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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-05-04 · Heft 19 (4.5.1875) · p. Seite 306

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 19 (4.5.1875)
Date
1875-05-04
Page
Seite 306 (sequence 12)
Language
German
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306 die realen Schwierigkeiten. Die Muselmänner ruhten am Freilage, die Juden am Samstag, die Christen am Sonntag. Die täglichen Gebete und Waschungen der Muselmänner mitten am Tage, ihr Fasten am Ramasan, die Gebräuche und Feste der Juden und der Christen, alles wollte beobachtet sein; dabei die verschiedenen Speisegesetze, da die Muselmänner nicht mit den Juden und Christen, die Juden nicht mir den Muselmännern und Christen essen dursten. Dennoch wurde dies Alles geordnet, und die Schule machte bedeutende Fortschritte, was sich auch in der raschen Vermehrung der Schülerzahl kundgab. Der Director, Herr de Salve, sagt, daß seine vorzüglichsten Schüler die Bulgaren gewesen, nach ihnen kamen die Juden und auf diese die anderen Nationalitäten, bis aus die Griechen, welche, wie er zu seinem Bedauern aussprichl, noch die lateinischen Katholiken hinter sich ließen. Mit den erschütternden Ereignissen von 1870 sank, wie Herr de Salve mit Schmerz darstellt, schnell Las Ansehen Frankreichs im Oriente, die Gegner der Schule bekamen wieder Spielraum, die sranzöstschen Lehrer wurden entlassen, die Anstalt nach einer anderen Localität gebracht. Hierbei verlor die Anstalt aus 471 Schüler, bis zu welcher Zahl sie es gebracht hatte, 100 Schüler. Man muß es abwarten, in wie weit dieses Lyceum unter der neuen Direction sich erhalten und seinem Zwecke genügen wird. Da der früher gemachte Versuch, 40 türkische Knaben nach Paris zur Erziehung zu schicken, als völlig mißlungen bezeichnet wird, so vermag eine solche höhere Lehranstalt, wenn sie einige Jahrzehnte erst bestanden und eine Reihe von aufeinander folgenden Schulgenerationen ausgestellt hat, eine eminente Wirksamkeit für Staat und Gesellschaft hervorzubringen. Vermischtes. Wien, 22. April. (Aus dem Gcrichtssaal.) Der Fleischhauer Ignaz Lampel kündigte an, daß er unter Aufsicht des Rabbinats in Hernals einen Koscherfleischverkauf eröffnen werde. Dagegen annoncirte Marcus Horowitz, Koscherfleischhandler in Hernals, eine Warnung an die Bewohner israelitischer Confession, mit dem Beifügen, daß Lampel gar nicht berechtigt sei, Koscherfleisch zu verkaufen, und daß daher die Gläubigen sich hüten mögen, von diesem Fleisch zu kaufen. Horowitz, um der Warnung mehr Nachdruck zu geben, fertigte dieselbe nicht in seinem Namen aus, sondern unterschrieb: „Das Rabbinat". Lampel strengte gegen Horowitz eine Ehrenbeleidigungsklage an; es wurde heute vor der Jury die Schlußverhandlung durchgeführt, und nachdem Lampel den Nachweis lieferte, daß er vollberechtigt sei, Koscherfleisch zu verkaufen, und die Warnung des Horowitz aus einen Brodneid zurückzuführen komme, bejahten die Geschwornen mit 9 gegen 3 Stimmen die ihnen vorgelegte Schuldfrage, und Marcus Horowitz wurde wegen Vergehens der Ehrenbeleidigung zu sechs Wochen Arrests verurtheilt. In Berlin trat unvermuthet ein Mangel an Mazzoth ein, so daß der Preis eines Pfundes von 4 auf 10 Sgr. stieg, und große Ladungen von Wien verschrieben wurden. Jakob Kaufmann. Nach dem Tode dieses ausgezeichneten Mannes und Schriftstellers am 9. October 1571 setzten wir ihm auch unsrerseits in Nr. 47. 1871 ein ehrendes Denkmal, und zwar mit den Worten Gustav Freytag's. In diesen Tagen fanden wir in der „Nationalzeitung" einige schöne Erinnerungen an Kaufmann von Alfred Meißner, der in diesem Blatte „Jugenderinnerungen" giebt. Wir geben hier die betreffende Stelle wieder. Meißner war nach Brüssel gegangen. „Hier endlich wußte ich mir einen Freund. Jakob Kaufmann, ein Name, der unvergessen sein soll, wenn man von deutschen Schriftstellern spricht, die aus Böhmen hervorgegangen, lebte hier. Er ertheilte Unterricht in der englischen Sprache an einer Brüsseler Privatschule. Er war ein Mensch, der immer unendlich größer als seine Stellung, sein Name, seine Anerkennung war. Aus engen Verhältnissen hervorgegangen, von Gitschin gebürtig, hatte er es unter dem Alpdruck der Metternich'schen Zeit daheim nicht aushalten können und war nach Leipzig gezogen, das ja eine Zeit lang das Koblenz der österreichischen Emigration war. Er hatte viel schöne Gedichte geschrieben, die er jedoch schämig verbarg und nur in guter Stunde seinen vertrautesten Freunden zeigte. Zu einem Buche brachte er es vorerst nicht, nicht einmal zu einem Büchlein; dazu warsein Geist zu aphoristisch, zu epigrammatisch: er wollte alles so kurz als möglich sagen. 'Aber in seiner Filigranarbeit, in kleinen Bildern, kleinen Satiren, literarischer und politischer Gattung, geistreich und graziös gefaßt, war er ein Meister. Der jüdische Stamm, so eifrig auf Erwerb bedacht, hat . andererseits auch Naturen aufzuweisen, welche den Erwerb ganz verschmähen und fast selbstlos scheinen. So war gewiß Baruch i Spinoza, so Moses Mendelssohn, so war auch Jakob Kaufmann. . Hatte er sein warmes Stübchen, Feder und Papier, so wußte i er, ein Stoiker edelster Art, seine bescheidenen Bedürfnisse zu decken und war glücklich auf seine Weise. Sanft, gut, anspruchs-; los, war er der Berather aller Oesterreicher, die nach Leipzig kamen, wofern sie seines Antheils würdig waren. Weich und t freundlich klang seine Rede und fast immer spielte ein wohl-; wollendes Lächeln um seine Lippen. - Er hatte keinen literarischen Ehrgeiz. Die Arbeit selbst war - sein Lohn. Selbst seine gelungensten Artikel Unterzeichnete er - nicht, ihm selbst schienen sie zu unbedeutend, während seine Freunde einen Geist darin erkannten, der dem Ludwig Borne's verwandt war.

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