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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-08-13 · Heft 33 (13.8.1878) · p. Seite 514

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 33 (13.8.1878)
Date
1878-08-13
Page
Seite 514 (sequence 2)
Language
German
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514 welche alle antiliberalen Parteien und an ihrer Spitze sämmtliche officielle oder mit der Staatsregierung in Verbindung zu stehen vergebende Organe, zu welchen sich eine ganze Reihe von Blättern und Blättchen gesellte, die in der jüngsten Zeit eine Schwenkung nach rechts vorgenommen, gegen Laster angestellt haben. Auch andere Führer der national-liberalen Partei, wie Bennigsen, Stauffenberg, Forckenbeck wurden mit Angriffen und Schmähungen bedacht. Nichts glich aber der Wuth gegen Laster, und, was bezeichnend, gegen Bamb erger- Und doch waren es diese beiden, welche unter den Führern ihrer Partei auch nicht am Entserntesten daran dachten, in die Staatsregierung einzutreten, als Fürst Bismarck mit den erst genannten drei Abgeordneten über einen solchen Eintritt verhandelte. Herr Molinari hat daher den eigentlichen Grund dieses schändlichen Feldzuges gegen Laster richtig bezeichnet, wenn man auch umgekehrt sagen kann, daß die Gegner gerade den Juden an Laster immer und immer wieder betonten, weil ste damit bei dem deutschen Volke einen Eindruck zu machen glaubten, und wiederum die ganze national-liberale Partei an ihrem Credit zu schädigen hofften, indem ste dieselbe als unter der Herrschaft eines Juden stehend darstellten. Wir haben über diese schimpfliche Seite der deutschen Wahlbewegung bis jetzt kein Wort verloren, weil wir eben Herrn Laster in seiner Eigenschaft als Jude nicht vertheidigen, sondern dies vorurtheilslosen Christen überlasten wollten, an deren zahlreichem Vorhandensein zu zweifeln wir uns nicht entschließen können. Nun, diese Hoffnung ist allerdings nur in sehr geringem Maße in Erfüllung gegangen, und selbst die bedeutendsten nationalliberalen Blätter schwiegen über diesen unwürdigen Kampf gegen eine so hervorragende Persönlichkeit und einen so intacten Charakter. Entweder meint man, daß es in Deutschland einen so außerordentlichen Reichthum an fähigen Politikern und reinen Charakteren gebe, daß es auf einen mehr oder weniger im Reichstage gar nicht ankomme — — oder aber man kann eben auch in den Reihen der Liberalen die Antipathie gegen die Juden nicht los werden, und nimmt lieber den Verlust auf fich, als die Vertheidigung eines solchen, um seine Thätigkeit dem Vaterlande zu erhalten! . . . Die Worte des Herrn Molinari über diese Vorgänge waren uns deshalb um so willkommener. Allein dieser Theil der Rede des Breslauer Abgeordneten macht für uns doch nicht den Hauptwerth derselben aus. Der zweite Theil ist uns der wichtigere. Er warnt das deutsche Reich, den Culturkampf in seinem Schoße durch einen neuen zu vermehren, durch einen Kampf der Intoleranz und des Haffes gegen die Juden. Sei es nicht genug an dem confessionellen Streite zwischen der katholischen Kirche und dem Staat? Nicht genug an dem stürmischen Kampfe gegen die Socialdemokratie? Nicht genug an dem Alles zerwühlenden Hader der Jntereffen auf dem gewerblichen Gebiete? Will man noch eine Verfolgung einer so friedlichen und patriotischen Bürgerclaffe, wie die Juden sind, provociren? Dies ist es, was Molinari seinen Zuhörern zuruft. Jrrchümlich wäre es nur, wenn man voraussetzte, daß wir erst im Anfänge solcher Provocationen ständen Im Gegentheil haben wir vielleicht den heftigsten Theil derselben schon hinter uns; die Furchen sind längst gezogen, die Saat längst ausgestreut, und diese bereits üppig emporgeschoffen. Es kommt deshalb nur darauf an, der weiteren Pstege dieser giftigen Pflanzung entgegenzutreten, und dem deutschen Volke ins Bewußtsein zu bringen, daß es mit dieser Judenverfolgung auch nur in seinen eigenen Eingeweiden wühle, die Zerriffenheit in seinem Innern, die schon groß genug ist, befördere und so unhaltbare Zustände schaffe, daß über kurz oder lang dem Bestände des deutschen Reiches Schaden und Gefahr in unwiderbringlicher Weise bereitet werden. Wir haben dies vor Kurzem in den Artikeln: „Der Classenkampf in Deutschland" (Nr. 24 flg.) nachdrücklich ausgesprochen. Wir zeichneten daselbst den Elasten- und Kastengeist, der, wie es scheint, unverwüstlich im deutschen Volke obwaltet. Wir exemplificirten ihn an dem Verhalten gegen die Juden. Wir sagten u. A.: „Man hat auch in Deutschland, weil man nach den verfaffungsmäßigen Grundsätzen nicht anders konnte, den Juden bürgerliche und staatsbürgerliche Gleichstellung gegeben Man hat aber nicht aufgehört, sie als eine besondere Claffe oder Kaste anzusehen, zu behandeln, zu bedrohen, zu verdächtigen und offen auszusprechen, sie bei der ersten Möglichkeit wieder als Kaste auszuschließen. Vergebens haben die Juden theoretisch und praktisch nachgewiesen, daß sie außer ihrem Cultus und einigen Wohlthätigkeitsanstalten gar keine besonderen und gemeinsamen Angelegenheiten haben, daß sie mit ganzem Herzen und Vermögen dem Volke angehören, haben sich auf alle Gebiete des Lebens, die geistigen wie materiellen, verpflanzt und in alle Kreise des öffentlichen und des bürgerlichen Lebens sich versenkt. Es hilft ihnen Alles nichts; sie werden immer wieder zurückgestoßen und von der Tagespreffe an bis zu wiffenschaftlichen Werken hinauf als eine besondere Elaste oder Kaste bezeichnet. Und dies geschieht nicht etwa der Confessio» wegen, denn zahllose confessionslose Leute machen sich derselben Ungerechtigkeit schuldig." — Auch in anderen Ländern, in England, Frankreich und Italien hat man von den Vorurteilen gegen die Juden sich nicht völlig ftei gemacht. Aber der Unterschied ist, daß es hier irgend welcher bedeutenden Gelegenheit bedarf, um jene Vorurtheile zum Vorschein kommen zu lasten; in England z. B. des Kampfes der Gladstonianer gegen die türkenfteundliche Politik der dortigen Regierung, in Frankreich der Streitftage um die Naturalisation der eingeborenen Israeliten in Algerien u. dgl. In Deutschland jedoch bedarf es keiner ungewöhnlichen und gewöhnlichen Veranlastung; Alles und Alles bietet der schriftstellerischen Welt die Veranlassung dar, die Juden herbeizuziehen und auf sie loszuschlagen.

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