Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1901)
- Date
- 1901-03-22
- Page
- Seite 136 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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irr den genannten Blattern, erschienen vor kurzer Zeit Artikel, die den Polnaer Mord behandelten. Unter anderm wurde in den Artikeln ausgeführt, daß der Bischof von Königgrätz, Dr. Brynych, voll der Kanzel herab gepredigt habe, es liege im Falle Polna ein erwiesener Ritualmord vor. Dr. Brynych beauftragte den Centrumsabgeordneten Dr. Schmitz in Mainz gegen die erwähnten zwei Blätter einen Strafantrag Zu stellen. Die Klage enthält wörtlich folgende Stellen: „Der Privatkläger ist seit dem Jahre 1894 in der Kirche von Polna überhaupt nicht gewesen nnd hat weder in Polna noch in Königgrätz über den Nitualniord gepredigt. Die Beschuldigung des Judenthums, als ob in seinem Ritus irgendwelche Vorschriften bestünden, welche den Gebrauch von Christenblut verlanget!, ist seit jeher von den Juden bestritten worden, ist von hohen Autoritäten der Wissenschaft und den höchsten Würdenträgern der katholischen Kirche als unwahr bezeichnet worden. Sicherlich hat noch Niemand eine Vorschrift des jüdischen Ritus Nachweisen können, in der auch nur die geringste Andeutung für das Vorhandensein eines solchen barbarischen Gebrauches gefunden werden könnte. Wenn deshalb selbst in einem einzelnen Falle nachgewiesen werden könnte, daß ein einzelner fanatischer Jude im religiösen Wahnsinn oder infolge irgend einer anderen geistigen Verirrung ein so scheußliches Verbrechen begangen haben sollte, so hat damit das Judenthum als solches und der jüdische Ritus absolut uichts zu thun." Die Klage führt dann weiters aus, das; die Beleidigung, die in der Insinuation liegt, ein katholischer Bischof könne eine derartige Aenßerung gethan haben, ein schwere ist, da er damit die ihm anvertrauten Gläubigen in bewußter Weise täuschen und Bürger gegen Bürger aufreizen würde, lvas eine abscheuliche Handlung wäre. Hoffentlich werden diese Worte ihre Wirkung in der Diözese des ehrwürdigen Kirchenfürsten nicht verfehlen. Wie inzwischen bekannt wird, hat das Amtsgericht Mainz die Eröffnung des Hauptverfahrens in dieser wie in der Klage des früheren Pfarrers von Polna Vlczek abgelehnt, da gegen „den fliegenden Gerichtsstand der Presse" begründeter Einspruch erhoben wurde. 4 In Frankreich haben die Assumptiouistenmönche an möglichst vielen Orten auch katholische Wählervereine unter dem Titel „Gerechtigkeit, Gleichheit" gegründet. Der Pariser Verein dieses Namens veranstaltete nun kürzlich eine große Versammlung, die ausschließlich — Protestantenhetze betrieb. Der Hauptredner des Abends war ein Herr Ernst Nenauld, Verfasser der Bücher: „Die protestantische Gefahr" und „Die protestantische Eroberung". Er führte u. a. aus: „Ich werde einen Feldzug im Lande unternehmen, um zu zeigen, daß es eine protestantische Gefahr giebt wie eine jüdische und eine Freimaurergefahr. Die protestantische Gefahr erstickt uns. Wenn Sie die richtige Witterung haben, so werden Sie alsbald bemerken, daß alle öffentlichen Aemter mit Protestanten besetzt sind. Zn allen Zeiten war die Protestanteupartei eine politische Partei, die nur danach strebte, sich der Regierung zu bemächtigen, um Frankreich dem Feinde auszuliefern. Zu allen Zeiten, von Coligny bis Dreyfus, haben die Protestanten die Verräther begünstigt." Ein anwesender Protestant rief hier muthig: „Sie lügen!" Er wollte sprechen. Man ließ ihn jedoch nicht zu Worte kommen, sondern warf ihn unter der» Ruse: „Nieder mit dem Verräther! Nieder mit dem Protestanten!" zur Thür hinaus. Herr Nenauld endete seinen Vortrag mit der Versicherung, daß Frankreich derzeit in der Gewalt protestantischer Verräther ist. Verständnißvoll rief die Versammlung: „Es lebe der Straßenaufstand! Es lebe Gott! Es lebe die Bartholomäusnacht!" „Blasen wir den Sturmmarsch!" erwiderte der Redner: „Nieder mit den Protestanten! Es lebe das katholische Frankreich!" Nach neuen Litaneien und Anrufungen der Schutzheiligen sang die Versammlung ein neues Lied: „Die Katholikenhymne", in der es u. a. heißt: „Franzosen, fallen wir über die Verräther, die Raben, mit Knüppel- und Pantinenhieben her. Feste aus die Rotte der Vaterlandslosen und Gottlosen los!" Wie gefällt unseren deutschen Antisemiten dieses wüste Treiben? 4. Die Leiden unserer Glaubensbrüder in Südrußland scheinen bereits ihren Höhepunkt erreicht zu haben. Alle Briefe und Berichte ans den Gouvernements Cherson und Bessarabien sprechen nicht mehr von einer gewöhnlichen Noth, sondern von einer veritablen Hungersnoth mit allen ihren Nebenerscheinungen. Alls den Kreisen Ananiew, Cherson, Elisabethgrad und Odessa kommen Hiobsbotschaften über die dort herrschende Armuth, welche gegenwärtig 4200 Familien mit 12 000 Seelen ergriffen hat. „Diese Familien leiden buchstäblich Hunger, da sie absolut ohne Lebensmittel sind. Ihre Zahl nimmt rasch zu, und die Menge der hungernden jüdischen Familien wächst sichtlich von Tag zu Tag." Aus anderen Städten Südrnßlands theilen die Herren Morgulis, Dr. Finkelstein und Notar Hurowitz in einem an die jüdischen Blätter gerichteten Schreiben ähnliche Nachrichten mit. „Infolge der Mißernte," heißt es in diesem Schreiben, „sowie durch die Stockung in Handel und Gewerbe sind die jüdischen Handwerker, Arbeiter und Kleinhändler in den Städten, Städtchen und Dörfern Südrußlands ohne Arbeit und Verdienst. Die Leiden während der vorjährigen Mißernte haben die jüdische' Bevölkerung der Gouvernements Cherson und Bessarabien derart entkräftet, daß sie gegen die Wiederholung der vorjährigen Katastrophe ganz widerstandsnnfähig geworden sind. Viele Leute, die im vorigen Jahre noch zu den Wohlhabenden zählten, sehen sich jetzt selber gegenüber der bittersten Noth. Die lokalen Hilfsmittel wurden bereits im vorigen Jahre erschöpft, die Regierung hilft ausschließlich den Bauern, und die von der Gesellschaft zum „Rothell Kreuz" in den Städten eröffneten Volksküchen nehmen ans die religiösen Vorschriften unserer Speisegesetze keine Rücksicht, so daß sie infolge dessen von den jüdischen Volksmassen nicht benutzt werden können." Leider haben die Komitees, welche im vorigen Jahre in Odessa und Kischenew so vorzüglich funktionirt haben, sich vorzeitig aufgelöst und sind bis jetzt nicht wieder in Aktion getreten, obgleich die Hungersnoth nunmehr seit 10 Wochen in Südrußland wüthet. Offenbar muß es noch weit schlimmer kommen, lvenn die Führer des Jndenthums in Südrußland sich zu eitler größeren gemeinsamen Aktion aufraffen sollen. Nun wohl! Dieses Schlimmste ist bereits eingetreten: in manchen jüdischen Städten des Gouvernements Cherson ist die schlimmste Begleiterscheinung des Hungers — der Hungertyphus — unter den ärmsten Schichten der jüdischen Bevölkerung ansgebrochen. Aus Cherson wird der „Budustschnost" geschrieben: „Die jüdische Wohlthätigkeitsgesellschaft, deren Mittel vollständig erschöpft sind, hat an den Magistrat eine Eingabe gerichtet, in der es n. a. heißt: Die Noth unter der hiesigen jüdischen Bevölkerung ist so groß, daß bereits der Flecktyphus ausgebrochen ist. Der Magistrat hat daher Baracken aufgeschlagen, um speziell diese Kranken aufzunehmen. Vielleicht wird die Nachricht dazu dienen, die jüdische Wohlthätigkeit, welche durch die im vorigen Jahre all sie gestellten zahlreichen Ansprüche erschöpft zu sein scheint, wieder zu beleben.