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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-07-07 · Heft 28 (7.7.1863) · p. Seite 426

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 28 (7.7.1863)
Date
1863-07-07
Page
Seite 426 (sequence 2)
Language
German
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426 durchaus nicht staatsgefährlich ist, vielmehr zur Gesundheit des Volks- und Staatslebens nothwendig, daß die Opposition nicht minder loyal, treu und patriotisch gesinnt ist als ihr Widerpart, und daß sie in ihren verschiedenen Schattirungen wiederum den Schutz vor Ausschreitung und Entartung besitzt. Wir brauchen dieses Land nicht zu nennen. Wie ganz anders in den meisten Staaten des Festlandes. Wie wird da Alles, was nach Opposition aussieht, von den jeweiligen Staatslenkern gehaßt, als revolutionär, abtrünnig von Thron und Religion, als die Existenz des Staates unterwühlend angesehen und gebrandmarkt! Wie kommen dann immer wieder Zeiten, in welchen gegen die gesammte Opposition die härtesten Gewaltmaßregeln in Anwendung gebracht werden, um ihr ein völliges Sckweigen aufzuerlegen; wie müssen da anerkannte Rechte unterdrückt und die äußersten Maßregeln ergriffen werden, um jede Regung der gegnerischen Partei unmöglich zu machen! Daß hierdurch die gesammte Opposition in allen ihren Schattirungen und ein guter Theil der conservativen Partei selbst in das äußerste Extrem hineingedrängt werden, und eine tiefe Erbitterung Platz greift, und wie ein solcher Zustand doch niemals haltbar ist und zu einer dauernden Grundlage der staatlichen Gesellschaft nicht werden kann, setzt man ganz außer Augen. Ihr seid entrüstet, Männer der Opposition? Die Flamme des Zornes schlägt in Euch auf? „Das ist etwas Unerhörtes! das vermag man nicht zu ertragen!" sind die mildesten Worte, die Euren Lippen entfahren. Ich will Euch ein Anderes lehren. Es giebt einen Volksstamm, eine Religionsgenoffeuschaft, die die Welt seit Jahrtausenden als eine Opposition angesehen, zu einer solchen gemacht, und Jahrtausende lang die furchtbarste Reaction gegen sie geübt hat. Auch sie brauche ich nicht zu nennen. Ja, die israelitische Gotteslehre mit ihren sittlichen Consequenzen war der Gegensatz des Heidenthums und aller heidnischen Elemente von ihrem Beginne an. Aber trat sie als Opposition aus? Nicht im Geringsten, sie wollte nur existiren, nur für sich da sein und leben. In der Wüste geboren, wollte sie nur in einem engen, von Bergen und Meer begrenzten Lande bestehen, bis etwa — denn dieses Bewußtsein hatte sie allerdings — die Menschheit ihr zugereist sein wurde. Sie erhob das Schwert nur, wenn sie innerhalb ihrer eigenen Grenzen angegriffen und bedroht wurde; sie entsandte nicht einmal Emissäre, sondern überließ eS der großen Entwickelung der Geschlechter, bis man ihre Rede und ihre Schrift brauchen und sich holen würde. Und als ihre Bekenner durch ihre Feinde in alle Welt zerstreut worden, hielten sie dasselbe Benehmen ein; sie stritten immer nur um ihre Existenz, griffen Niemanden an, vermieden gern jede Polemik und ihre hauptsächliche Action bestand im Dulden und in der Abwehr. Und dennoch, welche grausame Reaction wurde gegen sie geübt. Die Gegner witterten in dieser Gotteslehre ihren Gegensatz, den Widerspruch gegen ihr eigenstes Wesen, und dieses genügte ihnen, um mit der äußersten Gewaltthätigkeit gegen sie und ihre Bekenner aufzutreten, sie in den natürlichsten Rechten zu beschränken, ihnen das tiefste Stillschweigen aufzulegen und selbst den einfachsten Schmerzensschrei zum Verbrechen zu machen. Ja, das Judenthum war facti sch die mildeste Opposition, die man sich denken konnte; unerbittlich im Festhalten seiner Lehre, in der Treue gegen seinen Inhalt, beschränkte es sich auf sein eigenes Leben, und wollte nach außen nichts als sein Dasein. Aber dieses gönnte man ihm nicht, in diesem fanden die Gegner den Widerspruch, den man nicht dulden wollte. Das Judenthum war und ist der Regulator der religiös-sittlichen Weltanschauungen; in ihm hatte man gegen die Entartung, das Ausschreiten des Fanatismus, des Aberglaubens und des Unglaubens ein Correctiv — aber das sah der beschränkte Gegner, der einseitige Zelot nicht ein, sondern brandmarkte, verfolgte, ächtete und suchte es zu vernichten, weil es eben nicht war und nicht wollte, wie er. Auch für uns kamen von Zeit zu Zeit Perioden, wo der Gegner milder gesinnt, gerechter und duldsamer, wo die Verfolgung und Ausschließung schwächer wurde — in Alexandrien, in Rom, in Spanien, in der Türkei — aber es waren nur kurze Epochen, die plötzlich durch eine um so furchtbarere Reaction wieder abgebrochen wurden. Nun — was war der Erfolg? Die Gottes lehre und ihre Bekenner existiren noch heute; sie haben der Gerechtigkeit und Humanität gegenüber Vieles von der Schroffheit ihrer äußern Erscheinung, die man ihnen aufgenöthigt, abgestreift, aber von ihrem eigentlichen Inhalte kein Körnlein aufgegeben; aber indem man sie als eine ruhige und würdige Opposition, die nützlich, ja unentbehrlich ist, erkannt hat, kommen ihre allgemeinen Ideen immer mehr zur Ausbreilung und Einwirkung; man gewährt ihnen immer mehr ihre ungestörte Existenz als vollberechtigt, man löste das Stillschweigen von ihren

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