Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1901)
- Date
- 1901-10-11
- Page
- Seite 482 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228419-3228461--57992-3294407- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
482 unserer Religion ist, welche Stellung sie der Wissenschaft, der Kultur, der freien Forschung, der Sittlichkeit und allen anderen Kulturreligionen gegenüber einnimmt. Diese Aufgabe aber muß in einem Buche über das Wesen des Judenthnms gelöst werden! Es wäre in diesem Buche zu zeigen, wie innerhalb des Judenthums der Gottesgedanke sich langsam aber sicher entwickelt hat, wie der Geist des Judenthums aufs Innigste mit der Kultur der Alten, dem Ursprung und der Entwickelung des Christenthums und allen großen Weltanschauungen seit Jahrtausenden verknüpft ist, wie schon in der Bibel und ebenso in den Reden der Propheten die höchsten Ideale der Sittlichkeit zum Ausdruck gelangen, wie der Grundgedanke der alles überwindenden Liebe sich wie ein rother Faden durch das ganze biblische Schriftthum zieht, wie die talmudische Tradition sich als eine Kraft der Entwickelung bewährt hat, welche das treibende Element innerhalb der Weltanschauung des Judenthnms bildet, und wie endlich mit dem Wiedererwachen des modernen Geistes auch innerhalb des Jndenthums der Morgen einer neuen Zeit allgebrochen, indem ein harmonischer Ausgleich zwischen dem alten Judenthum und der modernen Weltanschauung angestrebt und in ausdauernder Geistesarbeit durchgeführt wurde. Es gilt zu zeigen, daß die in unserer Zeit sich überall Geltung verschaffenden Ideen der Humanität, der sozialen Gerechtigkeit, der Gleichheit und Freiheit innerhalb des Judenthums leben und wirken. Auf dieser Grundlage wäre sodann das Judenthum in allen Phasen seiner Entwickelung und in seiner Weltanschauung nach den Quellen vorzuführen. Ein solches Werk müßte natürlich fesselnd und echt modern, aber doch auch schlicht und einfach, ohne jede Polemik, aber auch ohne Furcht und Bedenken geschrieben sein, so daß jeder Gebildete auch ohne theologische Vorkenntnisse in der Lage wäre, sich aus diesem Werke Rath und Kunde, Trost und Belehrung zu holen. Es ist selbstverständlich, daß ein solches Werk nur von einem hervorragenden Theologen geschrieben werden kann; gleichwohl dürfte das Werk kein theologisches sein, da es sonst seine Wirkling gänzlich verfehlen würde. Wird nun ein solches Buch geschrieben werden? Wir wünschen und hoffen, ja wir erwarten es mit Bestimmtheit. Wir besitzen eine ganze Reihe tüchtiger Theologen und theologisch gebildeter Schriftsteller, die in der Lage wären, sich an diese Arbeit heranzuwagen; von diesen erwarten wir die Lösung der Aufgabe mit Zuversicht. Wir haben niemals gesagt, daß das Judenthum die Religion ist, daß sich in ihm alle Erscheinungen der Religion in eigenthümlicher Umformung und gesteigert wiederholen, daß die Bibel unser ausschließliches Eigenthum sei, und daß die jüdische noch heute als die einzig lebendige Religion studirt werden könne, wie dies Herr Harnack behauptet. Aber wenn es wahr ist, was er selbst zugesteht, daß die Bibel das Buch des Alterthums, das Buch des Mittelalters und das Buch der Neuzeit sei, dann haben wir „als das Volk der Schrift" doch wahrhaftig das unveräußerliche Recht und vor allem die unaufschiebbare Pflicht, der modernen Kulturwelt zu zeigen, wie das Judenthum ans der Grundlage dieser Bibel sich mit dem Geiste der neuen Zeit in Einklang zu setzen gewußt hat. Me Woche. Berlin, 9. Oktober. ieEinstellung des Strafverfahrens in Könitz gegen den Fleischermeister Adolf Lewh und seinen im Zucht Hause sitzenden Sohn Moritz Lewh wegen Mordes, beziehungsweise Theilnahme an dem Verbrechen, wird der unglücklichen Stadt, in der ein Jahr lang die schlimmsten Leidenschaften aufgewühlt und das ganze öffentliche und Privatleben vergiftet worden sind, schwerlich die ersehnte Ruhe bringe,. Noch immer hetzt die antisemitische Meute dort gegen di? Inden, und so lange dies der Fall ist, wird der Hader in de? Bevölkerung des westpreußischen Städtchens nicht zur Ruh? kommen. Dem Moloch des Rassenhasses werden weiter arm- Opfer fallen. Wenn auf der einen Seite alles geschieh,, um ein dunkles Verbrechen aufznhellen und den unbekannten Thäter der gerechten Strafe zuzuführen, so sind bei jene? Clique, die den Konitzer Mord zum Lieblingsgegenstand ihrer wüsten Hetze gemacht hat, ganz andere Rücksichten maßgebend, wenn sie die Angelegenheit nicht zur Ruhe kommen lassen wil? Man muß nur die Kommentare lesen, mit denen ihre Blätter die erwähnte Mittheilung begleiten. Nun. es wird sich ja zeige», ob es gelingen wird, das Gift des Rassenhasses m s die Dauer in dem unglücklichen Städtchen auszustreuen. r> Die gesammte Kulturwelt feiert in diesen Tagen Rudolf Virchow, einen Mann, der stets für Recht und Freiheit mit Mannesmuth eingetreten ist, und auch wir dürsen a» I diesem Ehrentage um so weniger bei Seite stehe», als unse.? Gegner ein solches Stillschweigen gerade in diesem Falle falsch auslegen könnten. Die wissenschaftlichen Untersuchungen Virchows auf dem Gebiete der Anthropologie haben wichtige Angaben der Genesis, die die Bibelkritik in Abrede zu stellen suchte, wieder zu Ehren gebracht. Seine Untersuchungen über Rassenschädel haben Vorurtheile entkräftet, die gerade gegen die Juden sich am Meiste» richteten. Sein „Arch v für pathologische Anatomie" stand jüdischen Gelehrten! immer offen, und die werthvollsten Untersuchungen I zur Geschichte der Medizin unter den Juden sind unter seiner I Aegide erschienen. Anderseits zögerte er keinen Augenblick, cus I er durch einen offenen Brief des sel. David Cassel eines Besser?,, I belehrt wurde, seine Anschauungen über die Krankenpflege der I alten Israeliten zu korrigiren. Im politischen Leben ist I immer auf Seite Derer gestanden, die die staatsbürgerlich?» I Rechte der Juden eifrig verfochten haben. Wie er die Notablen-1 Erklärung vom 12. November 1880 als einer der ersten m t-I Unterzeichnete, so ist er auch schon in der ersten Judendebalel vom Jahre 1884 dem Hofprediger Stöcker in sehr entschieden?, » Weise entgegeugetreteu. Im Februar 1893 geißelte Virchow d u-1 Treiben der Antisemiten in folgender Weise: » „Mau muh sich frage», wie es möglich gewesen ist, daß gebild »» Menschen sich für den Antisemitismus aussprechen konnten, wie t?>I menschliche Geist in einer solchen Weise entarten konnte, nicht bei d »I Antisemiten vom Fach, sondern bei deren Helfershelfern. Daraus g-ht! aber hervor, wie viel die Phrase über unsere Mitbürger vermag, u»d! darin liegt auch die große Schwierigkeit gegenüber der antisemitisch »! Bewegung. Der Antisemitismus ist so verstockt und verhornt, dak! die Stelle gar nicht zu finden ist, wo man ihm ans Lebe» kann; »>»>! weis; nicht, was die Leute eigentlich wollen. Der eine Antisemit ist imn »'! ganz anders als der andere; ein Programm, ein formulirter Gedanke» ist nicht im Antisemitismus enthalten. Man dars sich nicht vorstell?»!