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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-06-20 · Heft 25 (20.6.1876) · p. Seite 406

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 25 (20.6.1876)
Date
1876-06-20
Page
Seite 406 (sequence 12)
Language
German
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406 Erfolg gehet etwas langsam von Statten; er wird ater vielleicht nur desto ficherer und anhaltender sein. Es liegt in den Gemüthern der Menschen eine gewisse vis inertiae, die nicht immer durch heftigen Stoß überwunden sein will. Ein anhaltender Nachdruck rhut zuweilen beffere Wirkung, und die Familie Wessely hat Federkraft in der Seele, ihre Unternehmungen mit Nachdruck zu betreiben. Lasten Sie der Sache die gehörige Zeit, und bedenken Sie, daß die mindeste Uebereilung hierin mehr verderben kann, als bedächtige Langsamkeit. — Ich möchte nicht gern, und Ihnen am wenigsten, Gemeinwörter vorpredigen, aber ein Wort zu seiner Zeit geredet, mag immer ein locus communis sein. Durchdrungen von der Bortrefflichkeit Ihres Vorhabens, scheinen Sie B. entschloffen zu sein, die ersten die besten Zöglinge, die sich anbieteu, ohne Auswahl aufzunehmen. Ich von meiner Seite aber bitte und beschwöre Sie darum, Anfangs wenigstens forgfälttg in der Wahl der Subjecte zu sein; denn daraus wird wahrscheinlicherweise in der Folge alles ankommen, wie sich die ersten Jünglinge bilden werden, mit welchen Sie die erste Probe machen. Könnte ich Ihnen nur drei Kinder, wie der kleine Wessely empfehlen, so würde ich Ihnen und mir Glück wünschen und mir von dem Probestück überaus viel Gutes versprechen. Aber darauf, Dächte ich unmaßgeblich, müßten Sie wenigstens sehen, daß vorerst nicht lauter reiche Menschengestalten aufgenomen werden, die kruges coosumere naii, dieser ihrer Bestimmung gar zn treu zu bleiben pflegen. Zum Beschluß habe ich Ihnen noch im Namen aller meiner redlich gesinnten Mitbrüder den verbindlichsten Dank abzustatten, daß Sie, wie wir vernehmen, zwei Elenden, die aus Deffau vertrieben worden sind, das Wort geredet. Die Landesverweisung ist für einen Juden, der auf dem ganzen Erdboden nirgend recht zu Hause ist, die höchste Strafe, und wie ich höre, soll die Schuld dieser Unglücklichen bei weitem keine so harte Züchtigung verdienen. Leben Sie übrigens wohl, und fahren Sie fort, von Ihren Kräften den edelsten Gebrauch zum Besten der Menschen zu machen. Meine Frau macht Ihnen und Madame Campe ihre ergebenste Empfehlung, und mein Söhnlein grüßt in Ihnen seinen künftigen Pflegevater. Ich bin mit der aufrichtigsten Hochachtung Ihr wahrer Freund und Diener Moses Mendelssohn. Herrn Basedow, meinen sehr verehrungswürdigen Freund, umarme ich auf das Freundlichste. Wie sehr verlanget mein Herz, diesen Rechtschaffenen noch einige Tage zu genießen, bevor wir sterben!" Vermischtes. Es gibt keine größere Ironie oder vielleicht auch Bosheit als die immer wiederholte Behauptung: die Preffe befände sich in den Händen der Juden! Welches deutsche Blatt man gegenwärtig auch nur aufschlägt, und sei es dem unschuldigsten Zwecke gewidmet, z. B. der Unterhaltungsplauderei, stößt man alsbald auf Borurrheile, wenn nicht Schmähungen gegen die - Juden. Wie wäre dies möglich, wenn die Juden irgend welchen wesentlichen Einfluß auf die Preffe besäßen? Will die deutsche Preffe von ihrer „Judenfrefferei" nicht laffen, glaubt sie dieser nicht entbehren zu können, um sich intereffant und pickant zu erhalten: so gebe sie doch wenigstens auch jene Behauptung auf, mit welcher sie schließlich doch nichts weiter beabsichtigt, als zu beweisen, daß die geringe Anzahl Juden das ganze christliche Volk beherrsche. — So fiel uns in diesen Tagen N. 18 des laufenden Jahrgangs von „Ueber Land und Meer" in die Hände. Darin schreibt Herr I. G. Kohl über „Gerüche". Herr Kohl war schon vor vier Dezennien ein vielschreibender Reisebeschreiber, den man bei einiger Beobachtungsgabe und Talent in der Schilderung doch nachsagle, daß er in seinen Schriften allzu viel „kohle". Was Wunder nun im hohen Alter! In dem betr. Artikel will er nun durchführen, daß, wie die Individuen, so auch die Völker eigenrhümliche Gerüche hätten, die bei vielen so penetrant und unverwüstlich seien, daß man sie unter allen Umständen daran zu erkennen vermöge. Als allgemeinen Beweis hierfür führt er die Neger an und — die Juden. Er sagt: „Wie die Neger, so haben auch die Juden einen besonders stark ausgeprägten Nationalgeruch, der ihnen allen anklebt und sich fast nie ganz verliert. In Polen und in den deurschruffischen Ostseeprovinzen, wo es neben den Slaven und Demschen so viele Juden giebt, hat man dafür eine sehr empfindliche Nase. „Ja, ja!" so sprach einmal zu mir ein dorriger Edelmann, „Ihr Herr Mayer ist ein ganz artiger und dienstfertiger Mann. Aber er ist jüdischer Abstammung. Ich kann ihn nicht riechen. Wissen Sie, er hat immer noch den egyptischen Geruch, und der verliert sich nie." Er fügt nun Reflexionen über naturgemäße Antipathien u. s. w. hinzu, und beginnt hierauf eine Bölkerrevision von den Letten an bis nach Südftankreich und Spanien. Ueberall giebt er die rrrschiedenen Speisen und Sitten an, durch welche ein spezifischer Geruch hervorgebracht werde. Bei den Juden weiß er allerdings solche materielle Ursache nicht anzugeben. Wenn er sich bei den Negern auf die ganze nordamerikanische Christenheit beruft, so sieht man aus obigem Citat, daß er sich betreffs der Juden nur auf einen „deutsch-russischen Edelmann" zu berufen hat. Man wird zugeben, dies ist eine sehr geringe und dabei sehr zweifelhafte Autorität, wobei doch die Wahrheit der Anekdote lediglich auf der Glaubwürdigkeit des Herrn Kohl beruht. Da derselbe Kohl den Russen den Iuchtengeruch zufchreibt, so war es vielleicht dem Edelmann nur unangenehm, bei den Juden diesen

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