Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1876)
- Date
- 1876-02-08
- Page
- Seite 82 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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82 deutsch-nationalen angeschloffen und eingefügt; sie haben die größte Zahl tüchtiger Männer der Wiffevschaft und Kunst, der Industrie und dem Gewerbe sowie den Staatscarrieren, sobald sie ihnen geöffnet wurden, geliefert; sie haben seit Moses Mendelssohn eine Reihe ausgezeichneter Talente der deutschen Literatur eingereiht; der moralische Charakter der deutschen Juden kann nur von denen angesochten werden, welche sie überhaupt anfechten wollen, oder Anforderungen stellen, die über das Maß aller Volksmaffen hinausgehen. Aber Deutschland war der Boden, wo im Mittelalter unter allen Ländern am meisten und öftersten das Blut der Juden gestoffen; die deutschen Staaten sträubten sich — vom Osten abgesehen — am längsten, die Gleichberechtigung der Juden anzuerkennen und zu verwirklichen, und unter deutscher Führung wurde sie in Italien 1814 wieder beseitigt, sogut wie in Heffen, Hannover und Rheinland. Seitdem sie vollberechtigte Bürger geworden — und dies ist doch eigentlich erst seit 1869 der Fall — läßt man sie keinen Augenblick zu Athem kommen, ohne sie mit Anschuldigungen und Schmähungen zu überhäufen, weil sie noch nicht allesammt Bauern und Handwerker geworden. Wie gesagt, es kann dies nur in tiefgewurzelten Vorurtheilen im deutschen Bolke liegen; denn die Menge der Juden macht es ja auch nicht aus, da in Deutschland kaum der achtzigste Mensch Jude ist, unter 41 Millionen eine halbe. Selbst in fremden Ländern haben die Deutschen diese ihre Vorurtheile nicht aufgegeben. Die fg. Sachsen in Ungarn und Siebenbürgen z. B. haben dies lange genug bewiesen. Die Deutschen in Lievland und Kurland gehörten bis zur Gegenwart zu den entschiedensten Feinden der Juden» von denen diese viel Leid zu ertragen hatten. Selbst unter den Deutschen in Amerika wollten sich dergleichen Stimmen vernehmbar machen; doch die Luft des Landes war dem nicht günstig, und in neuester Zeit haben sich die deutschen Zeitschriften in Amerika immer den Juden geneigt gezeigt, bis ultramontane Blättchen in deutscher Sprache ihre Hetzrufe anhoben; aber was Ultramontane thun, darf nicht auf Rechnung Deutschlands geschrieben werden: sie thun es als Römlinge. Doch nunmehr zu dem Leitartikel der „Köln. Zlg." Die russische Zeitschrift „Ruffki Mir" (Russische Welt) vom 28. December hatte einen heftigen Artikel gegen die Deutschen in Rußland enthalten. Sie sühne aus, daß die Deutschen l hi» Procent der Bevölkerung in Rußland ausmachen, hingegen in der Beamtenwelt nach den verschiedenen Zweigen 27—62 Procent einnehmen. Daraus zog das Blatt des MoskoviteNhumS anklägerifche Schlußfolgerungen. Die Deutschen hätten dem russischen Reiche die Bureaukratie aufgepfropft, uud diese sei sich Selbstzweck und dem Bolksbedürfniß, für das sie, die Fremden, gar kein Verständniß hatten, durchaus fern. Die Deutschen wären daher an dem Nihilismus der russischen Jugend schuld und selbst die gereifteren Männer wären von der beunruhigtesten Stimmung hinsichtlich der Zukunft erfüllt. Gegen diese Auslassungen engherziger russischer Nationalität wendet sich der erwähnte Leitartikel der „K. Z.". Doch zuvor: wer den deutschfeindlichen Artikel des „Ruffki Mir" selbst im Auszuge nur liest, wird der nicht unwillkührlich an die Schmähartikel der deutschen Blätter gegen die Juden in Deutschland erinnert? In diesen werden ebenso die Juden als Fremde, die kein Verständniß für deutsche Gefühlswelt und deutschen Volksgeist hätten, immer wieder bezeichnet, ihnen insinuirt, daß sie nur für sich und ihre Glaubensgenoffen arbeiten, und ihnen ein Einfluß zugeschriebcn, der freilich viel weniger mit Zahlen nachzuweisen ist, wie die statistischen Notizen des „Ruffki Mir" es hinsichtlich der Deutschen in Rußland thun, und in gleicher Weife werden für die Schäden in Deutschland die Juden als Urheber gebrancmarkt, wie dort die Deutschen für die tiefgehenden Schäden des Czarenreiches. Was im Osten den Deutschen als Beamten, das wird in Deutschland den Juden in der Preffe und im Finanzfache zuertheilt. Diese Analogie erweist sich denn auch m der Entgegnung der „K. Z.", und nicht wenige ihrer Bemerkungen können geradezu gegen die deutschen Schmähungen auf die Juden angewendet werden. So sagt sie: „Freilich sollte das ausschließlich Nationale in einer Zeit wie der unsrigen, in welcher der ungeheure Aufschwung in Handel und Industrie — mit einem Worte — die alles nivellirende Cioilisation die Schranken alter Borurtheile niedergeriffen, in den Hintergrund treten und einem humanen Jntereffe weichen." Ja, darin liegt es, und wir gehen noch einen Schritt weiter. Wir sind keine Freunde des Nivellirens; wir wiffen, daß dem Nationalgeiste gerade wie der Familienliebe schöne und eigenartige Blüthen und Früchte zu verdanken sind. Wenn aber eine Nation Elemente, die ihr ursprünglich fremd waren, in sich ausgenommen, viele Jahrhunderte in ihrem Leben enthalten, auf sie gewirkt hat und sie auf sich wirken ließ, gemeinsam mit ihnen gestrebt, gekämpft, gelitten und errungen hat — dann darf sie diese nicht mehr als frenid betrachten, ausschließen oder gar ausstoßen wollen! Die „K. Z." sagt: „Im Jntereffe der Wahrheit müssen wir jedoch im Allgemeinen bemerken, daß unter den Deutschen im Staatsdienste — und von solchen spricht der Berfaffer nur — sich Eingeborene aus den Ostseeprovinzen, nicht Fremde, sondern gleichberechtigte „Landeskinder" befinden, daß ferner sämmtliche deutsche Beamte, namentlich in den höheren Stellen, im Lande geboren sind, mithin für die Bedürfnisse des Volkes, in dessen Mitte sie erzogen und aufgewachsen, wohl ein richtiges Verständniß haben dürften, was der Verfasser denselben ohne Weiteres abspricht; und endlich muffen wir noch hinzufügen, daß es in Rußland viele „Hinze", „Müller" und „Fischer" giebt, welche kaum ein Wort Deutsch verstehen". Nun, ihr judenfeindlichen Journalisten und Broschürenschreiber, Ihr Dührings und Billroths, sind die Juden in Deutschland nicht Eingeborene, nicht Landeskinder, nicht vollberechtigt, sprechen sie eine andere Sprache als die Deutschen? Ja, haben sie nicht den Bortheil vor den Deutschen in Rußland voraus, daß sie nicht seit einigen Geschlechtern, sondern seit anderthalb