Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 37 (10.9.1878)
- Date
- 1878-09-10
- Page
- Seite 580 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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580 danach behandelt. Die äußere Erscheinung des jüdischen Lebens' ist gerade nicht dazu geeignet, das besagte Vorurtheil zu be-, seitigen, vielmehr ist es so beschaffen, selbst einen unparteiischen, aber oberflächlichen Beobachter gegen uns einzunehmen. Sind schon die ganze äußere Erscheinung meiner einheimischen Glau-! bensgenoffen, ihre halbaflatische und vernachläsflgte Tracht, ihr > babylonischer Jargon, ihre ungeschliffenenen Manieren und Ge-( berden nicht gerade Sympathie erweckend, so muß der Jude, durch seine ausschließliche Beschäftigung mit Handel und Gej werbe seinem christlichen Mitbruder Concurrenz bietend, ihm , geradezu zum Gegenstände des Haffes werden, den zu bekämpfen,! er, der Christ, vor keinen Mitteln in seinem Gewiffen zurückzuschrecken braucht. Zudem gehört es zum Fluche, welcher auf Israel lastet, daß man in der Regel nur seine Schatten-, selten aber auch seine Lichtseiten kennt, daß der unausbleibliche Abfall eines Volkes bei uns der Oberhefe gleicht, die auf der Oberfläche schwimmt und Allen in's Auge fällt, und schließlich, daß unsere Feinde, die sonst vom Talmud, ohne ihn zu kennen, nicht allzu sehr eingenommen sind, doch von der talmudischen Vorschrift ~'Z ,17 CCiy blTXr bz sehr viel zu halten scheinen und für einen jüdischen Schurken das ganze Judenthum verantwortlich machen; dagegen betrachten sie den anj ständigen Juden als eine Ausnahme, welche die Regel nurbestärkt. Das ist leider ein altes Lied, doch bleibt es immer neu, und da dieser Punkt eine bedeutende Rolle in der jüdischen j Frage spielt, so konnte ich mir nicht versagen, ihn hier eingehender! zu besprechen. Alle diese und vielleicht noch andere Ursachen, die ich hier übersehen haben mag, haben die Lage der Juden hier zu Lande zu einer beispiellos kummervollen gestaltet. Die Vorstellung der kühnsten Phantasie vom Elend und Jammer der - russischen Juden muß weit hinter dem schrecklichen Bilde ber | traurigen Wirklichkeit Zurückbleiben. Es zu schildern, versagt mir die Feder. Nachdem ich so dem knappgemeffenen Raume dieses Blattes gemäß die jüdische Frage in Rußland von verschiedenen Seiten zu beleuchten gesucht habe, werde ich nun auf die Mittel zur Lösung derselben übergehen. Sie gänzlich zu lösen, ist nur die völlige politische Gleichstellung im Stande. Selbstverständlich ist noch lange nicht mit dem Tage, an welchem diese Gleichstellung proclamitt wird, die jüdische Frage gelöst. Die Wunden, welche Jahrhunderte des Druckes und der Verfolgung geschlagen haben, können nicht im Nu vor dem Hauche der Emancipation und der Toleranz vernarben und geheilt werden. Die Veränderung im Leben eines Volkes geht sehr langsamen Schrittes und braucht mehrere Decennien, um sich auch nur einigermaßen bemerkbar zu machen. Aber was kommt auch darauf an? Jedenfalls ist nach geschehener Gleichstellung die jüdische Frage nur noch eine Frage der Zeit. Erkennt einmal die Regierung die Juden als gleichberechtigt mit allen anderen einheimischen Staatsbürgern an, so ist ihnen die Freizügigkeit, der Landbesitz und der Zugang zu öffentlichen Aemtern gewährt. Der Jude ist dann nicht mehr ausschließlich auf Handel und Gewerbe angewiesen, er darf ziehen, wohin er will; zerstreut unter Andersgläubigen wird es ihm auch leichter fallen, mit der Zeit fortzuschreiten. Er wird von seinen Nachbaren leben lernen. Auch der gegenwärtige jüdische Gemeindevorstand würde dann einem beffern Organe Platz machen müffen. So würde mit der Zeit die materielle Noth beseitigt werden und mit ihr die geistige Zerfahrenheit, denn die Consequenz der Gleichstellung würde erheischen, daß die Regierung den Rabbiner voll und ganz als Geistlichen anerkennt, und von ihm auch als Orthodoxen — i im Gegensatz vom sogenannten Kronsrabbiner — einen gewiffen! Grad allgemeiner Bildung verlangen. Der Rabbiner, der! einiges Wiffen hat und die Landessprache kennt, wird nicht imehr gegen Bildung eifern, er wird den Zeitgeist und die Bedürfniffe seiner Gemeinde mehr zu würdigen wiffen, und so [ dürfte es allmählich kommen, daß das, was wir bis jetzt von j den Kronsrabbinern erwattet, ohne es erreicht zu haben, uns die „alten" Rabbiner bieten könnten und die Doppelgestalt des Rabbinats würde sich dann mehr und mehr verlieren. Anstatt daß die Gemeinde jetzt zwei Rabbiner zu unterhalten hat, brauchte sie dann nur einen zu besolden und wird sie in Folge deffen dem Einen mehr bieten können, als es sonst der Fall war; dann würde der Rabbiner ausschließlich den Anforderungen seiner Gemeinde leben. So könnte sich auch die alte Achtung vor dem Rabbiner und das alte Verttauen zu ihm wieder einsinden, und wir hätten dann Geistliche, wie sie bei uns von Nöthen sind. Die Regierung würde auch ,dann an die Spitze der jüdischen Geistlichkeit ein Consistorium stellen, welches die Oberaufficht über die Rabbiner hätte; schwierige religiös-gesetzliche Fragen entschiede, das Volk vor den etwa vorkommenden Uebergriffen und Irrlehren des Rabbiners schützte, und ihre Religionsgenoffenschaft in confessionellen Dingen der Regierung gegenüber verttäte. Ein solches Consistorium würde mit der Aufsicht über eine zu gründende Hochschule für jüdische Wissenschaft, zur Heranbildung von Rabbinern und Religionslehrern, betraut werden. Ter jüdische Religionsunterricht würde dann in allen öffentlichen Schulen, welche von Juden besucht, obligatorisch werden, gleich jedem entsprechenden Unterricht anderer Confessionen. Kein 12^2 und tWi würde dann unterrichten dürfen, bis er nicht wenigstens die Prüfung als Elementarlehrer bestanden hätte und vom Consistorium ein Zeugniß aufwiese; kurz— mit der Gleichstellung würden von selbst die bedeutendsten Uebel aus dem Wege geräumt werden. Aber auch dann noch würde ein großes Stück Arbeit für uns selbst übrig bleiben. Wir werden nicht blos die Regierung bei allen Bestrebungen, neue Ordnung in das jüdische Leben hineinzubringen, unterstützen müffen, es wird noch