte. Wohl aber mußte dieselbe in den Juden selbst erstehen und sich schnell zum vollen Bewußtsein in ihnen herausbilden. Hier war es, wo die deistische Anschauung nicht blos als ein Resultat des Denkens, sondern als eine viertausendjährige, in der ganzen Breite einer Volksmaffe bestehende, auf einen geheiligten Ursprung zurückgehende und ununterbrochen durch alle Generationen übettragene religiöse Lehre und Erscheinung sich darstellte, deren sorgfältige Erhaltung die Mission und Geistesarbeit dieses Volkes gewesen und ist. Diese Anschauung zündete, schuf sich insonders die jüdische Homiletik, die Anfangs ihr Hauptttäger war, bis sie

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