Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-02-21 · Heft 8 (21.2.1902) · p. Seite 93

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 8 (21.2.1902)
Date
1902-02-21
Page
Seite 93 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228473-3228482--58403-3294844
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

93 In Frankreich, in Italien, England, Amerika war überhaupt jeder soziale Unterschied zwischen Juden nnd Christen vergessen, und selbst in Rußland nnd den Orientstaaten, wo freilich auch damals der Jude geknechtet und rechtlos war, neigte die allgemeine Tendenz zu einer Lockerung der Ausnahmebestimmungen und ließ eine Verschärfung derselben, wie sie speziell in Rußland in den letzten Jahrzehnten schonungslos zu Tage trat, nicht erwarten. Mit einem. Wort: es ist eine Thatsache, daß sich die Lage der Juden in den letzten 30 Jahren außerordentlich verschlechtert hat. Aber wenn wir eineil Vergleich ziehen wollen zwischen heute und früher, zwischen Gegenwart nnd Vergangenheit, dann dürfen wir uns nicht beschränken auf einen so kurzen Zeitraum, wie es 30 Jahre sind; denn was ist eine so kleine Spanne Zeit im Rahmen der Geschichte! Wir müssen einen Standpunkt wählen, der uns eine umfassendere Uebersicht gewährt. Schauen wir darum zurück auf die Zustände zu Ende des 18. Jahrhunderts, somit vor etwa 100 Jahren! Das ist besonders lehrreich für Diejenigen, die sich heute gewissermaßen als Märtyrer Vorkommen und wunder »reinen, was sie zu erdulden hätten und welch' sittliche Kraft ihnen innewohne, daß sie trotz aller Widerwärtigkeiten zur Fahne des Judenthums halten. Also, was war der Jude zu Ende des 18. Jahrhunderts? In allen europäischen Staaten, mit einziger Ausnahme der Niederlande, ein rechtloses, Physisch verkommenes Geschöpf, mit dem gelben Fleck gekennzeichnet, mißachtet und mißhandelt von jedem Gassenbuben, eingezwängt in besondere Quartiere, die vor Eintritt der Nacht geschlossen wurden, von jeder Bildungsstätte ferngehalten, nicht des geringsten Amtes, ja nicht einmal der Ehre des Waffentragens als gemeiner Soldat für würdig erklärt, angewiesen auf Schacher, Trödel nnd Viehhandel nnd auch nur hierfür Verständnis; besitzend, der Bildungstrieb erloschen, im günstigsten Falle einseitig entwickelt im Studium nnd Auslegen des Talmuds! Seine persönliche Sicherheit mußte sich der Jude durch Leibzoll uud exorbitante Steuern von hohen Behörden erkaufen, deren Unterorgane in den Juden willkommene Objekte zur schamlosesten Ausplünderung und Brandschatzung sahen. Nichts kennzeichnet besser die soziale Stellung der Kammerknechte seiner kaiserlichen römischen Majestät wie die Inschrift, die nm die Wende des 18. Jahrhunderts an den Kolonnaden meiner Vaterstadt prangte: „Ein Jude und ein Schwein, Darf hier nicht herein," und eine zu gleicher Zeit Geltung habende Bestimmung des hohen Rathes der freien Reichsstadt Frankfurt, daß im Schaupielhause Inden nur auf der Gallerie sitzen dürften, denn, so heißt es in der Motivirung: „Sintemalen es einem wohlanhändigen Bürger nicht zugemnthet werden kann, neben einem frechen Juden zu sitzen." Zum Heirathen bedurfte der Jude des besonderen Consenses eines Landesherrn, und der that nichts umsonst — wenn er überhaupt etwas that. In diese Nacht von Vorurtheil und Fanatismus, hinein in die engen, finsteren Ghettos leuchtete nun plötzlich von außen der gewaltige Feuerglanz der französischen Revolution, wn innen das Morgenroth des durch Moses Mendelssohn mtfachten Bildungs- und Veredelungstriebes. Und wunderbar war die Blüthenpracht, die dieser Frühling trieb. Ein nngekannter Hauch der Freiheit ging durch die Welt, neue Lebensfreude allem Volke kündend, Mannesstolz und Hoffnung dem Bürger nnd Bauern gebend und auf seinen Schwingen auch den geknechteten und gedrückten Juden zu ungeahnten Höhen tragend. Die Mauern und Thvre der Judenviertel fielen — die Schulen und Universitäten öffneten sich — der freie Sinn der führenden Geister der Nation erschloß den gleichstrebenden Israeliten ihre Kreise, und kaum war ein Jahrzehnt ins Land gegangen, so trat die herangewachsene Jugend, deren Väter noch vor allen Demüthiguugen resignirt und kraftlos den Rücken gekrümmt hatten, voller Begeisterung schaarenweise als Freiwillige in die Armee, um Gut und Blut einzusetzen für das nengefundene Vaterland und durch die That beweisend, welche körperliche und geistige Kraft in ihnen jahrhundertelang brach gelegen hatte nnd elend verkümmern mußte. So ging es nicht nur in Preußen; in Oesterreich, in Frankreich, in Italien, überall zeigte sich die gleiche Erscheinung, und ans dem Niesenkampfe der Nationen, in den; auch so viele unserer Glaubensgenossen verbluteten, kehrten die überlebenden jüdischen Krieger heim als gereiste Männer, die Brust mit Ehrenzeichen geschmückt und im Herzen den wiedergefundenen Glauben an sich selbst, an ihr Können und an ihr Menschenrecht. Gestärkt durch die Treue zu ihrer Religion, durch jene Treue, die ihre Ahnen befähigt hatte, in den mörderischen Verfolgungeil des Mittelalters anszuharren und sie zu überdauern, begannen sich diese Männer an der Kulturarbeit des Friedens eifrig zu bethätigen, und in dem gleichen Maße, in dem die auf ihnen lastenden Beschränkungen sielen, hob sich das geistige Niveau, das moralische Empfinden der Inden. Das war jene Zeit, wo so bedeutende Männer auf allen Gebieten der Wissenschaft, der Litteratnr nnd der Kunst aus unseren Reihen heranwuchsen, wie Heine, Börne, Rieß, der berühmte Physiker, den ein Humboldt selbst zun; Mitglied der Akademie vorschlug, Meudelssohn-Bartholdh, Meyerbeer, die Politiker Jacoby, Simsvn, der nachmalige Bundestagspräsident, und unser rastloser Vorkämpfer Gabriel Riesser, der Abgeordnete für Hamburg-Wandsbek, dessen wir mit besonderen; Danke uud besonder Hochachtung gedenken müssen. Doch auf die Zeit gewaltiger politischer und sozialer Erhebung folgte in allen Staaten unerwartet schnell die Reaktion. Die privilegirten Klassen der Aristokratie und der Beamtenschaft, die bei der Neuordnung der Dinge zu kurz gekommen waren, und die bei dem absoluten Regiment von damals nicht nur das Ohr der Könige, sondern auch die Macht zur Verwirklichung ihrer dunklen Pläne fanden, wollten mit Gewalt die Zeit zurückzwingen und aufs Neue das Leben der Nationen in die alten Bahnen drängen. Es kamen die Tage eines Metternich, eines Kotzebue. Die schlimmste politische Verfolgungssucht machte sich breit, jede freie Regung wurde gewaltsam unterdrückt, ja selbst Burschenschaften und Turner wurden für staatsgefährlich angesehen — und bei den; allgemeinen Angriff der Reaktion ging auch den Juden zugleich mit den; Bürgerthnin die kaum gewonnene Position wieder verloren. Umsonst schien das Blut in den Revolutionsjahren, in den Freiheitskriegen geflossen, vergeblich jedes Streben nnd Hoffen gewesen zu sein. lSchluß folgt.»

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.