Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1877)
- Date
- 1877-02-06
- Page
- Seite 95 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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95 Im Feuilleton der „N. fr. Pr." vom 22. Nov. findet sich „Ein Culturbild aus Halb-Asien" von Karl Emil Franzos: „Die Gezwungenen", aus welchem wir einige Notizen entnehmen wollen. Er reist von Odessa durch das podolische Gouvernement mit einem jüdischen Fuhrmann. Er bemerkt, „daß, wer im Osten daheim, immer den jüdischen Lohnkutscher dem christlichen vorziehen wird. Der Christ ist billiger und williger, das ist wahr. Aber der Jude hat, wenige Ausnahmen abgerechnet, zwei gute Eigenschaften: er hinterlaßt keinem Vetter am Wege als Souvenir ein Gepäcksstuck des Reisenden, und er betrinkt sich nicht bis zur Bewußtlosigkeit." „Auch die Juden haben im Osten ein wenig von dieser Feuchtigkeit angezogen, aber sie sind doch die mäßigste Nation in jenem Völkergewirr. Nur in der dunkeln wüsten Seele der „Chassidim" finden sich Trunkenbolde; der Aberglaube, der Fanatismus, der Müssiggang haben dort zu diesem Laster geführt, wie leider zu manchem anderen auch." Die dortigen Juden kennen sich eben in Chassidim und Misnagdim, das sind Talmudisten, während jene die Kabbala über den Talmud und die Bibel setzen. „Diese Misnagdim verachten die Wunder- Rabbis, werden gern Handwerker, Fuhrleute, Gastwirthe, Krämer, sind strenggläubig, jedoch nicht fanatisch. So werden sie es z. B. als eine Todsünde meiden, eine Fleisch- und eine Milchspeise hintereinander zu genießen, aber sie Haffen Niemanden um des Glaubens willen und die Aneignung fremder Bildung scheint ihnen lobenswerth." — Die Fahrt ging weiter gen Westen durch Las podolische Land. Sie kamen nach einer Schenke, wo die Wirthin eine schöne junge Jüdin war. Er erzählt: „Ich verständigte mich mit der Frau über mein Mittagessen oder vielmehr: ich versuchte dies, denn sie verstand mich nicht und ich sie nur sehr schwer. Die Juden Südrußlands sprechen freilich auch noch Deutsch, aber das ist nicht blos von der Sprache Luther's und Lessing's, sondern auch von dem Jargon verschieden, welchen die Juden Galiziens und Rumäniens sprechen. Eine Menge slavischer Worte ist eingewoben, und eine ftemdartige Aussprache macht das Ganze fast , unverständlich. Ich setze als Sprachprobe die Antwort der Wirthin möglichst getteu hierher: „Raid pomale; Kardunisch her jech swair. Jech ob nor jajzis \v dorne in maith. Efscher zan itnpes jejisnice in potem brutne ziwilis.“ (Das heißt zu Deutsch: „Redet langsam [slavisches Wort); Deutsch [„Kardunisch" die Sprache, die hinter dem Cordon (Grenze) gesprochen wird: in Oesterreich also die deutsche Sprache) verstehe [„höre") ich schwer. Ich habe nur Eier im Hause [Slavisch) und Meth. Vielleicht zum Imbiß Eierspeise und später gebratene Zwiebel.) Ein Satz, der sich dem Hochdeutschen mehr nähert als der vorstehende, dürfte sich aus diesem maßlos corrumpirten Jargon kaum zusammenstellen lassen. Auf „brutne ziwilis" glaube ich verzichten zu sollen und begnügte mich mit „jejisnice in maith". Die schöne Frau setzte sich zu mir und suchte den Gast zu unterhalten. Da auch sie „pomale" sprach, so errieth ich, was sie mir mittheilte. Ihr Gatte sei sechzehnjährig und derzeit noch in der Talmudschule, beim Rabbi von Belz. Die Hochzeit habe vor vier Jahren stattgesunden, sie sei damals siebzehn Jahre alt gewesen. Hier, bei den Schwiegereltern, habe sie es sehr gut und bedaure nur ihren armen Mann, der sich noch immer, fern von ihr, in der Schule io sehr anstrengen müsse. . . . Vielleicht klingt dies dem Leser recht sonderbar, ja unglaublich in's Ohr. Aber es giebt unter den Juden des Ostens manche ähnliche Ehe. . . . Die Juden in der anglo-ind ischen Armee. Die „A. A. Ztg." vom 9. November enthält aus ofsiciellen englischen Berichten einen sehr unterrichtenden Artikel über „Englands indische Streitkräste". Die aus Eingeborenen bestehenden Regimenter sind nur aus angeworbenen Berufssoldaten zusammengesetzt, und zählt gegenwärtig die gesammte bewaffnete Macht Britisch-Jndiens ohne die europäischen Truppen 177,821 Mann. Bei der confessionellen Bezeichnung der Soldaten von 1872 fällt uns auf, daß neben 27,900 Mohammedanern und 2270 eingeborenen Christen auch 250 Israeliten sind, der Rest Hindus. Bei der geringen jüdischen Bevölkerung Indiens und, wie schon bemerkt, es sich hier nicht um ausgehobene, sondern angeworbene Soldaten handelt, ist diese Zahl immerhin eine beträchtliche. Bei der Charakterisirung dieser Classen werden die Mohammedaner als leicht erregbar, ausschweifend, unreinlich, aber vor dem Feinde ausdauernd, ja tollkühn geschildert; die Hindus nüchtern, gehorsam und listig; die Christen furchtsam, dem Trunk ergeben und nur als Trommler und Musiker verwendbar; die Juden sind ängstlich, genaue Garnisonssoldaten und fassen rasch auf. Jedenfalls sind also auch in Indien die Juden dem Militärdienste nicht so abgeneigt, wie man in Europa es so gern annimmt. Die Londoner Presse bespricht den Befund einer Todtenschau- Jury, die jüngst stattgefunden, und den Selbstmord eines jungen jüdischen Mannes aus dem Bacser Comitat als aus Noch hervorgegangen erklärte. Bei näherer Untersuchung stellte sich heraus, daß derselbe mittellos sich nach England begeben, den Missionären in die Hände gefallen, und von ihnen für seinen Uebertritt mit einer Handpresse versehen worden. Er suchte und fand Unterstützung bei seinen früheren Glaubensgenossen, denen er seinen Abfall verheimlichte. Zugleich drangen aber die Missionäre in ihn, auch seine in Ungarn zuröckgelaffenen Verwandten zum Ueberttitt zu bewegen, und nahmen ihm, da er vielmehr an einen Rücktritt zum Judenthume dachte, die Handpresse wieder weg. In Folge alles Dessen wurde sein Gemüth verwirrt und er suchte den Tod in den Wellen. —