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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-02-19 · Heft 8 (19.2.1855) · p. Seite 98

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 8 (19.2.1855)
Date
1855-02-19
Page
Seite 98 (sequence 12)
Language
German
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S8 lich an seiner eigenen Thvrheit zu Grunde geht? Ein Mensch, der, wie der griechische TantaluS, bis an den HalS im Wasser steht, und doch den brennenden Durst nicht löschen kann, dem die herrlichsten Früchte in den Mund hängen, ohne daß er seinen Hunger zu stillen vermag, und zwar nicht wie der Grieche, als Strafe für einen Götterkampf, sondern auS thörichter Ueberspannthcit; ein Mensch, der an der Seite der liebenswürdigen Philippine wie ein Narr sich geberdet, sich in einen Winkel setzt oder in seinen Locken wühlend, stürmisch im Zimmer auf- und abrennt und dem bescheiden nach der Ursache fragenden Mädchen wie ein Besessener antwortet: „Laß mich, ich bin aufgeregt, es wird schon allein auSklingen," dem gegenüber dann gewiß mit Recht das lebhafte Mädchen fich in seinen Mantel hüllt, und das Zimmer auf- und abstürmcnd fich in den Locken wühlt und ruft: „Laß mich, ich bin aufgeregt, ich heiße Narr—cissuS, Narr—cissus (S. 158); der der herrlichen Recha, statt ihr männlich seine Liebe zu gestehen, wozu ihm die Gelegenheit trotz aller Wachsamkeit der Schwester nicht entgehen kann, eine poetische Epistel übergiebt und darin sagt, daß er, wie Archimedes, einen Punkt außer der Erde suche, und daß dies die Liebe Recha's sein solle, worauf er mit Recht die Antwort erhalt, daß er zuerst in fich selbst den Schwerpunkt suchen müsse u. s. w., ein solcher Mensch taugt nicht zum Helden eines Romans. Aber auch die übrigen Charaktere scheinen uns zum Theil nickt ohne erhebliche Fehler gezeichnet zu sein. So ist eS gewiß fehlerhaft, wenn der Dater Ephraims bei dem Anträge der Heirath für seinen ältesten Sohn bei der Mitgift, Erbschaft, fich schmunzelnd und zuftieden die Hände reibt, bei der Erwähnung der Kenntnisse aber so ganz gleichgültig bleibt, überhaupt nur nach dem Gelde zu fragen scheint, während eö bekannt ist, daß gerade die Juden, so begierig nach Geld fic der Verfasser auch schildert, bei einer Heirath vor Allem nach der Persönlichkeit de- Mädchenfragen: eS ist ihnen dieses der „Keren," die Hauptsache; nun aber gar einem Manne, wie MoseS Daniel mit dieser inner» Frömmigkeit, der Geld und Leben im Dienste seines GotteS fteudig hingiebt, wie der Verfasser daS so schön schildert, hier den Charakter jener glaubenswarmen Zeit recht erfassend, einem solchen Manne durste eine so sinnliche, ungläubige, völlig unjüvische Persönlichkeit wie Täubchen-Theodolinde nicht so ganz unmvtivirt, und selbst durch eigene Schuld, da ihm nur an Geld zu liegen scheint, al- Frau seine- Sohnein die Familie komme». Doch diese Bedenken, die wir gegen die Anlage und die Ausführung des BucheS, sowie gegen einzelne Charaktere aussprechen mußten, und zum Theil noch werden aussprechen müssen, hindern uns nicht, viele und große Vorzüge in Auffassung und Darstellung in demselben freudig anzuerkennen und den GeniuS deS Verfasserin psychologischer Auffassung und geistreicher Darstellung, sowie in der meisterhaften Handhabung der Sprache zu bewundern. Selbst der Held des Stückes ist, wie er einmal ist, durchaus nichts Abnormes, sondern ein treffliche- Genregcmälde solcher ercentrischen Charaktere, fest und sicher in seinen kleinsten Zügen gezeichnet, wie daS Bild deS vollendeten Meisters, nur scheint er uns in dieser Zerrissenheit und Thvrheit nicht zum Helden eine- Romans, und noch weniger zum Repräsentanten jener Zeit unter den Juden, oder um ein Zeitgemälde an ihm darzustellen, geeignet. Besonders aber müssen wir dem geehrten Verfasser unsere innigste Anerkennung für sein Streben auSsprechen, das in diesem wie in einem andern bedeutenden Werke (Spinoza) so rühmlich hervortritt: die Theilnahme der Juden an dem allgemeinen Geiste zu verschiedenen Zeiten nachzuweisen trotz aller gewaltsamen Absperrung und Jsolirung von innen und außen und sie immer mehr aus solcher Jsolirung herauSzureißen, und verkennen wir gewiß nicht sein Verdienst, mit seinem hervorragenden Talente auf und für seine Glaubensgenossen zu wirken. Gern würden wir nun daS ganze Detail des interessanten Buches näher beleuchten und in seinen charakteristischen Zügen dem Leser dieser Zeitung vorführen, wenn der Raum und die Tendenz der letzteren diezuließe. Wir müssen unS vielmehr begnügen, einige bedeutende Capitel hervorzuheben. (Schluß folgt.) Anzeigen. Die Stelle eines CantorS und Schächters in hiesiger Gemeinde, verbunden mit einem jährlichen Einkommen von circa 400 Thlrn. nebst freier Wohnung, ist vacanr. — Hierauf Reflectirende, welche musikalisch gebildet und einen Chor zu leiten verstehen, werden aufgefordert, ihre Zeugnisse dem Unterzeichneten Vorstande baldigst einzusenden. — Für die Probeleistungen werden Reisekosten nicht vergütigt. Brieg, den 5. Februar 1855. Der Vorstand der israelitischen Gemeinde.

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