Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1878)
- Date
- 1878-12-24
- Page
- Seite 818 (sequence 2)
- Language
- German
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Politik auszeichnet, benutzte Rußland die ihm günstigen Umstände 1870, die ihm auferlegten Verpflichtungen abzuschütteln, und 1877 den großen Kampf gegen die Türkei zu erneuern. Deutschland war neutral, Oesterreich zuwartend, Frankreich passiv, und selbst in England war die Regierung durch eine heftige Opposition und die Neigung des Volkes für die Befreiung der christlichen Volksstämme zur Unthätigkeit gezwungen Der Anfang unseres Jahres brachte den russischen Waffen den Sieg, und der Friede von San Stefano schien den vollständigen Ruin des türkischen Reiches zu besiegeln. Da raffte sich Europa zum Widerspruch auf, und England war es, das eine thätige Rolle übernahm. Seine Flotte ging nach Constantinopel und seine Erklärungen bezeugten unzweideutig seinen Willen, im Nothfalle den Kampf aufzunehmen. Die europäischen Mächte traten auf seine Seite, und der Berliner Congreß und durch ihn der Berliner Vertrag kam zu Stande. Rumänien, Serbien und Montenegro wurden unabhängig, Bulgarien ein eigener, Rumelien ein autonomer Staat, Griechenland wurden bedeutende Grenzstriche verheißen, Rumänien bekam die Dobrudscha, England hatte sich vorher schon Cypern und die Schutzherrlichkeit über Kleinafien zusichern lassen, und endlich occupirte Oesterreich Bosnien und die Herzegowina. Unverkennbar hatte die endgültige Theilung der Türkei begonnen und die geschichtliche Consequenz deutet unzweifelhaft auf nachfolgende Acte derselben Natur hin. Denn auch Rußland hatte sich nicht vergeffen und außer der Rücknahme des rumänischen Beffarabiens einen bedeutenden Küstenstrich von der asiatischen Türkei gewonnen. Warum, fragen wir da, warum ist es England, das so entschieden in die orientalische Frage eintrat? Der Schwerpunkt aller englischen außereuropäischen Jntereffen liegt in Indien. Nun hat aber Rußland im letzten Jahrzehnt gewaltige Fortschritte in Centralasien gemacht. Wie auf der einen Seite es an der Grenze Persiens, so ist es in Centralasien bereits an der Grenze Afghanistans angelangt, wenigstens hat es bereits bei diesen Völkerstämmen, die sich von Süden her von England bedroht glauben, einen mächtigen Einfluß erworben. Nichts ist darum natürlicher, als die Spannung zwischen Rußland und England, welches letztere dem ersteren die Wege nach Indien sowohl durch Kleinasien und Persien als durch Afghanistan verlegen muß. Die Briten fühlen ihre Machtstellung und Besitzungen in Asien bedroht und ihre Energie läßt sie nicht schwanken, die kräftigsten Maßnahmen zu ergreifen. Der Berliner Vertrag hat die beiden Rivalen in der europäischen Türkei und Kleinasien zum Halt gebracht; jetzt wird nach demselben Ziele nordwestlich von Indien gestrebt, indem die Briten die afghanischen Grenzgebirge besetzen und befestigen werden. Der bei dem Herrscher von Afghanistan zur Geltung gekommene Einfluß Rußlands bot den Engländern die Gelegenheit, an dieser Stelle ihre Macht zu consolidiren. — Aber wir müssen diese schwerwiegenden Vorgänge noch von einem höheren geschichtlichen Standpunkte beurtheilcn. Wie wir bereits in diesem Blatte wiederholt ausgeführt haben, ist die heutige orientalische Frage nicht das Ergebniß zeitweiliger Derhältniffe, sondern eine Etappe in dem die ganze Geschichte der Menschheit durchziehenden Kampfe zwischen dem Orient und dem Occident. Aus der Mitte Asiens zogen schon in vorgeschichtlicher Zeit die Völkerschaften theils über das Meer, theils um den Nordrand des schwarzen Meeres nach Europa. Später drangen dann neue Völkerstämme vom Morgenlande her; aber die ansässigen Nationen erhoben sich zuerst zur Abwehr, dann um ihrerseits die Herrschaft über den Orient zu gewinnen. So überflutheten die persischen Heere Griechenland, wurden vernichtet, und bald darauf unterwarf der große Makedonier die asiatischen Länder. Die Karthager drangen in Spanien und Sicilien und über die Alpen in Italien ein, unterlagen jedoch dem römischen Schwerte, das nachmals bis an den Tigris drang. In der Völkerwanderung kam ein neues Völkergeschlecht aus Asien nach Europa und begann hier einen neuen Culturprozeß. Nur vorübergehende Wirkung hatte der Ansturm dieser Völker gegen den Orient, den man die Kreuzzüge nennt. Dagegen drangen unter dem Halbmonde asiatische Völker, die Araber voran, die Seldschucken, die Mongolen und Tartaren und die Türken durch Nordaftika nach Spanien, Sicilien, ganz Griechenland und Rußland, und die Türken sogar bis Wien. Aber die europäischen Nationen hielten ihnen Stand, vertrieben sie wieder aus allen ihren Stationen in Europa, und der letzte Act dieser Abwehr ist die gegenwärtige Zerstückelung des türkischen Reiches. Aber noch mehr. Die abendländischen Völker mit der Expansivkraft und den Mitteln der höheren Civilisation drangen jetzt auch in Asien ein, um es ihrer Herrschaft zu unterwerfen. Ihre Vertreter sind die Engländer von der See her, die Ruffen zu Lande; den ersteren fielen zunächst die reichen indischen Gebiete zu, die letzteren mußten sich mit den öden, sibirischen Landstrichen begnügen, bis sie allmälig Kaukasien, große persische Provinzen eroberten, das caspische Meer zu einem russischen machten und ihre Obmacht über Centralasien ausdehnten; jetzt breiten die Briten ihre Schutzherrlichkeit auch über Kleinasien aus. So bleiben nur noch die beiden Ostreiche China und Japan übrig; aber auch in diese drangen die Europäer, einschließlich die Nordamerikaner von der Seeseite her ein und die russischen Waffen stehen an der Grenze von China, mit welchem ein Conflict nicht ausbleiben kann. Dies ist die Lage in der Gegenwart. Es bleiben für die Zukunft nur die zwei Fragen: werden die beiden europäischen Großmächte sich in die Herrschaft über Asien zu theilen verstehen, oder dort einen langen, aufreibenden Kampf zwischen sich entbrennen lassen? Und dann: werden die 240 Millionen Inder, die 350 Millionen in China u. s. w., wenn sie sich erst die Mittel der Civilisation angeeignet haben, für immer die europäische Herrschaft