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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-07-24 · Heft 30 (24.7.1903) · p. Seite 350

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 30 (24.7.1903)
Date
1903-07-24
Page
Seite 350 (sequence 4)
Language
German
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350 sache"auf die „Gesellschaft Jesu" zurückzuführen ist. Uin so gewichtiger siel das Wort des Papstes bei diesem Anlasse in die Wagschale. Die Erklärung, die Leo XIII. dein Herrn Boher d'Agen vom „Figaro" damals abgegeben hat, war ebenso klug wie hochherzig. Ein Papst, zmnal der vorsichtigste aller Päpste, spricht nicht, wie etwa ein Journalist schreibt. Trotz alledem aber steht es fest, daß der Papst in diesem großen Streite sich entschieden von denen zurückhielt, von denen der General Roget dazumal schrieb, „sie haben gegenüber der allgemeinen Anschauung in Europa recht, an die Schuld des Dreyfns zu glauben." Der Papst ging vielmehr mit Europa, mit dem „jüdischen Syndikat", wie Drumont sagte. Er warf Frankreich vor, daß es seine Kraft vergeude in einem schmachvollen Streite. „Das ritterliche Frankreich", hob er hervor, „ist nicht das Frankreich der verschleierten Damen, der falschen Bürte, der Verleumder, welche einen Banditen dingen, um einen tapferen Soldaten ans der Straße anzugreifen, derer, welche zu Piequart sagten: „Sie sind doch nicht auf der Tenfelsinsel." Während die antisemitischen Journale die Gegner damals mit Beleidigungen überschütteten, machte der Papst die Bemerkung: „Der Angeklagte untersteht nicht nur den gesetzmäßigen Richtern, sondern" — so fügte er ironisch hinzu — „Ihr Parlament hat ihm durch ein besonderes Gesetz außerordentliche Richter mit der vollen Befugnis aller Kammern gegeben. Wer würde in einem Prozeß nicht mit Ruhe von einem solchen Gerichtshöfe die endgültige Entscheidung erwarten? Kommt überhaupt irgend ein anderer Angeklagter in Frage, als der unschuldige oder schuldige Mann, gegen den der Prozeß angestrengt worden ist?" So hielt der Papst die Schuld des Dreyfus nicht für ein Dogma oder seine Unschuld unvereinbar mit der Ehre der Armee. Leo XIII. schloß mit der denkwürdigen Warnung, „nicht sich der Hoffnung hinzugeben, ans dieser Parteiangelegenheit etwa eine religiöse Angelegenheit machen zu können." Die Religion war in dieser schrecklichen Angelegenheit zu sehr durch unwürdige Vertreter kompromittiert worden. Da war es für den Papst geboten, dagegen aufzutreten. Die Tiefe seines Gedankens zeigte sich in den Schlußworten, welche fast wie ein Gebet znm Himmel emporstiegen; daß die Stunde der Gerechtigkeit in kurzem schlagen werde. Zum drittenmal hatte Papst Leo XIII. im Jahre 1900 Veranlassung, sich mit dem Antisemitismus zu befassen. Der Wiener Nuntius hatte sich auf Intervention des englischen Botschafters an den Vatikan mit der Bitte gewandt, gegen die Blntlüge, die gerade in Polna ihre Opfer forderte, Zeugnis abzulegen. Es unterliegt nach den offiziösen Mitteilungen, di« ein Wiener Blatt direkt ans der Nuntiatur empfangen, nicht dem geringsten Zweifel, daß der Papst gewiß nicht abgeneigt gewesen wäre, gegen dir Hetzer einzuschreiten, ja daß er wiederholt schon diese Absicht gehegt hatte. Aber „gewisse Kardinäle, die im Vatikan großen Einfluß besitzen, haben es immer wieder zu verhindern verstanden, daß der Papst eineil gewichtigen öffentlichen Schritt gegen die Verbreiter des Blutmürchens tue." Jene Clique, die dies verhinderte, war es auch, die ohne Zweifel gegen den Willen Leo XIII. den Antisemitismus in Europa in wirksamer Weise unterstützte. Wenn die Idee des Papsttums aus dein mystischen Traum eines Zeitalters tiefster Not hervorgegangeu ist, das das ewige Prinzip des Guten in einer Persönlichkeit vor Augen haben wollte, die „tröstlich sichtbar und erreichbar bliebe," so muß man bekennen, daß Leo XIII. diesem Ideal die Arbeit seines Lebens geweiht und darin den Weg des Heils und der Versöhnung aller Menschen gesucht hat. Sir Woche. Berlin, 22. Juli. letzten Heft der „Akademischen Blätter", des Verbandsorgans der Vereine Deutscher Studenten, veröffentlicht Oberbibliothekar Dr. Hans Paalzow eine Aufsatzreihe „Zur Universitütsstatistik", in der er über die jüdischen Stud enten die folgenden interessanten Mitteilungen macht: „Jeder, der die Verhältnisse der deutschen Universitäten auch nur oberflächlich kennt, weiß, daß die Juden unter den Studenten in einem Prozentsatz vertreten sind, der ihren Anteil an der Gesamtbevölkerung übersteigt. Dies gilt besonders von den preußischen Universitäten. Schon auf den preußischen höheren Lehranstalten sind die Inden stark vertreten. Während die männliche Bevölkerung Preußens 1890 zu 1,2 v. H., 1895 zu 1,2 v. H. und 1900 zu 1,1 v. H. aus Juden bestand, nahmen von den Schülern der höheren Lehranstalten die Juden in der Zeit von 1886—90 8,94 v. H., in der Zeit von 1891 bis 1895 8,42 v. H. und in dem Studienjahr 1899/1900 7,55 v. H. aller Schüler für sich in Allspruch, also rund siebenmal mehr als der Durchschnitt beträgt. Der Anteil der Juden an der Zahl der Studierenden der Universitäten ist aber noch größer, so daß von ben jüdischen Schülern relativ mehr zur Universität gelangen, als von den Schülern der christlichen Bekenntnisse. Zum Vergleich köllnen hier natürlich nur die drei weltlichen Fakultäten herangezogen werden, die theologischen müssen außer Betracht bleiben. Unter je 100 reichsinländischen Studierenden in den juristischen, medizinischen und philosophischen Fakultäten der preußischen Universitäten betrug die Zahl der Juden im Durchschnitt der Studienjahre von 1886/87 bis 1891 11,95, in der Zeit von 1891/92 bis 1895/96 11,47 und in dem Studienjahr 1899/1900 9,52 Prozent. Noch stärker ist der jüdische Anteil, wenn man nicht alle reichsinländischen Studierenden, sondern nur die studierendell Preußen in Betracht zieht. Von den jüdischen Studellten fällt der bei weitem größte Teil auf die medizinische Fakultät, während der Rest sich auf die juristische und philosophische Fakultät ziemlich gleichmäßig verteilt. In einem früheren Heft der „Preußischen Statistik" war über den starken Anteil der Juden an der Universitätsbildung gesagt, daß die tieferen Gründe dreser Erscheinung sich fast gänzlich der Kenntnis entzögen, soweit man sie auf statistische Grundlage stützen wolle. Jetzt weiß aber Herr Geheimrat Petersilie (in der „Zeitschrift des Preußischen Statistischen Büreaus" 1902, S. 82) eine ganze Reihe von Gründen dafür anzuführen. Er schreibt: „Was die lebhafte Neigung der Israeliten zum Studium anbelangt, so hat man darin einerseits eine Rasseneigentümlichkeit zu erblicken, anderseits aber wohl auch eine Folge der wirtschaftlich günstigen Lage einer Menge von Judenfamilien. Sieht man von der allerdings nicht kleinen Zahl der ganz armen jüdischen Trödler, Hausierer, Inhaber von Wanderlagern u. s. w. ab, so kamr man den Rest zu einem guten Teil zu den Wohlhabenderen, selbst Reichen rechnen, denen es leicht wird, einen Sohn dem Studium zu widmen; sie tun das erfahrungsmäßig auch gern, zumal wenn mehr als ein Sohn vorhanden ist. Ueberdies gewährt den Juden ihre Ansässigkeit in größeren und mittleren Städten, welche sie bevorzugen, bessere Gelegenheit, die Söhne auf höhere Lehranstalten zu schicken, wovon die Folge dann auch eine regere Beteiligung am Studium ist. Dazu kommt noch der Umstand, daß in Deutschland dem Juden das Eintreten in einige Berufe durch das herrschende Vorurteil außerordentlich erschwert, ja mitunter unmöglich gemacht wird, so beispielsweise in den Offizierstand. Daraus erklärt sich auch die Vorliebe der Juden für das Studium der Medizin. Schon als Jurist kann der Jude ein gutes Fortkommen vorzugsweise nur in der freien Berufstätigkeit des Rechtsanwalts, im Bank-, Versicherungs- und Jndustriewesen finden, was nicht jedes Fähigkeiten und Neigung entspricht; als Einzelrichter wenigstens werden Juden in der Regel nicht bestellt. In der philosophischen Fakultät wird er auch nicht häufig auf eine Lehrtätigkeit an einer höheren Schule hinstreben. Es bleibt ihm für uneingeschränkte wissenschaftliche Betätigung meist nur die Medizin. Allerdings ist wohl anzunehmen, daß dieser Neigung zum Studium der Medizin eine besondere Veranlagung der israelitischen Rasse für dieses Gebiet entgegenkommt; es ist auch Tatsache, daß unter unseren berühmten Aerzten sich nicht wenig Juden befinden."

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