Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 76 (26.6.1838)
- Date
- 1838-06-26
- Page
- Seite 307 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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307 diese unerheuchelte Demuth, die, nicht die menschliche Vernunft zum Fenster hinauswarf und auf einen Düngerhaufen fallen ließ, sondern inmitten des Gefühls der Unzulänglichkeit dennoch das Bewußtsein dessen, was sie vermag, festhielt— wohl dem, der sie hatte heute, in der verworrenen Und jeden bestimmten Festhaltens ermangelnden Gegenwart! Und wenn wir auch seitdem schon tausend Meilen weitergerückt wären, und wenn auch die neuere Zeit viele Elemente und noch mehr Momente des Erkenntnisses entdeckt und offengelegt hatte — darum ist das Studium dieses Moses und seiner Genossen dringend^ anzuempfehlen, Jünglingen, Männern, Greisen zu empfehlen, daß sie Ruhe und Sicherheit wieder finden, und den gemessenen Gang wahrhafter Bildung kennen lernen mögen, und den erkünstelten Hunger und Durst der jetzigen Menschen zu beseitigen. Hungrig und durstig waren auch jene, aber sie verstanden es, Diät zu halten, und dem romantischen Verschmachten und Uebersättigen zu entgehen. Die neuere Zeit ist der Metaphysik nicht mehr hold. Höchstens Ln England hat sie noch aufrichtige Freunde, nur da geht sie noch offen und lebendig durch die Lesewelt. (Wir erinnern an Bulwer's England und die Engländer). In Deutschland muß sie das Gewand der Kritik und Belletristik umwerfen, wenn ihr noch Eingang gestattet werden soll, und da halten sich die Meisten öfter am Kleide fest, j und lassen den Körper fahren. Zu der Zeit unsres Moses j füllte sie die Stunden der Muße, war das Gespräch denkender Freunde, und galt ihnen für die höchste Beschäftigung des Geistes. Und nicht zu läugnen ist es, daß, abgesehen von den Resultaten auf dem Felde der Wahrheit, jene zugleich auf Sitten und Charakter höchst günstig influirt. Die ruhige Erörterung, die sie erfordert, die klare, logische Darlegung, die in ihr bedingt ist, der planmäßige Aufbau, den sie zu Stande bringen soll, drängt die Leidenschaft zurück, und bringt jene Urbanität und Feinheit hervor, die die damaligen Meister auszeichnet, und die wahre Unpartheilichkeit ist. Auch hierin kann jene Zeit uns zum Muster dienen, auch hierdurch wird die Beschäftigung mit Mose's Schriften segensreich auf uns wirken. Wie weit wären wir schon, wenn wir unsre besten Kräfte nicht auf eine, im Grunde zweck- und resultatlofe, Abwehrung feindseliger Polemik anwenden, unsre edelste Anstrengung nicht in der Vernichtung gehässiger Angriffe erschöpfen und consumiren müßten. Was Moses Mendelssohn seinen Glaubensgenossen war, was er für sie und in ihnen gewirkt, wir brauchen es nicht einmal anzudeuten: es ist eine abgeschlossene Sache. Ueberraschend ist es freilich, daß in der jüngsten Zeit Vieles wieder auf den Standpunkt unsres Moses zurückgekehrt ist, daß man den alle Grundlage vernichtenden Umsturz verlassen, den Zusammenhang mit Geschichte und Tradition wieder angeknüpft hat. Aber allerdings in anderm Geiste, im Geiste der Kritik, der besonnenen, wissenschaftlichen und religiösen Kritik. Das wollen wir hier ganz besonders bemerkt haben. Unser Moses hat durchaus nur die äußerliche Seite des Judenthums bearbeitet, in kirchlicher (Jerusalem), politischer (Vorrede zum Menasseh), civilistischer (Ritualgesetze) und exegetischer (Pentateuch, Psalmen) Beziehung. Das innere Judenthum hat er nicht allein unangetastet gelassen, sondern auch seine Integrität verlangt. Und dies nicht blos in ceremonieller, sondern auch in dogmatischer Hinsicht, und damit die Entwickelung geläugnet. Darum haben ihn seine eifrigsten Schüler, seine nächsten Erben grausam in Stich gelassen: denn Mendelssohn hatte ihnen die Thüre geöffnet, aber das verschüttete Gewölbe unzugänglich gelassen. Was Wunder, daß sie die Thüre wieder zuschlugen, und das ganze Gebäude verließ.en. Wir haben den Jrrthum Mendelssohns traurig gebüßt; das Judenthum hat in den zwanziger Jahren unsres Jahrhunderts die Folgen verspürt; Gottlob! daß es vorüber ist, und immer mehr vorüber geht. Wir wollen die Ursachen an Mendelssohn selbst nicht untersuchen; sie lagen auchgrößtentheils in seinem Geiste. Und eine spätere Zeit wird auch dies ein Glück zu nennen haben, wenn erst die trüben Folgen verwischt sein werden. Dann wird man nichts weiter herauszustellen haben, als daß Moses Mendelssohn den Impuls gegeben, daß das Judenthum, und mit ihm zahllose Geschlechter, zum Lichte erstanden, und sich zu bewegen begonnen, und seinem Ziele naher zu schreiten angefangen. Ueber alles Andere wird man hinwegfehen können. Darum aber, weil, wie gesagt, die Neuzeit im Judenthume wieder zurückgekehrt ist, um mit erkraftigtem und geläutertem Streben von Neuem noch einmal vorwärtszuschreiten, vergesset die Lehre und Werke auch dieses Moses nicht! * Correspondenzen, Auszüge, Repliken. Odessa, Mai. Allgemeine Schul-Anstalren. Humanität. Gemeinde. Wohl verdienen Sie meinen Dank in vollem Maße,Everehrter Freund, daß Sie mir all die erfreulichen Nachrichten über die