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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-03-29 · Heft 13 (29.3.1901) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 13 (29.3.1901)
Date
1901-03-29
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
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Rexingen iwürtt. Schwarzwaldj erhielt dieser Tage die silberne Verdienstmedaille. Man sieht, daß in Württemberg eilt alttestament- Ocher Name kein Hinderniß für de:: Träger bildet wie anderswo, wenn es sich nm die Anerkennung treu geleisteter Dienste im Interesse des Gemeinwohls handelt. Oesterreich - Ungar«. lH Wien, 25. März. Vor einigen Tagen hat der Kaiser die Jahresausstellnng eröffnet,- bei dieser Gelegenheit sprach der Kaiser auch den bekannten Maler Isidor Kaufmann an. fand seine Studien polnischer Inden sehr schön gezeichnet und fragte den Künstler, ob er ausschließlich polnische Inden male. Kaufmann erwiderte, er habe auch andere Sujets. Der Kaiser fragte, ob der Künstler im Lande gewesen sei, was Kaufmann bejahte. Die Werke dieses ausgezeichneten Künstlers üben eine besondere Anziehungskraft aus die Besucher der Ausstellung aus. — In Olmntz hat ein ezechisch-antisemitisches Blättchen wieder das gehetnniißoolle Verschwinden eines Christen- Mädchens konstalirt; den Nachforschungen der Polizei gelang es bald, das Lügengewebe ans seine Nichtigkeit zu prüfen - - das saubere Blatt wurde auch sofort konfiszirt. — Hier ist am 21. d. M. der berüchtigte Pfarrer Dr. Joseph Decke rt, der eifrige Verfechter der Blutlüge und des Lutherseldrnordes, einer der streitbarsten Kleriker, einer der grimmigsten Judenfeinde. der viel Unheil angerichtet, der auch oft genug die Gerichte zu beschäftigen hatte, gestorben. — Dem bekannten Schriftsteller Dr. Heinrich Fried) u ng wurde die hohe Ehre zu Theil, vom deutschen Kaiser das Porträt desselben mit einer eigenhändigen Widmung zugeschickt zu erhalten. 18. Budapest, 18. Mürz. Im Laufe einer ö f fe n t lich e n G e ri ch t sverhandlnng in der Angelegenheit eines von seinen Angehörigen mißhandelten jüdischen Knaben ist der Umstand an den Tag gekommen, daß das neunjährige Kind, entgegen den gesetzlichen Bestimmungen, von den Normen, zu denen es von der Polizei in Pflege gegeben worden ist, sofort nach seiner Aufnahme getauft und überdies dem Kinde Gehässigkeit gegen seine Angehörigen und die Juden im Allgemeinen eingeflößt worden ist. Irr dieser Angelegenheit hat der Abgeordnete Dr. Moritz Mezei mit dem Ministerpräsidenten Nücksprache genommen. Herr v. Sz<Al ließ sich eingehend über die Sache informiren und erklärte, er werde sich von der Polizei Bericht erstatten lassen und dann die erforderlichen Verfügungen treffen. Aller Voraussicht nach wird der Knabe in einem jüdischen Waisenhause nntergebracht werden. Die Intervention des Herrn Mezei hat einen Fehler der Wohlthätigkeitssektion der Pester Kultusgemeinde, die seiner Zeit, als die Presse sich mit dieser Skandalgeschichte befaßte, von der Sache keine Notiz genommen hat. gntmachen wollen. Hoffentlich wird es ihm gelingen, das Kind dem jüdischen Glauben zu erhalten und die Schwerfälligkeit und den Indifferentismus der genannten Sektion zu brechen. — Der Obergespan des Biharer Komitates ernannte Herrn Arni in Gero zum Oberstadthanptmann der Stadt Großwardeiii. Frankreich. Parts, 24. März. Gestern Abend hielt Professor Dr. Martin Philippson vor der üvs vtuclos Külves" auf deren Einladung einen Vortrag über „Ludwig Philippsou und seine Einwirkung auf das zeitgenössische Judeuthum". Der Oi'anä-Hnbblu cke kll'auee präsidirte; die intellektuelle»! Spitzen des französischen Judenthums waren zugegen: die Brüder Neinach, Dr. Leven, Professor Dörembourg, der Krancl-Kndbin clo?rwis Drehfus, Rabbiner Weil, Professor L6vh, Mo'ise Schwab w. re. Von biographischen Einzelheiten gab Professor Philippson so wenig wie möglich, um vielmehr seines ausgezeichneten Vaters Anschauungen (messia nische Idee des Indenthums, seine Mission, historische Entwicklung aus dem überlieferten Boden mit Ausnahme der Fortschritte der Menschheit), seine weitverzweigte Thatigkeit nach allen Seiten hin und deren Ergebnisse für die Gestaltung des Judenthums zu schildern. Der Vortrag fand großen und lebhaften Beifall, sowohl dem Inhalt nach wie auch nach der Seite des französischen Stils hin. Wiederholt riß der gefeierte Historiker das ansehnliche Publikum zu lebhaften Beifallsbezeigungen hin. Ein Politisches Blatt sagt von dem Vortrag, daß der Redner seine Pflichten als Geschichtsschreiber wie als Geisteserbe gleichermaßen erfüllt habe. Von Nah und Fern. -- Dem ehemaligen Direktor der in Liquidation getretenen Berliner Packetfahrt-Aktiengesellschast Emil Starke ist der Rothe Adlerorden vierter Klasse verliehen worden. - Der Hilfslehrer Dr. Sa ml er ist zum Oberlehrer an» städtischen Sophiengymnasium ernannt worden. — Der Kreisphysikns Sanitätsrath Dr. Moritz Freyer in Stettin ist zum Medizinalrath und Mitglied des Medizinalkolleginms der Provinz Pommern ernannt worden. In He eh in gen hat der! dortige Shnagogenverwalter und Kantor M areus Gntina n n unter! Gefahr des eigenen Lebens ein achtjähriges christliches Mädchen, das! beim Suchen seines Spielballs in den hochgehenden Fluß gefallen war, vom sicheren Tode errettet. Herr Gutmann kam gerade vom Friedhof des Weges daher und sprang rasch entschlossen dem mit den Wellen ringenden Kinde nach und brachte es glücklich ans Land. — In dem Preßprozeß des Rechtsanwalts Dr. S p o hr gegen die „Frankfurter Zeitung" hat auch das Landgericht Gießen als zweite Instanz die Berusuug verworfen, da es nicht erweislich sei, daß Rechtsanwalt Spohr die Forderung ausgestellt habe, ein Jude müsse vor Gericht beweisen, daß er ein anständiger Mensch sei. Eine solche,Aeußeruug wäre der Würde des Anwattstandes zuwider gewesen, und es sei nicht anzuuehmeu, daß Dr. Spohr sie gethau habe. - Der Bischof von Königgrätz hatte bekanntlich in Mainz Strafantrag gestellt gegen ei»» Blatt in Frankfurt und in Wiesbaden wegen beleidigender Behauptungen in Sachen des Polnaer Mädchenmordes. Das Schöffengericht hatte den Gerichtsstand abgelehnt: das Landgericht hat aber nunmehr beschlossen, das Hauptverfahren zu eröffnen. — In Würzburg präsidirte Prinz Nnpprecht dem Kriegsgericht der vierten Division. Es handelte sich nm eine Anklage wegen Beleidigung gegen den Obersten z. D. Moritz v. Hol leben, der einen Nachbar im Aerger über eineil Mißstand einen „dummen frechen Judenbuben" genannt hatte. Das Verfahren wurde eingestellt, weil der Strafantrag zu spät eingelansen war. — Die kinderlose Wittwe Rachel Postin hat ihren Schwager Rubin Postin nm Zahlung voll Alimenten verklagt, weil dieser sich hartnäckig weigert, ihr Chalizah! zu gebeil, und das Odessa er Kammergericht hat nach eingeholtem i Gutachten jüdischer Sachverständigen den Beklagten verurtheilt, seiner! Schwägerin 40 Rubel monatlich ansznzahlen. In der ttrtheilsbegrüudung heißt es, daß nach den jüdischen Religionsgesetzen eine Wlttwe. deren Gatte verstorben ist ohne Kinder hinterlasfen zu haben, nicht eher eine neue Ehe eingehen darf, als bis der Bruder des verstorbenen Gatten al» ihr die Vorschrift der Chalizah vollzogen habe. Da der Beklagte sich jedoch hartnäckig weigert, an seiner Schwägerin diese Vorschrift zu vollziehen und diese infolgedessen darall hindert, - eine nach den jüdischen Gesetzen gütige Ehe einzugehen, so ist es nicht! mehr als recht und billig, daß er seine Schwägerin ernähre. -- Die i Stadt Wilna zählte Ende des Jahres 1898 156 000 Einwohner.! Davon waren 25000 Russen, 47 000 Polen und 76000 Juden. In Prozenten ausgedrückt gab es in Wilna 16 Prozent Russen, 80 Prozent Polen und 49 Prozent Juden. In dem 867 Quadratmeilen umfassenden Gouvernement Mohilew wohnten im Jahre 1898 1717 881 Menschen, von denen 887 104 männlichen und 890 777 weiblichen Geschlechts waren. In diesen: Jahre kamen 81 100 Geburten und 89 877 Todesfälle vor, so daß die Bevölkernngszahl Ende des Jahres sich auf 1 759 104 belief. Davoll waren 1 504 555 Rechtgläubige lind Sektaulen, 53 589 Katholiken und 218 884 Juden. Die jüdische Bevölkerung des Gouvernement Mohilew betrug demnach Ende 1898 über 12 Prozent. — Am 18. d. M. begann I. G. Troitzki, Professor der Theologie all der Petersburger geistlichen Akademie, eine Serie von öffentlichen Vorlesungen über den Talmud, welche von einem distinguirten Publikum überaus zahlreich besucht wurden. Bei dieser Gelegenheit erwähnte er die gewiß Vielen unbekannte Thatsache, daß General Fürst Bagration, der 1812 an Stelle des Feldmarschall Kutusow die russischen Truppen gegen Napoleon 1. kommandirt hat, ein Karaibe war. — Alls dem Städtchen Peßki, Gouvernement Lublin, wird über eil» furchtbares Verbrechen berichtet, das den: Aberglauben oder dem Antisemitismus, vielleicht jedoch diesen beiden gemeinsam seinen Ursprung verdankt. Ans einem Nevisionsgange durch den jüdischen Begräbnißplatz entdeckte der Wächter, daß drei Gräber geöffnet und ihres Inhalts beraubt waren. Von den drei aus ihren Gräbern entfernten Leichen wurde die eine —

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