Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1903)
- Date
- 1903-01-30
- Page
- Seite 52 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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52 Gin Vorschlag n der jetzigen Zeit, in welcher leider ein nicht unerheblicher Teil unserer Jugend sich von uns trennt, teils durch eigenen Entschluß, teils durch den Willen der Eltern, die am unmündigen Kinde die Taufe vollziehen lassen in mißverstandener Sorge für die Zukunft desselben, ist es erste Pflicht der Religionsgemeinschaft, die Jugend möglichst an sich zu fesseln. Mit nie rastendem Eifer müssen wir streben, wahre Einsicht in die jungen Seelen zu säe», Begeisterung im empfänglichen Herzen zu entzünden, vor allem sie bekannt zn machen mit allem Großen, das unsere Religion ihnen in so reichem Maße bietet, um auch dem nüchternen Ueberlegen die Schätze zn erschließen, die sie achtlos in Unwissenheit verschleudert. Nun haben wir ja den Jugendgottesdienst, der mit religiösem Fluidum die kindlichen Herzen durchdringt. Er ist gewiß sehr lobenswert und heilspendend, aber teils wird er nur von Kindern besucht, deren Eltern fest in der Religion wurzeln, teils bietet er vorzugsweise dem Gemüt Nahrung und weniger dem Verstände. Wir haben für die Erwachsenen Literatur- und ähnliche Vereine, in welchen man auf mannigfachste Art die Kenntnis unserer Religion und Geschichte erweitern kann. Könnte im Anschluß an den Literaturverein nicht auch ein solcher Vortragszyklus für die Jugend gegründet werden? Ich denke dabei nicht an strenge Vortragsreihen über ein fortlaufendes Thema, wie das Viktoria-Lyzeum oder die Humboldt-Akademie bietet, vielmehr an eine Reihe Einzelvorträge, die unter sich nicht im Zusammenhang stehen, sondern gleich den Vortrügen des jüdischen Literaturvereins für Erwachsene, aus den verschiedensten Zweigen jüdischen Lebens Bilder prägnanter Persönlichkeiten, begeisternde und zugleich belehrende Themata in einer Weise behandeln, die für das so empfängliche Alter von 14 bis 18 Jahren sich eignet. Gewiß würden sich Männer und Frauen finden, die ohne pekuniäres Interesse die Begabung und den freudigen Willen hätten, diesen schönen Zweck zn fördern. Um an Beispielen zn erhärten, was wir meinen, führen wir an (ganz ohne Verbindlichkeit, nur zufällig ausgreifend) z. B. Wissenschaft: Maimonides, natürlich in leichtfaßlichen Umrissen; Moses Mendelssohn. Literatur: Jehuda Halevi, Abr. Geiger, Ludw.Philippson. Geschichte: Glanzzeit der Juden unter den Arabern und Spaniern; erhebende Momente, wie die Makkabäerzeit, wie der Heldenkampf Barkochbas; der Wiedereintritt der Juden in England, dazu die Gestalten Manasse ben Israels und Cromweüs; die Zeit, in welcher Männer der Neuzeit das Judentum aus mittelalterlichen Banden durch ihre Geistestat befreiten. Bildende Kunst: die alttestamentlichen Bilder der sixtinischen Kapelle in Nom; Moses von Michelangelo, von Kaulbach, von Rauch, in ihren verschiedenen Typen. Musik: die alttestamentlichen Oratorien nnd Opern, z. B. Schöpfung, Elias, Joseph in Aegypten, Makkabäer re. re. Welche Fülle der Gesichte, welcher nie versiegende Stoff der Belehrung und Begeisterung! O, thut Euer Teil, daß unsere Jugend aus diesem reinen Born trinke, daß sie uns nicht verloren gehe und dafür eintausche Kaltherzigkeit, weltliche Berechnung, Glaubenslosigkeit, die in den Stunden der Versuchung und Gefahr vollständig versagen! nnd keine Gewähr bieten für das Glück des Lebens! Vielleicht gönnen Sie, hochverehrter Herr Redakteur, diesen Worten einer für den Bestand unserer ehrwürdigen Religion warm fühlenden Seele ein Plätzchen in Ihrer geschätzten Zeitschrift und Ihre bewährte Förderung der Idee. T ll. —?1>. Briefe aus dem Orient. g Schumla, im Januar. ^Mch beabsichtige, in diesen Briefen von Zeit zu Zeit den Lesern, welche Interesse für den Orient zeigen, das Leben und Wirken der 380 000 Inden in der europäischen und asiatischen Türkei, Palästina und Bulgarien sowie unserer Glaubensgenossen in Aegypten, Bosnien, Serbien und Griechenland vorzuführen. Durch die Gesamtdarstellung werden die Leser einen Ueberblick erhalten über die intellektuelle und materielle Lage eines großen Teiles der Juden. Ich komme nun zu meinem Thema. In der europäischen Türkei. Die Juden Konstantinopels erfreuen sich seit einigen Jahren der ganz besonderen kaiserlichen Huld; die Zahl der zu Amt und Würden gelangten Personen überschreitet das sonst übliche Durchschnittsmaß. Ich nenne an erster Stelle den Hofjuwelier Havonatchi de Levnnino, desseu sämtliche Mitglieder der Familie mit dem Medjidie-Orden ausgezeichnet worden sind; ich erwähne ferner zwei Aerzte, einen Militär- und einen Zivilarzt, die Doktoren Menteche Bey Galimidi und Jacques Mandel, die zu dem hohen Grade eines Pascha befördert sind, wodurch die Zahl der jüdischen Paschas auf sieben gestiegen ist. Mr. Vitali Franco wurde znm Attache der türkischen Gesandtschaft im Haag, Mr. Djemil Gonrdji und Vitali Rossano zu Konsuln in Syra bezw. Triest ernannt. Und wahrlich! Die türkischen Juden sind sich dieser kaiserlichen Gnade voll bewußt, sie geben ihrer Dankbarkeit dadurch Ausdruck, daß sie musterhafte Bürger ihres Landes und treuergebene Untertanen ihres Herrscherhauses sind. Alljährlich veranstalten sie aus Anlaß der Wiederkehr der Thronbesteigung des Sultans in Konstautinopel, Saloniki, Adrianopel u. s. w. feierliche Gottesdienste. Die angesehensten Bürger, sowie die Schnleu aus Smyrna und Jaffa entsenden alljährlich Huldigungstelegramme an die Vali-Paschas oder Gouverneure ihrer Provinz. In Saloniki ist der Vorsitz der landwirtschaftlichen Kommission des Gouvernements, welche die Aufgabe hat, den Ackerbau Rumäniens zu studiereu, einem Juden, dem Landwirt Vitalio Estruusa, übertragen worden. Der Divisionsgeneral Dr. I. Nissim Pascha in Saloniki ist zum Sanitütsinspektor des dritten Armeekorps und Inspekteur der Hygiene und der öffentlichen Gesundheitspflege bernfen worden. Die jüdischen Wohlfahrtsinstitutionen, welche von Gemeindemitgliedern ins Leben gerufen, entwickeln sich in erfreulichster Weise, und ihre Zahl — es gibt jetzt etwa 11 — nimmt stetig zu. Mit dem jüdischen Konsistorium will es dagegen bedauerlicherweise gar nicht vorwärts gehen. Entgegen einer starken Opposition, trotz zahlreicher Proteste ist es endlich zustande gekommen, doch bis jetzt ist es noch zu keiner Sitzung zusammengetreten. Es ist nur allzu verständlich, daß durch diese Untätigkeit und Indifferenz der Mitglieder des Konsistoriums die Verwaltung sämtlicher Gemeinden darniederliegt. Gleich-