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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-06-28 · Heft 26 (28.6.1907) · p. Seite 309

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 26 (28.6.1907)
Date
1907-06-28
Page
Seite 309 (sequence 9)
Language
German
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Wer war Rabbi Nachman? Der letzte jüdische Mystiker. Damit ist viel und ist wenig gesagt. War er ein Kabbalist? Lehrte er. was vor ihm in direkter Linie der angebliche Verfasser des „Sohar", der Kabbalistenbibel, Rabbi Simon den Jochai, schon in dem zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung gelehrt hatte und was überliefert war, bis Rabbi Lurja es vierzehnhundert Jahre später zu einem System zusammenschweißte und Israel von Miedzyborz es durch die Begründung der Chassidim-Sekte zu lebendiger Wirkung brachte? Gewiß, Rabbi Nachman war ein Mystiker; auch ihm galt die Ekstase als die Quelle der Gotteserkenntnis. Und er war nicht bloß selbst ein Chassid, sondern er begründete eine Art Seitensekte des Chassidismus, die „Chassidim von Bratzlaw", so genannt nach dem podolischen Orte, in welchem er als Rabbi wirkte und lehrte. Er war auch ein Enkel des „Baal Schem", des Oberhäuptlings der Chassidim. Aber der letzte jüdische Mystiker? Nein, das war er nicht. Man kann vielmehr die berühnlten Strophen Anastasius Grüns „vom letzten Dichter" variierend, sagen, es werde jüdische Mystiker geben, so lange es ein Judentum gibt. Ich habe selbst lange nach der Zeit des Rabbi Nachman in meiner preußisch-polnischen Heimat jüdische Mystiker gekannt, wunderliche Leute, denen der Sinn und Zweck des Glaubens sich in der Ekstase konzentrierte, die während des Gebetes tanzten wie die „tanzenden", und heulten wie die „heulenden Derwische". Und in Sadagora sah ich dann das gleiche, wilde, bärtige Gesellen mit halbkahlgeschorenem Hinterhaupte, wundergläubige Wallfahrer, die sich betend streckten und dehnten wie Schlangenbändiger, mit ihren Köpfen die Wände anrannten und zu Gott schrien, als ob ihr Leib von brennenden Wunden bedeckt gewesen wäre wie der Leib des schreienden Philoktes. „Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind", steht bei Lessing zu lesen, und so wird es immer sein. Das Wunder aber ist aller Mystik letzte Weisheit, und wie sehr auch an der Kultur gereifter Rationalismus sich dagegen auflehnen mag. die Brücke, die vom Glauben zur Mystik führt, wird er nie zerstören. Innerhalb des Judentums ist der Chassid nicht bloß ein Sektierer, er ist ein Häretiker, der sich von Gott eine besondere, und zwar eine körperliche Vorstellung macht, der dem „Sohar", seinem Zauberbuche, inehr glaubt als der Thora und dem Talmud. Und der vor seinen „Zadikim" (Gerechten) wie vor Statthaltern Gottes auf Erden im Staube liegt, vor diesen „Zadikim". die er als die Mittler zwischen dem Herrn und ihm betrachtet, auch wenn sie selbst den Wahn ihrer Gläubigen nur als das Mittel ihrer Herrschaft über sie schlau zu benützen wissen. » Gegen diese „Zadikim" und deren Weltlichkeit ging Rabbi Nachman von Bratzlaw in scharfem Kampfe an, und das war die Tragik seines Lebens. Er war ein Häretiker im eigenen Lager. Als er im Jahre 1811, ein kaum Einundvierzigjähriger, in Uman wie in einem Exil verschied, raunte man sich über ganz Polen und Litauen zu, er wäre an gebrochenem Herzen gestorben, als Opfer im vergeblichen Ringen mit seinen chassidischen Feinden. Etwas von dem Geschick des talmudischen Elisa ben Abuja wiederholte sich in dem Schicksal dieses Rabbi Nachman wie in dem Schicksal jenes Mystikers, der so leicht zum Ketzer wird. Dem Elisa ben Abuja „troffen griechische Lieder von den Lippen", er lehnte sich auf gegen das anerkannte Schulhaupt, den Rabbi Mel'r, der wider ihn die Stimme Gottes anrief und ihn überwand, wie diese Stimme sich in einem Gewitterschlage vernehmen ließ. Armer Elisa! Armer Nachman! Rauchsäulen steigen aus euren Gräbern und wenn nicht ein Rabbi Me>r seelengroß kommt, sie zu beschwören, so schweben sie fort durch Jahrtausende und Jahrhunderte, zum Zeichen, daß auch die Mystik ihre Märtyrer hat. Als Rabbi Nachman im Jahre 1770 zu Miedzyborz geboren wurde, leuchtete gerade Moses Mendelssohn mit der Fackel der Aufklärung in das deutsche Judentum hinein. Und die Orthodoxie brüllte wie ein von Pfeilen getroffenes reißendes Tier wider ihn auf, wider diesen Ketzer „Mosche Dessau"; davon drang nur ganz dunkle Kunde nach Polen, Litauen und Podolien, keine gewiß bis in die Residenz des „Baal Schem". Dessen Urenkel Nachman wuchs zu einen: ekstatische!: Jüngling heran; er fastete und kasteite sich, wollte nichts davon wissen, daß die Freude die Quelle eines gottgefälligen Lebens sei, wie sein Urgroßvater gelehrt hatte. Er schloß sich zur Nachtzeit im Bethause ein und wartete, ob ihm nicht eine Offenbarung zuteil werden würde. Er lief um die Mtternachtsstunde zum Grabe seines Urgroßvaters, ihn zu bitten, daß er ihm beistehe. Als Vierzehnjähriger wurde er verheiratet; er kam zu seinem Schwiegervater aufs Land, und hier ging ihm der Sinn für die Natur auf; im Verkehr mit ihr wurde er zum Pantheisten. In seinem achtundzwanzigsten Jahre pilgert e er nach Jerusalem. Und als er nach mannigfachen Erlebnissen heimkehrte, sagte er: „Alles, was ich vorher tvußte, ist gar nichts." Da aber begann der Sturn: gegen ihn, der nun der „gute Jüd" über alle „guten Jüden" sein wollte. Seine Anhänger wurden von den Zadikim verflucht und geächtet. Den Tod im Herzen flüchtete er nach Uman. Dort bezog er eine Stube, deren Fenster auf den Friedhof hinausging. „Siehe", sagte er in einem Moment der Todesahnung, „uns entgegen komnit ein großer, erhabener Berg; aber ich weiß nicht, gehen wir znm Berge oder geht der Berg zu uns?" Als er gestorben war, erzählten seine Schüler: „Das Gesicht des Toten war wie das Gesicht des Lebenden, da er in seiner Stnbe einherging und seinen Gedanken nachqing." Einer dieser Schüler, Nathan ben Naphtali Herz, ließ zu Rabbi Nachmans Andenken in Uman eine Synagoge bauen, in welcher bis jetzt noch an seinem Todestage Gebete für seine Seele verrichtet werden. Und zugleich schrieb dieser Nathan — in der jüdischen Gelehrtengeschichte Nathan von Niemierow genannt — aus dein Gedächtnisse besonders charakteristische Worte des Rabbi Nachman auf und Geschichten, die er seinen Schülern des öfteren erzählt hatte. Sie sind dadurch den Nachkommenden erhalten worden. Oft wunderlich mystische Worte und Geschichten, in denen Tiefsinn und Poesie sich mischen. Einige von ihnen mögen hier zitiert sein: „Wie die Hand, wenn man sie vor das Auge hält, den größten Berg verdeckt, so verdeckt das kleine irdische Leben dein Blick die ungeheuren Lichter und Geheimnisse, deren die Welt voll ist, und wer dieses Leben vor seinen Augen wegziehen kann, wie man die Hand wegzieht, der schaut das große Leuchten im Innern der Welt." „Alle Gedanken des Menschen sind Worte und sprechende Bewegung, auch wenn er selbst es nicht weiß." „Glaube ist ein gar starkes Ding und durch den Glauben und die Einfalt ohne alles Klügeln wird einer gewürdigt, zur Stufe der Gnade zu kommen, die noch höher ist als die heilige Weisheit. Ihm wird überreiche Gnade in Gott beschieden in seligsten: Schweigen, bis er die Last des Schweigens nicht mehr zu tragen vermag und aufschreit ans der Fülle seiner Seele." „Man muß sich an jedem Tag erneuern, um sich z>: vollenden." „Es gibt Steine wie Seelen, die sind hingeworfen auf den Straßen. Aber wenn dann die neuen Häuser gebaut iverden, so fügt man ihnen die heiligen Steine ein."

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