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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-10-11 · Heft 41 (11.10.1901) · p. Seite 488

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 41 (11.10.1901)
Date
1901-10-11
Page
Seite 488 (sequence 10)
Language
German
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488 sollte. Es giebt wohl kaum eine Gemeindevertretung, die in energischerer Weise mit außerordentlich anzuerkennendem Eifer für das Wohl der Jugend sorgt, wie die Berliner. Eine Vertretung von Laien sorgt für den Religionsunterricht, sie sorgt dafür, daß er von den würdigsten Personen ertheilt wird, und der Staatsrabbiner findet vor lauter Amtsgeschäften nicht die Zeit, Mißständen abzuhelfen, die selbst in dem so verrufenen Westfalen fast unmöglich wären. Ist denn dem Jndenthum mit langandauernden Predigten wirklich gedient; wird der gebildete Jude durch allgemein gehaltene philosophische Redewendungen über Nietzsche und die jüdische Religion etwa dem Glauben anhänglicher bleiben? Die Juden sind in den Staaten, wo der Rabbiner kraft des Gesetzes das Recht hat, die kirchlichen Angelegenheiten zu verwalten, nicht besser und nicht schlechter, wie anderswo auch. Ist denn der Abfall vom Judenthum in Frankreich geringer als in Altpreußen? Haben die Juden der süddeutschen Staaten im Allgemeinen mehr Interesse für das Judenthnm? Diese Gleichgiltigkeit hängt mit der Zeitströmung eng zusammen; der Jndifferentismns ist bei uns vielleicht nicht einmal schlimmer als bei den Katholiken und Protestanten. Der Rabbiner kann mit dem besten Willen häufig nicht viel leisten. Auf das Gros des jüdischen Volkes wirkt bei uns leider viel mehr und viel eher ein, wenn der Jurist, Mediziner oder sonst ein Akademiker ein sehr reges Interesse für alle jüdischen Dinge hat, wie die beste Predigt des Rabbiners. In kleinen rheinischen Gemeinden kann man sehr häufig diese Erscheinung beobachten. Jndeß kann der Rabbiner, wenn er seinem Amte würdig vorsteht und nicht in allen erdenklichen Farben glänzt, prinzipientreu ist, ideal denkt und handelt und kein geschäftlicher Vertreter seines Berufes ist, wenn er durch sein Leben seiner Gemeinde ein nachahmenswerthes Vorbild giebt, wenn er die Zeitströmungen versteht, sich die Verehrung und Schätzung der gebildeten Juden sehrleicht erringen. Gern wird die Jugend den aus dem Herzen kommenden Worten des Lehrers lauschen, und nie wird sie später die Grundlehren des Judenthums vergessen. — Das preußische Judengesetz von 1847 ist sicherlich nicht das beste, und die preußischen Juden dürsten sich freuen, wenn das Gesetz eine Aenderung erfahren würde. Dem Geistlichen gebührt wenigstens Sitz und Stimme im Repräsentantenkollegium, nur dann kann er zum Wähle der Gemeinde wirken. Doch vorerst wird dieser Wunsch noch Wunsch bleiben. — In einem Städtchen der Provinz Hannover ist eine jüdische Gemeinde, von vergrößere und große Gemeinden sehr viel lernen könnten. Dort wurden die Mitglieder durch den fleißigen und strebsamen Rabbiner aus ihrer Lethargie aufgerüttelt, und meisterhaft versteht der Lehrer zum Wohle des Judenthums auf seine Gemeinde einzuwirken. Nicht unrichtig ist der Standpunkt, den, wenn ich nicht irre, Dr. Jacob in einem früheren Artikel in der „Zeitung des Judenthums" vertrat, daß nicht die lebenslängliche Anstellung allein dem Rabbiner Gelegenheit verschafft, zum Segen der Gemeinde zu wirken, sondern nur die Persönlichkeit, wie sie wirkt und schafft. Ein Mensch, der ehrlich und edel denkt und handelt, wird stets geschätzt, um wie viel mehr der wahrheitsliebende, gewissenhafte Lehrer in Israel. Nur einfältige Menschen werden in dem Rabbiner nur den Volksredner sehen wollen, oder gar, wie es Vorkommen soll, den Salonmenschen mit blondem Bart und echt arischem Aussehen; der Jude, der Herz und Verständniß sür die heilige Religion, für das Judenthum hat, er wird ihn als Verkünder der Lehre Gottes verehren. Daß die Stellung der Rabbiner immer mehr verstanden wird, dafür sorgt schon die Zeitströmung, dafür sorgen unsere Feinde. Denn es wird immer mehr das Streben der gebildeten Israeliten sein, die Religion, die Geschichte und die Litteratur des jüdischen Volkes kennen zu lernen. X. Aas Gehermniß der Odyssee. <s Hden Orten geht Schreiner in seiner Betrachtung 5 der Odyssee zu den Persönlichkeiten über. Der Götterbote trifft die Nymphe im blendend weißen Gewände, um die Hüfte den goldenen Gürtel, das Haupt vom Schleier umgeben, während sie singend mit herrlicher Stimme am Webstuhl hinschritt und mit goldenem Schiffchen wob. So schildern aber auch die Sprüche Salomonis die biblische Heroine. „Sie gürtet mit Kraft ihre Lenden und macht ihre Arme rüstig. Ihre Hände streckt sie nach dem Rocken aus und ihre Finger ergreifen die Spindel." Daß beide Frauen listenreich waren, bedarf keiner besonderen Hervorhebung, daß beide barmherzig gewesen, betonen Homer wie die Bibel. Allerdings ist die Barmherzigkeit der Nymphe, die es sieben Jahre ruhig mitangesehen, wie der göttliche Dulder Tag für Tag am Meeresstrande saß und weinte, sehnsüchtig nach der Heimath verlangend, eigentlich nur eine Ironie, während der biblischen Nahab diese Eigenschaft doch konsequenterweise zugesprochen werden muß. Aber der Autor weiß sich zu helfen. „Die Sachlage im Ganzen und Großen hat der Dichter verschoben, die Einzelzüge sind geblieben." Dasselbe gilt für das Gewerbe der beiden Damen, das ja doch eigentlich grundverschieden war. Auch selbst wenn man sich nicht an den Wortlaut der heiligen Schrift hält, und die Rahab blos als die Besitzerin eines Wirths- Hauses ansieht. Besondern Werth legt der holländische Philologe auf die feierliche Eidesleistung, welche die Wirthin von den Kundschaftern entgegennimmt, und die Nymphe den Fremdlingen leistet. Und nun kommt schließlich noch das verhängnißvollc Blockschiff, auf welchem Odysseus Ogygia verläßt, und für das der Kritiker keine andere Erklärung weiß, als indem er es allein Nothschiff ansieht, wie solche auf dem Jordan und dem Nabel des Meeres wohl oft verkehrten. Am Schluß seines ersten Kapitels stellt Schreiner die „Lichtpunkte" zusammen: er theilt sie in geographische und persönliche. Die geographischen sind: der Nabel des Meeres, die räumigen Grotten, die vier Quellen, der baumreiche Park, das Blockschiff des Wüstenmeeres und endlich die Dauer und Richtung der Fahrt; die persönlichen: die bergende Frau, die gemiedene Nymphe, ihre List und Klugheit, Billigkeit und Barmherzigkeit und der feierliche Eid. Odysseus landet nun auf seiner Fahrt schiffbrüchig auf der Insel der Phäaken Scheria. Durch Nausikaa wird er zu Alkinoos geführt, dem er seine Fahrten erzählt, und von dem er reichlich beschenkt in seine Heimath entlassen wird. Auch dieser Theil der Dichtung bietet Schreiner Stoff zu neuen Hypothesen. Odysseus hatte nach Schreiners Meinung den südöstlichen Kurs einzuhalten, um zu der vermeintlichen Nilverbindung zu gelangen; hatte er aber den Nil erreicht, so war die Weiterfahrt und Richtung von selbst gegeben. Stadt und Hof des Königs Alkinoos sind das alte Tyrus, in dessen Nähe sich die

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