Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 76 (26.6.1838)
- Date
- 1838-06-26
- Page
- Seite 308 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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508 schonen Bestrebungen unserer Glaubensgenossen in Ihren Gemeinden so oft und so gern mittheilen; und-da habe ich nun auch etwas für Sie gesammelt, um Ihnen tatsächlich den Eifer zu vergelten, mit dem Sie dieHoffnungen einer besseren Zeit von Deutschlands reichen Fluren zusammenlesen und in einem lieblichen duftenden Sträuße Ihrem jungen Freunde übersenden, daß er sich daran labe nach Herzenslust. Ich schicke Ihnen hier einige Blüthen, die unter einem andern Himmel gereift; und sie sind, wie ich mir schmeicheln darf, kein unwürdiges Gegengeschenk. Was? höre ich Sie ausmfen, Freiheitsblümchen in der Ferne! Die sind wol aus unseren Gärten verpflanzt, wo schwere Gewitter erst die Atmosphäre abkühlen mußten, damit sie gedeihen — und dort, dorr zwingt man sie wol aus einem Treibhause hervor. Nicht doch, mein lieber Freund, bei uns ist eine warme Frühlingssonne aufgegangen, eS sind die ersten Maiblumen, erzogen von lauer Luft, vom reinen Thau genährt: wir wisten nichts von früher entkeimten, die in den Gluthstrahlen einer zürnenden Majestät verdorrt sind. Es ist wahr, auch bei uns erschallt die Posaune euerer Kämpfer, und wir sehen euch begeistert die Schranken durch- . brechen, die eueren Wirkungskreis engen und euern kühnen Geisresflug hemmen: uns aber ist ein weites Feld angewiesen, und wir müssen erst darauf hinarbeiten, es zu bebauenschöne Gärten anzulegen und feuerfeste Gebäude zu errichten; wenn es uns im Laufe der Jahre zn eng wird, dann honen .vir, wird die milde Hand unsere Grenzen erweitern, die sie so weit gesteckt bat. Sie sehen, daß ich mich brüste, aber Sie sollen befriedigt werden, und es mir selbst gestehen, daß ich nicht zuviel gesagt habe. — Wenn wir auf die Art und Weise Hinsehen, wie jeder unter Len europäischen Staaten die Ketten des Israel. Volkes zu lösen ansängt,so ließe sich wol die Frage aufwerfen, wer größern Ruhm verdient, der Reichender vom Jammer und von den lauten Klagen des Unglücklichen bewegt, seine Bitten endlich beherzigt, oder der Menschenfreund, der unaufgefordert, aus reinem Trieb zu helfen, und zu erleichtern die Hütten der Armen aufsucht, ihre Leiden erforscht, und nicht gewährt, sondern schenkt? Ich glaube in der Frage selbst liegt die Entscheidung, und so dürfte" es mir vielleicht erlaubt sein. Sie auf den nordischen Riesen aufmerksam zu machen, und ein Paar Worre über ihn zu sprechen.' In Ihrem guten Germanien sind allerdings manche politisirende Philosophen oder philosophirende Politiker von einem gewissen Vorurtheil gegen Rußland eingenommen. Wie könne, meint man, dieser Knabe an Bildung, der ohne alle Ueberlcgung nur nach seiner Willkür handelt, der Kartenhäuser aufbauet und niederreißt, der in demselben Augenblicke schmeichelt und würbet, wie könne so ein frecher, wilder Knabe an die höheren Reckte der Menschheit denken, was sich nur einem zur Klarheit gekommenen Gefühle und einem richtigen, hellsehenden Verstände Zutrauen läßt? Aber diese Herren vergessen, daß auch sie einmal Knaben gewesen sind, und daß die Jahre vorüberfiiehen. Sie sehen noch immer die alte Zarensradr und die verfallene Hütte Iwan des Schrecklichen, wo jetzt ein herrlicher Marmorpallast emporragt. Rußland ist kein Knabe mehr, es ist ein kühner, immer vorwärts strebender Jüngling, und steht in der schönsten Kraft und Blüthe dieses Alters. Eben weil es ein Jüngling ist, weht durch all sein Thun und Wirken Poesie, fühlt es sich begeistert für das Schone. Hohe und Edle, empfindet cs tiefer und glühender als mancher andere Staat, der zu männlicher Reife gelangt ist. Während anderwärts so viel für die Emanciparion der Juden geschrieben und gesprochen wurde, während in andern Ländern die bedrückten Kinder am Throne ihre Klagen, die Verfechter der gerechten Sache ihren Donnerruf erschallen ließen; beobachteten die Israeliten in Rußland ein tiefes Schweigen, und leider aus Gründen, die wir unserer Regierung keineswegs zur Last legen dürfen. Was sie eigentlich dazu bewog, das lassen wir dabin gestellt sein. Aber dem wahren Edelmulhe ist auch das Schweigen beredt, und vom Herrscher der Reussen wird das stille Streben der Juden anerkannt und belohnt; sie erhalten das Gute nicht erbeten, nicht erwcinr; er sieht nicht neidisch auf ihre emporkeimepde Bildung, er spornet sie vielmehr zur Vollkommenheit an. Wirft man nur einen Blick auf alle die Freiheiten, die den Israeliten in Rußland eingeräumt, und wie sie ihnen eingeräumr wurden, so wird es jedem einleuchten, daß Verbreitung der Cultur unter den Juden unseres Monarchen aufrichtigster Wunsch ist. Von keinem Lehrstuhle ist der Sohn Israels weggebannt, wenn er nur als Meister seine Stelle mir Ruhm bekleiden kann: in jeden Staatdienst darf er treten und den Löhn seiner Treue ernten; denn Russia'S Wahlspruch ist: Dem Verdienste seine Kronen! Nie trägt man Bedenken, einem Israeliten die Würde und die Rechte eines Apothekers zu ertheilen; denn unser Aesculap kennt keinen ReligionSuntcrschied unter seinen Jüngern, und keinem Russen kam es in den Sinn, den Juden für einen Giftmischer zu halten. — Was soll ich Ihnen nun noch von der Bereitwilligkeit sagen, mit der jüdische Jünglinge auf Gymnasien und Universitären ausgenommen werden? Da das Ministerium des Cultus befürchtete, die orthodoxeren unter den Israeliten würden ihre Kinder darum nicht auf christliche Schulen schicken, weil von denselben etwa eine'Aenderung ihrer Tracht verlangt würde, so bemerkte man ausdrücklich, es sei diesen erlaubt, auch in ihrer polnisch-jüd. Tracht-die Gymnasien und höheren Schulen zu beziehen. So legt man ihnen nicht, wie vielleicht-anderwärts, Hindernine in den Weg, sondern man sucht vielmehr alle Schwierigkeiten aus dem Wege zu raumen. Der a usgeftreckte Arm des Wohlwollens und der Humanitär weist ihnen die Bahn, ein lohnendes Ziel beschließt sie/ Denn wer sich unter den Israeliten den Doctorgrad oder den Titel eines Apothekers erworben hat, erhalt den Rang eines Ehrenbürgers für fick und seine Nachkommen, wer Arzt, Candidar und im pharmaceutischen Fache Provisor ist, wird persönlicher Ehrenbürger. Wollen^ Sie aber Früchte sehen, mein werther Freund, wollen Sie Früchte sehen dieser liebevollen und menschenfreundlichen Behandlung; so nenne ich Ihnen nur eine einzige Stadt im südlicken Rußland, und diese liefert ihnen die sprechendsten Beweise. Sie. wissen es wohl, welche Stadt ich meine, Sie wissen es, daß ich von keiner andern als von Odessa spreche, und lächeln über die Selbstzufriedenheit, mit der ich es nieder schreibe. Immerhin. Wie sollten mich nicht die schönen Fortschritte in meiner Vaterstadt mit einem ganz besonders freudigen Gefühl erfüllen, da ich ja selbst in der hiesigen Pflanzschule rsraelitischer Bildung den ersten Keim meines Wissens empfangen habe? da ich ja selbst noch die Nacht gesehen und die Dämmerung, und jetzt das Licht sehe, das sich bald nach allen Seiten hin verbreiten wird? — Ja, Odessa, dieser auS dem Chaos hrrvorgezauberte, große Bau des hochseligen Herzogs von Richelieu, sollte sich nicht nur;um Alrar dcS Mercurius, sondern auch zürn Tempel der-Freiheit und Toleranz erheben. Hier ist es, wo die Juden Rußlands zuerst den schmählichen Staub von sich abschüttelten, und hincingriffen in die sturmbewegte Zeit mit Lust und Eifer, mir Wort und That. — Es ist Ihnen wol auch Manches von unserer Gegend schon zu Ohren gekommen, aber nickt Alles und nicht ausführlich; darum soll Sie diesmal meine Geschwätzigkeit schadlos hatten. Lassen Sie mich zuvörderst von den Schulen reden, weil diese gleichsam als der Grundstein der jetzt allgemein hier unter den Israeliten herrschenden Bildung zu betrachten sind. (Schluß folgt.) Redacteur Dr. L. Philippsott. — Verlag von BanwgärtrrerS Buchhandlung. — Druck von I. Hirfchfeld.