Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1855)
- Date
- 1855-03-12
- Page
- Seite 130 (sequence 2)
- Language
- German
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130 den wie den Christen nach der Intention der englischen Regierung zu. Wenn nun auch die officiellen Friedensrractate und Protokolle nur von den „christlichen" Unterthanen des Sultans sprechen werden, so wird doch die englische Regierung ihr eingesetztes Wort lösen, und die Ausführung in den Staaten des Sultans keinen Unterschied machen. Wer Tod des Kaisers Nikolaus vsn'Nußlaud. Nichts überraschte mehr als die Nachricht von dem Tode dieses gewaltigen Menschen. Um l Uhr 10 Minuten am 2. März verschied er, und nach 2 Uhr war die Nachricht schon in Magdeburg. So plötzlich, wie er Alles zu rhun liebte, war sein Tod, so schnell, wie alle seine Reisen, seine Todesnachricht. ES ist hier nicht der Ort, weder auf den persönlichen Charakter und die Handlungsweise des dahingeschiedenen Monarchen einzugehen, noch die Friedenshoffnungen zu besprechen, welche sich an dieses Ereigniß knüpfen. Zeder Mann steht ein, daß hier ein großes Werk der göttlichen Vorsehung vorliegt, in deren Hand allein die Leitung der Menschenschicksale ruht. Was nicht das Schwert der Heere und die Zunge der Diplomaten zu lösen vermag, das löset Gott! Sondern nur das Eine wollten wir hervorheben. Der neue Kaiser, Alexander II., soll ein Mann milden Sinnes und billiger Denkungsart sein. Es giebt keine gedrücktere Menschenrasse als die russtschen Juden. Nicht blos, daß fie vom Staatsdienste ausgeschlossen, daß fie in der Hauptstadt des Reiches, am Sitze der höchsten Behörden, fich nicht aufhalten dürfen, daß fie aus dem eigentlichen Rußland verbannt und in die Paar polnischen und Grenzprovinzen gedrängt find, so unterliegen fie auch in Gewerb und Erwerb den mannichfaltigsten Beschränkungen, so find fie durch eine Fluth von Gesetzen den gräßlichsten Verationen und Gelderpreffungen Seitens der niederen Beamten auSgesetzt, so haben fie eine Masse besonderer Abgaben bis auf das Sabbathlicht und daS Koscherfleisch zu zahlen, so werden ihnen ihre Kinder genommen und in die Militairschulen gesteckt, wo fie weder ihre Eltern, noch ihre Religion jemals wieder begrüßen können. Von außen her ist den rusfischen Zuden nicht zu helfen, denn die rusfische Regierung wird Jeden abweisen, der bei ihr für ihre eigenen Unterthanen intervenirt. und noch weniger auf dergleichen Vorstellungen hin das Schicksal der rusfischen Juden ändern. Nur aus ihrer eigenen Mitte könnte ihnen geholfen werden. Nun, ist Keiner unter ihnen, den der Moment erweckt, der in irgend angemessener und eindringlicher Weise dem neuen Monarchen, namentlich sobald dessen Intentionen klarer geworden, die Darstellung dieser unglücklichen, zum Theil schrecklichen Lage vorträgt, und um der Menschlichkeit, um der Gerechtigkeit, ja um des Wohles deS eigenen Reiches willen eine Milderung erbittet? Wer weiß, das Herz der Fürsten ist in den Händen GotteS! Ein Moment kann über die Zukunft zahlloser Menschen entscheiden; schlimmer aber kann eS ja gar nicht werden. Die Erfahrung hat auch diesmal gezeigt, daß eS eine eitele Meinung ist, selbst mit Gewalt die Menschen von ihrer religiösen Ueberzeugung abzubringen — ja, Spanien ruft Euch in diesem Augenblicke zu: der Tag, wo wir die religiöse Einheit erzwangen, war auch der erste Tag unsres Verfalles! Wohin also kann zuletzt diese Bedrückung einer zahlreichen Menschenclaffe fuhren? Ja, das wünschen wir, daß in diesem Moment unter den rusfischen Juden ein Mann erstünde, welcher das Heil seiner Glaubensbrüder zum Inhalte seines Lebens machte, und mit großer Umficht auch die unbedingteste Beharrlichkeit, mit der größten Feinheit die unerschütterlichste Energie verbände-und dann der Segen deS Gottes, der diesem Israel noch in keinem Jahrhundert abstand! Die israelitische Literatur - Gesellschaft giebt täglich mehr Hoffnung zur Realifirung; schon haben fich Mitglieder selbst aus Belgien, Jütland, Italien gegemeldet. Sicher ist es aber auch ein Ehrenpunkt aller deutschen Israeliten, daß dieses Unternehmen zu Stande komme! Wie? sollten fich unter einer Million deutschredender Juden nicht mehr 400 finden, welche zwei Thaler jährlich hergeben, um belehrende und erfteuende GeisteSerzeugnisse jüdischen Inhalts dafür entgegen zu nehmen? Als Agenten nach §. 8. deS Entwurfs haben bis heute zu wirken übernommen, und bitten wir, fich an diese Herren zu wenden: Herr Joseph Baer, Buchhändler, in Frankfurt am Main, - B. S. Berendsohn, Buchhändler, für Ham» bürg und Altona,