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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-01-20 · Heft 3 (20.1.1880) · p. Seite 36

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 3 (20.1.1880)
Date
1880-01-20
Page
Seite 36 (sequence 4)
Language
German
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36 die die neuere christliche Kunst in Musik und Malerei aufzuweisen hat." Hiller muß eine sonderbare Vorstellung von der „logischen Consequenz" haben. Allein man ist schon in unserer Zeit! daran gewöhnt, einen Ausdruck angewendet zu sehen, wo gerade das Gegentheil stattfindet. Es soll eine „logische Consequenz" der Befreiung durch Moses Mendelssohn sein, daß seine Enkel christlich-pietistische Mufikstücke und Malereien gefertigt haben! Es giebt nicht Wenige, welche in diesem Pietismus keine „Befreiung", sondern das Gegentheil finden. Nach Hiller wäre es also eine logische Consequenz, daß die Befreiung in ihr Gegentheil führe, daß die Loslösung von der Stabilität der jüdischen Orthodoxie zum christlichen Mysticismus führe. So weit wir die Schriften Hiller's kennen, hat er selbst an fich dies nicht erfahren. Auch scheuen wir uns nicht, zu sagen, daß Kunst und Ueberzeugung fich durchaus nicht immer decken. Auch aus den Schriften Felix Mendelssohn's fieht man nirgends den Pietismus Herausblicken, und doch besitzen wir die Auslastungen dieses edlen und charakterfesten Mannes in seinen intimsten Beziehungen. In dem Briefe seines Vaters an seine Tochter zu deren Confirmation spricht sich nicht einmal eine deistische Ueberzeugung aus. Wir haben also in obiger Expectoration Hiller's nichts als die Bemühungen eines getauften Juden, den Uebertritt zum Christenthume in mehrfacher Weise zu bemänteln. Er soll ein „Zwang" sein, bald als Deutschthum, bald als Ueberzeugung, bald als! Macht der Verhältniste. Schwerlich hat er damit den ge-! tauften Juden einen Dienst erwiesen, denn er giebt zwar eine! Erklärung, aber keine Rechtfertigung. Wir deutschen Juden! weisen aber seine Erklärung entschieden zurück, denn wir fühlen j uns vollgültig als Deutsche wie als Juden. j Nun zu Paulus Castel. I (Schluß folgt.)! Lazarus über Nationalität. Bekanntlich haben die jetzigen Judenfeinde zum Mittelpunkte ihrer Agitationen die Behauptung gemacht: die Juden seien eine fremde Nationalität mitten im deutschen Volke, von wo aus die Einen uns zurufen: Nationalifirt Euch, werdet Deutsche — die Anderen schreien: Sie werden niemals fich nationalifiren, niemals Deutsche werden! Daß sie hiermit nur ihre niedrigen Leidenschaften, Neid und Mißgunst und religiösen Fanatismus, verdecken, und das im deutschen Volke jetzt recht lebendige Nationalgefühl benutzen wollen, den Haß gegen uns aufzureizen, verkennt wohl Niemand. Um so verdienstlicher ist es von Profeffor Lazarus, gerade gegen diesen scheinbaren Mittelpunkt einen kräftigen Angriff zu richten. Ein von ihm über die Frage: „Was heißt national?" gehaltener Vortrag ist soeben (Berlin, Dümmler's Verlag, 1880) im Druck erschienen. Mit vielem Geschick stellt Lazarus seine eigene Ansicht nicht in's Vordertreffen, damit den Gegnern die Gelegenheit genommen sei, zu sagen, die Definition der Nationalität sei hier im Jntereffe der Juden zurechtgestellt. Er führt vielmehr zwei gewichtige Autoritäten an: R. Boeckh und Rümelin. Der Erstere zeigte, daß nicht die gleiche Art der Wohnung, der Sitten und Gebräuche die Einheit einer Nation ausmacht, auch nicht das Territorium und die Staatsangehörigkeit. Ebenso wenig bildet gegenwärtig die Religion und selbst nicht die Abstammung die Nationalität. Denn alle diese Momente sind in gleichem Maße in Menschengruppen vorhanden, welche keine Nation ausmachen, und umgekehrt! sind in derselben Nation Menschen vereinigt von verschiedenen j Sitten, Territorium, Staaten, Religion und Abstammung.! Es werden hierfür genügende Beispiele angeführt. Boeckh I findet daher das wesentliche Kennzeichen in der Sprache, die das unverkennbare Band ist, welches alle Glieder einer Nation zu einer geistigen Gemeinschaft verknüpft. In dieser „geistigen Gemeinschaft" liegt aber das eigentliche Moment. Ueber die Sprache hinaus ist es der Volksgeist, das Volksbewußtsein, die sich im Laufe der Geschichte und in dem historischen Bildungsprozeß eines Volkes entwickeln, sie find es, die den Inhalt des nationalen Lebens, die Nationalität ausfüllen. Und hierfür citirt uns Lazarus außer seiner eigenen Ausführung die bedeutungsvollen Worte Rümelin's. Nach dieser theoretischen Erörterung kommt der Redner zu der practischen Frage: was also find wir deutschen Juden? Die Antwort kann natürlich nicht ftaglich sein, und Lazarus erweist von hier ab negativ und positiv mit den schlagendsten Gründen, und so sonnenklar, daß nur dem von Vorurtheil und Haß Befangenen ein Widerspruch möglich ist: daß den deutschen Juden die deutsche Nationalität vollständig zu eigen ist. Sprache, Vaterland, Geistesbildung und innigste Theilnahme an Volks- und Staatsleben begründen und beweisen diese deutsche Nationalität der deutschen Juden, die gar nicht in Frage gestellt werden sollte. Freilich find wir Juden der Abstammung nach Semiten. Aber in Deutschland giebt es Massen von Deutschen, deren Abstammung durchaus eine verschiedene ist. Stammt doch selbst Kant von Schotten ab. > „Uebrigens", sagt Lazarus treffend, „ist diese ganze Blut- und! Racentheorie ein Ausfluß des grobfinnlichen Materialismus.! Wer auf der einen Seite zugiebt, daß der sittliche Charakter und die Culturentwicklung durch das Blut und seine Erbschaft; bedingt ist, der darf nicht die siegende Macht der Idee, die; wirksame Gewalt des Gedankens und die Kräfte des Gemüths 1 anerkennen." Soll aber einmal vom Blute die Rede sein, dann ist das semitische Blut „vom edelsten, das in Menschen- I adern rinnt". Hierfür führt Lazarus christliche Zeugen wörtlich

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