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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-04-13 · Heft 16 (13.4.1875) · p. Seite 256

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 16 (13.4.1875)
Date
1875-04-13
Page
Seite 256 (sequence 10)
Language
German
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256 Ettendorf etwa eine Mauer besessen, die von de» Deutschen uiedergeriffen worden? Ist die Unordnung und der gänzliche Mangel au Pflege erst seil vier Jahren eingetreten? Er besagt ferner, daß die Gegend durch die Auswanderung der Juden von diesen verlaffen sei, und sieht de» Widerspruch nicht ein, der darin liegt, daß er die Vergrößerung des Gottesackers durch neue Grundstücke verlangt! Wann werden unsre französischen Glaubensbruver endlich Politik und Nationalhaß vom Iudenthume fernzuhalten lernen? Glauben sie wirklich, Frankreich und dem französischen Juveuchume dadurch zu nützen, daß sie überall den Schein eines ultra-französische» Patriotismus ihren Kundgebungen aufheften? Glücklicher Weise laßt sich die deutsche Reichsregierung durch diese Kindereien nicht behindern, den elsässischeu Bürgern jüdischer Religion ihr volles Recht angedeihen zu lasten. — Es ist erfreulich zu bemerken, wie in den Reihen der französischen Armee Officier jüdischer Religion vor wie nach avanciren. So ist jüngst Salomon Cers Rosenwald vom Capitän zum Grade des Bataillonschess im 59. Linienregiment avancirt. Paris, l. April. > Privatmitlh.) Das Marzheft der Alliance israehie universelle bestätigt jetzt das Uriheil, das wir in Nr. 12. über die Zustände in Marokko aussprachen. Die Unsicherheit und Indisciplin, zum Theil offenbare Auflehnung, die in diesem Lande seit dem Tode Kaisers herrschen, lasten die Mordaufälle auf Juden nicht auf Rechnung einer besonder« Judeuverfolgung schreiben, da sich jene nicht minder gegen Mohammedaner richten, sobald man voraussetzt, daß sie Geld oder Gelveswerth bei sich tragen. Eine Verbeffernng kann daher nur erwartet werden, wenn der neue Kaiser sich das Land zu unterwerfen und in Unterwürfigkeit zu erhalten vermögen wird. — Hinsichtlich der Verhältnisse der Juden in Persien erhielt der Rabbiner in Nizza von einem Israeliten aus Jspahan noch einige^Mittheilungen, welche die iu Nr. 12. von uns gegebenen Schilderungen vervollständigen. Fast alle Israeliten Jspahans beschäftigen sich mit der Zucht von Seideuwürmern. Kein Cultusamt wird bezahlt. Der Tempeldieust geschieht abwechselnd durch die dazu fähigsten und intelligentesten Gemeindemitglieder. In jeder Woche besorgt ein anderes Gemeindemitglied das Ausfegen und die Beleuchtung des Tempels. Kein Gemeindeglied kann5Theile res Talmuds besitzen, außer derjenige, der das Amt des^Rabbiners ausübt. Auf rem Markte darf kein Israelit Gemüse und Kräuter berühren, weil diese in den Augen der Mohammedaner dadurch unrein werden würden. Wenn ein Jude um einen Gegenstand handelt und ein Muselmann kommt dazu, so muß er diesem augenblicklich den Platz überlaffen. Am Sabbath und an Festtagen spazieren die Juden stets gruppenweise, um sich nicht den Angriffen der Soldaten auszusetzen. Daß der Leibarzt des Schah ein Jude ist, ist aus der Reise deffelben durch Europa bekannt. I e ix i f To-te Seelen. In Wien, wo man doch in den letzten Jahren so Außergewöhnliches erlebt hatte, machte in jüngster Zeit der Proceß eines abscheulichen Wucherers, Getzel Wilkenfeld und seiner Söhne großes Aussehen, und wurden diese Verbrecher zu fünf, drei und zwei Jahren schweren Kerkers verurtheilt. Der alte Sünder entzog sich der Strafe durch die Flucht und soll nach Rumänien gegangen sein. Dies veranlaßt Herrn Karl Emil Franzos zu einem merkwürdigen Feuilleton-Artikel in der „N. ft. Pr." vom 31. März. In diesem Arttkel, überschrieben „Todte Seelen", worunter man Personen versteht, die sich für todl erklären ließen, während sie noch leben, wird uns mancher tiefe Einblick in die Zustände des östlichen Europas eröffnet. Nun ist es ja keine Zeit zu vertuschen, sondern die vorhandenen Schäden genau zu beobachten. Nur auf diese Weise wird eine allmälige Besterung ermöglicht. Wir heben daher eine Stelle aus diesem Arttkel heraus. „Getzel Wilkenfeld ist mehr als ein einzelner Gauner, er ist die unsäglich widrige Verkörperung unsäglich widriger Verhältniste. Dieser Mensch — aber mir diesem Namen verdient dies Wesen kaum mehr bezeichnet zu werden — dieses Raubthier predigt eine furchtbare Lehre. So wie es ist, könnte es nur aus f e t o il dem Boden Galiziens gedeihen — wehe dem Boden, der solche Früchte tragt! Auf gesunder Erde und im Sonnenschein wachsen keine solche Giftpflanzen, nur im Schlamm und Dunkel gedeihen sie! Ach, es ist eine traurige Frage, und nicht leicht ist, sie zu entscheiden, wer sich des Getzel mehr zu schämen hat, die polnischen Juden oder die christlichen Polen?! . . . Wie Hund und Katze stehen sie einander gegenüber; hier die brutale Gewalt, dort die tückische List, beiderseits der grimmigste Haß — wie wird es enden? Mit dem Ruin des Landes, antworte ich, sobald man beide einander — abwürgen laßt! Freilich kann sie keine ftemde Macht trennen, sie mästen selbst von einander lasten. Der Pole muß bedenken: wen ich wie ein Thier behandle, der wird wie ein Thier. Und der Jude muß bedenken: ward ich ein Thier durch fremde Schuld — wohlan! doppelt ehrenvoll, wenn ich wieder ein Mensch werde durch eigene Kraft! Aber rasch muß riese Einsicht kommen, sonst kommt sie zu spät! Zu spät! — das ist keine Phrase: die Kugel ist im Rollen, der Ruin vollzieht sich mit unerbittlicher Nolhwendigkeit. . . Jedes Land hat die Juden, die es verdient — man wird vielleicht meine barocke Sentenz belächeln, wahr bleibt sie doch! Mir ist sie der Schlüssel zur neueren Geschichte der Juden. Wer daran zweifelt, der : erwäge die uralte Wahrheit, das höchste Güte stets uud allerorts

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