Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-01-11 · Heft 2 (11.1.1876) · p. Seite 26

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 2 (11.1.1876)
Date
1876-01-11
Page
Seite 26 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227069-3227072--34140-3303991
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

26 nung darüber zukommen ließen1), da solche Fälle öfters hier Vorkommen können. Getaufte Frauen sind zwar keine mehr hier, doch verschiedene Männer. Auch an den letzten hohen Feiertagen haben wir unsren Gottesdienst mit Andacht und Weihe völlig in vorgeschriebener Weise abgehalten, und geben wir uns so der Hoffnung hin, daß daS religiöse Leben unter uns immer mehr erstarken und unsre t) Wir können unter den angegebenen Umstanden da« Verhalten Gemeinde für unsre in Südamerika zerstreuten Glaubensgenoffen unsres Herrn Correspondenten und der dortigen Gemeinde nur billigen , und sowohl als auf biblischem wie auf talmudischem Boden sich besinn! dend erachten. Die Redaction.! Carlos Herzberg. Feuilleton. Schiller bei den galizischen Juden. Schon öfter wurde bei Gelegenheit in diesem Blatte, wie auch anderswo darauf aufmerksam gemacht, welche culturhiftorische Bedeutung Schiller für die deutschen Juden gehabt, wie gerade dieser Dichter auf die Juden, als sie, nach Bildung dürstend, in dem Streben nach dieser die ersten Schritte gethan, einen unmeßbaren Einfluß geübt hat. Er war der Liebling der jüdischen Jugend, und zu dieser konnten damals viele Männer und Frauen im Silberschmuck des Alters gezählt werden, als sie von einer jugendlichen Lust an deutschem Denken und Fühlen, an deutscher Poesie ergriffen waren. Schiller war der Lieblingsdichter der aufstrebenden deutschen Juden, seine Gedichte wurden in ihren Gesellschaften deklamirt und immer wiederholt auch ins Hebräische übersetzt. Der psychologische Zusammenhang wäre nicht schwer zu finden. Der Dichter der Freiheit und der Humanität mußte die Seelen derer ergreifen, welche nach innerer und äußerer Befreiung dürsteten und diese allein vom Siege der Humanität zu erwarten hatten. Der Sentenzenreichthum Schiller's, die Fülle und die Lebhaftigkeit feiner Phantasie und besonders der Lichtglanz, den er über die ganze Wirklichkeit ausbreitet, alle diese Eigenschaften brachten ihn der Geistesrichtung der deutschen Juden in den zwei ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts, besonders nahe und ließen ihn ihren geistigen Bedürfniffen am meisten entsprechen. — Es interessirte uns daher sehr, in diesen Tagen wahrnehmen zu können, daß ein Gleiches wohl schon seil längerer Zeit, besonders aber gegenwärtig bei den galizischen Juden stattfindet, die sich zur Cultur ungefähr auf der Stufe befinden, wie unsre Vorfahren im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts — fteilich mit dem sehr wesentlichen Unterschiede, daß sie ein gebildetes Volk und eine klassische Literatur um unv vor sich hatten, welche beide unschätzbare Güter in der Umgebung der galizischen Juden fehlen. Wir fanden nämlich die Bestätigung jener Wahrnehmung in einem Feuilleton der „N. ft. Pr." „Schiller in Barnow" — einem Städtchen unweit Lembergs — von Karl Emil Franzos. Der Berf. erzählt — zum diesjährigen Geburtstage Schillers — daß in diesem Städtchen ..Alles in Allem, deutsch und polnisch," fünf Exemplare von Schiller vorhanden seien, zwei davon sind polnisch, und gehören einem polnischen Edelmann und desgleichen Edelftau. Wir übergehen hier, welchen üblen Gebrauch diese beiden von ihrem Besitze machen, der erstere nämlich gar keinen, die zweite je nach ihrer Laune auf ihrem nicht sehr sittlichen Lebenswandel. Das dritte Exemplar befindet sich im Besitze des Stadtarztes llr. Arthur Tulpenblüh. Er berichtet hierüber: „Er ist ein eigenthümlicher Mensch, dieser Stadtarzt, und doch im Grunde eine typische Figur. Aus bitterster Armuth hat er sich emporgerungen, der arme Schneiderssohn aus Brody, unv vierzehn lange Jahre hindurch war eine traurige Gefährtin bei ihm; auf dem mühseligen Weg von ..uienss. mensae44 bis zum Docrordiplom hat sie ihn keinen Tag verlaßen, ob er sich noch so fthr mühte. Diese Gefährtin war die Noch. Unv Nolh macht hart. Der Aaron Tulpenblüh war ein armer Junge, er hatte nicht daS nöchige Brod. Und darum kannte er nicht den Leichtsinn der Jugend und nicht ihre Schwärmerei; er hatte nie einen Dichter gelesen, außer in den deutschen Schulstunden am Gymnasium; der Rausch der ersten Flasche war ihm ebenso unbekannt geblieben, als der Rausch der ersten Liebe — ein entsetzlick, armer Junge war der Aaron Tulpenblüh. Nun kam der dreißigjährige Doctor endlich wieder in die Heimath. Das Erste war: einen Posten suchen; der fand sich in Barnow. Das Zweite: ein Weib zu wählen; zu suchen brauchte er es nicht, dafür sorgten die Vermittler. Zehntausend, zwanzigtausend, fünfundzwanzigtausend Gulden — könnt ihr es diesem Manne verargen, daß er das reichste Mädchen wählte? Nur eines kümmerte ihn, ob sie brav sei; ihr Aeußeres lag ihm wenig am Herzen. Auch ftagte er nicht, was in ihr vorging, als sie neben ihm unter dem Trauhimmel stand. Und was ging in ihr vor? Nun — Melanie Feiglstock war ein echtes, rechtes, gebildetes Judenmädchen des Ostens und darum sehr sentimental. Sie hatte viel gelesen und viel geträumt, sie hatte vielleicht sogar einmal einem Dichter, der sie besonders gerührt, einen überschwänglichen Brief geschrieben und sein lakonisch-höfliches Antwortschreiben jahrelang am Herzen getragen. Aber diese Mädchen sind nicht bloß sehr sentimental, sondern auch sehr brav, und auch die Vernünftigkeit ist nur latent in ihnen, aber sie fehlt nicht. 0r. Tulpenblüh entsprach nicht ihrem Ideal; aber sie beschloß ihm ein braves Weib zu werden, und. hat es ehrlich gehalten. Nur zwei Bitten stellte sie als Braut an ihn, die so einigermaßen romantisch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.