Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1877)
- Date
- 1877-12-04
- Page
- Seite 775 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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775 Vernunftgründe für die jenseitige Vergeltung aus, wie sie sich aus der sittlichen Beschaffenheit der Seele und aus den menschlichen Geschicken auf Erden ergeben. — Tiefer erfaßt schon Judcr Halevi (geb. 1086) das Wesen der Seele unv deren Gegensätzlichkeit zum Körper. Ueber das Verhältniß des diesseitigen Lebens zum jenseitigen laßt er sich folgendermaßen aus (Kusari 3, 1): „Die Lebensweise eines Gottesdieners nach unserm Glauben ist die, daß er sich nicht von der Welt loSsagt, als wäre sie ihm zur Last, und er verachtete das Leben, das doch zu den Wohlthaten Gottes gehört, und das ihm Gott als eine Wohlthal anrechnet, wie es heißt: „Deiner Tage Zahl will ich füllen" (2 Mos. 23, 26); „auf daß du lange lebest" (5 Mos. 22, 7). Er liebt vielmehr die Welt und das lange Leben, weil es ihm zum Erwerb des künftigen Lebens verhilft, indem er, je mehr Gutes er ausübt, eine Stufe höher zum künftigen Leben steigt." Um das Philosophem des Maimonides (geb. 1171) richtig zu verstehen, wüsten wir uns erinnern, daß nach ihm, wie nach Aristoteles, der Körper nichts als der an sich tobte und zu belebende Stoff ist und alle Functionen und Thätigkeiten in demselben von der Seele durch deren vegetative und thierische Kraft ausgehen, zu welcher nun im Menschen das intellectuelle Vermögen kommt. Das letztere macht also den eigentlichen Menschen aus, erhält aber erst durch seine Thätigkeit, durch das wirkliche Erkennen einen substantiellen Inhalt, eine wirkliche Existenz. Die Seele nämlich umfaßt die fünf Vermögen, das ernährende, das (durch die fünf Sinne) empfindende, das vorstellende (welches Vorstellungen aufnimmt, behält und zusammensetzt), das begehrende und das erkennende Vermögen. (Aristoteles hatte kein besonderes Dorstellungsvermögen, dafür das bewegende, vermittelst besten die Seele alle Bewegungen des Körpers hervorbringe). Man beachte aber wohl, daß Maimonides diese fünf Vermögen in der an sich einheitlichen Seele - bestehen läßt, und entschieden denen widerspricht, was wir auch für Herrn Spieß bemerken, welche die verschiedenen Thätigkeiten als Theile der Seele ansehen. während diese doch ein einfaches, untheilbares Wesen sei. Die ersten vier Vermögen besitzt also der Mensch mit anderen Wesen zugleich; sie sind an den Körper gebunden, durch den sie von außen empfangen und auf den sie agiren. Sie hören also mit dem Körper auf; sie fungiren nicht mehr, sobald der Körper abgestorben; sie sind also mit dem Körper sterblich. Unsterblich ist daher die Seele nur in ihrem fünften, in dem erkennenden Vermögen, in der durch Erkenntniß substantiell gewordenen Intelligenz v2«), welche eben die Individualität jedes Menschen ausmacht. Diese Intelligenz umfaßt nach Maimonides ebenso die theoretische wie die practische Vernunft , welche letztere die Ausübung sittlicher Handlungen und das Hervorbringen von Werken zum Inhalt hat. In echt mosaischem Geiste fließen also auch dem Maimonides schließlich Lehre und Leben zur Einheit zusammen; nicht die gute Handlung ohne das völlige geistige Bewußtsein und nicht das bloße Wisten und Begreifen ohne sittliche That ist ihm von wahrem Werthe auf der Stufenleiter menschlicher Vollkommenheit, sondern nur die wahrhafte Erkenntniß, aus welcher unbedingt die sittliche Handlung fließt. Man lese hierüber das Schlußcapitel seines „Führers der Irrenden", besten Endworte wir hier anführen: „Demnach ist der Inbegriff der Lehren, daß die Vollkommenheit des Menschen, welche er sich zum wahren Ruhme anrechnen kann, besteht in der höchst möglichen Erkenntniß Gottes, in der Erkenntniß der Beschaffenheit der göttlichen Vorsehung, vermöge derer er seine Geschöpfe in's Dasein ruft und für dieselben Sorge trägt, und in einem dieser Erkenntniß entsprechenden Lebenswandel, bei welchem der Mensch stets von dem Streben durchdrungen ist, Liebe, Gerechtigkeit und Wohlwollen zu üben und die Gottheit in ihren Handlungen nachzuahmen." Einsichtlich ist es, daß bei solcher Theorie Maimonides in Collision mit dem Auferstehungsglauben kommen mußte, den er sich so zurechtlegte, daß die Seele der Gerechten in der Auferstehung sich mit den Körpern wieder vereinigen, eine längere Zeit der reinsten irdischen Seligkeit sich erfreuen und sich überaus vervollkommnen, dann aber wieder sterben und ewig fortleben werden. Daß dies nur eine Aushülfe des Glaubens ist, ohne philosophisch begründet werben zu können, liegt auf der Hand. — Hierzu bekannte sich aber auch Joseph Albo (um 1400), der zu einem mehr practischen Rationalismus zurückkehrte, und diejenigen bekämpfte, welche für die Seele, sei es als eine Anlage, sei es als ein substantielles Dasein (wie Chasdai Crescas) Fortdauer und Seligkeit von dem Maße der erlangten Ideen abhängig machen. Denn, meinte er, die Anlage zur Jdeenbildung verwirklicht sich bei den wenigsten Menschen und die etwaige bloße Auffastung der Axiome könne der Ruchlose ebenso wie der Gerechte lösen. Sein Schluß ist: „Es steht demnach fest, daß die menschliche Seele, deren Princip ein selbstständiges ist, mit dem Untergange des Körpers und der physischen Kräfte nicht aufhöre, sondern daß sie mittelst der Kenntniffe, die sie erlangt, und dadurch, daß sie dem göttlichen Willen nachzelebt, zu der Stufe der Engel sich erhebe, deren eigentliche Vollkommenheit in der Erfüllung des göttlichen Willens besteht." Wir schließen hiermit diese kurze Skizzirung, indem wir auf die beiden, diese Entwickelung abschließenden Träger des Judenthums Hinweisen: für das unbedingte Beharren auf dem traditionellen Resultate, auf Menaffe beu Israel «geb. 1604), für das rationalistische Judenthum, auf Moses Mendelssohn (geb. 1729). Der erstere behandelte die Unsterblichkeit in seiner Schrift cvi (1651), die Auferstehung in: Oe resurrectione niorluorum (1676), der letztere jene in seinem, in alle moderne Sprachen übertragenen „Phädon". Wir glauben hiermit nachgewiesen zu haben, daß der Unsterblichkeilsglaube dem Judenthume von besten Beginne an durch alle Zeiten einwohnte und sich selbstständig in ihm zu einem integrirenden Theile seiner Lehre und seines ganzen religiössittlichen Bewnßseins entwickelte. 49