Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 7 (15.2.1901)
- Date
- 1901-02-15
- Page
- Seite 80 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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80 Neues über Kaiser Friedrich und die Juden. Von Dr. Adolph Ko Hut. ps sind gerade zwei Jahrzehnte verflossen, seitdem der glorreiche Sieger bei Königgrätz und Wörth, einer der edelsten und tolerantesten Fürsten, welche je auf einen! Throne gesessen, Kaiser Friedrich II., damals noch deutscher Kronprinz, die antisemitische Bewegung für eine „Schmach unserer Zeit" erklärte. Es geschah dies in einer Sitzung der Viktoria-Jnvalidenstistung, und zwar gegenüber dein stellvertretenden Vorsitzenden derselben, dem Stadtverordneten und Vorsteher der jüdischen Gemeinde zu Berlin, Geheimen Kommerzienrath Meyer- Magnus. Von antisemitischer Seite wurde damals und auch später wiederholt versucht, die Authentizität dieser Aeußerung anzuzweifeln, aber anläßlich des Erkenntnisses des Reichsgerichts in dem Prozesse des Hofpredigers a. D. Stöcker gegen den Redakteur Bommert und in der Reichstagssitzung vom 23. März 1893 wurden gleichsam urkundlich für die philosemitische Gesinnung des edlen Herrschers Beweise erbracht, und Männer, wie der Staatsminister von Stosch, Dr. Georg von Bimsen, Prof. Lazarus und Dr. Moritz Gumbinner konnten bezeugen, daß der hohe Herr die Jndenhetze aus vollster Seele haßte und verabscheute. Der deutsche Kronprinz und spätere Kaiser Friedrich II. hat bei zahlreichen Anlässen für Geivissellsfreiheit und Duldung und auch für die Rechte Israels sein Wort erhoben. In seinem idealen Sinne und seinem sür die edelsten Güter der Menschheit im Allgemeinen und des deutschell Volkes im Besondern schlagenden Herzell lebte stets das mächtige Verlangen, alle seine Unterthanen glücklich zu machen. Seiner ganzen Denkart hat er in einer Allsprache beim Logenfeste der Straßburger Bauhütte „Erwin" am 12. September 1886 mit beredten Worten Ausdruck verliehen: „Zwei Grundsätze bezeichnen vor allem unser Streben: Gewissensfreiheit und Duldung. An ihnen lassen Sie uns festhalten mit unserer ganzen Kraft. Daß dieselben bei uns immer vollkommener werden, dazu Lassen Sie uns allezeit Mithelfern Nicht nur loben wollen wir diese Tugenden, sondern sie auch fleißig üben." Unvergeßlich lebt das Bild dieses Herrschers in der Seele eines jeden Deutschen fort, denn er war in der That ein Fürst, der Recht und Gerechtigkeit übte, die Wahrheit suchte, und dessen liebevolles Gemüth absolut keinen konfessionellen Unterschied kannte. Ihm schwebte stets das Licht der Weisheit vor den Augen, von welchem er in seiner Ansprache in der großen Landesloge zum Johannisfest 1873 sagte, daß es uns lehre, „Recht und Wahrheit anznerkennen, auf welcher Seite sie sich auch finden." Als der Kronprinz schon todtkrank in San Remo weilte, interessirte er sich noch immer für Wissenschaft, Litteratur und Kunst, und als ich ihn einige meine Werke anzunehmen bat, um ihm dadurch auch meinerseits ein geringes Zeichen meiner Berehrung und Bewunderung zu geben, ließ er mir durch seinen damaligen Adjutanten, der! Major und jetzigen General von Kessel in gütiger Weise schreiben, daß ich ihm mein Werk „Moses Mendelssohn und seine Familie" überreichen möge. Seine kaiserliche Hoheit interessirte sich also in erster Linie sür ein Buch über den modernen Sokrates, den Reformator und Gerrncmisator des Judenthums und dessen jüdischen Kreis - ich denke, diese eine schlichte Thatsache spricht mehr, wie es dickleibige Bücher thun könnten. In huldvoller Weise ließ er mir durch denselben Adjutanten seinen Dank für die ihm durch meine Zusendung erwiesene Aufmerksamkeit ausdrücken. Die neueren Publikationen über diesen erhabenen Hohenzollernfürsten bezeugen immer wieder, daß er ein wahrer Beschützer und Freund der Juden war, der jede Gelegenheit ergriff, um dem ewig bedrängten Israel seine mächtige Hilfe angedeihen zu lassen. Soeben ist z. B. der dritte Band des umfangreichen Werkes über Kaiser Friedrich von Margaretha von Posch iuger, der Gemahlin des bekannten Forschers und Bismarck-Historiographen Heinrich von Poschiuger, einer Tochter des Bankiers Jakob Landau und einer Schwester des Kommerzienrathes Hugo und des Generalkonsuls Engen Landau, erschienen.*) In diesem viel Neues und Interessantes enthaltenden Buche finden wir wieder manche in hohem Grade bemerkenswerthe Belege für die judenfreundliche Gesinnung des Monarchen. In unseren Tagen, wo die grauenhaften Verfolgungen und Ausweisungen der Juden aus Rumänien zur Schmach unserer Zeit vor sich gehen, wird man einen ungedruckten Brief des Kronprinzen an seinen Vetter, den Fürsten und späteren, noch lebenden König Karl von Rumänien mit wehmüthiger Empfindung lesen. In dieser vor drei Jahrzehnten — Potsdam, den 28. Mai 1870 — verfaßten Zuschrift finden wir die leider noch heutzutage aktuelle Mahnung des Kronprinzen: „Die ewigen Judenhetzereien bei Dir sind eine wahre Kalamität; ich weiß wohl, wie der Jude insgemein von dem Strolchjuden in Rumänien zu unterscheiden ist und ärgere mich daher stets von Neuem, wenn Nachrichten von levitischen Krawallen eintreffen, gegen welche die auswärtigen Schutz- Mächte Protest erheben. " Der Kronprinz hatte augenscheinlich keinen großen Respekt vor Rumänien, denn er äußert sich über dieses fanatischantisemitische Land nicht gerade in besonders schmeichelhafter Weise. So schreibt er seinen! Vetter einmal: „Was Deine Landesvertretung anbetrifft, so entwirfst Du eine traurige Schilderung der Zerfahrenheit der Parteiverhältuisse; nur die Zeit wird Ordnung bringen können, da politische Leidenschaften erfahrungsgemäß nur durch konsequente, gerechte Haltung der Regierung und durch richtige Benutzung der äußeren und inneren Verhältnisse ihre Ableitung finden.Du wirst besser als ich wissen, wie weit die Verderbniß im Lande gediehen ist, mir aber auch andererseits einrüumen, daß Gewaltmaßregelu in halbzivilisirten Ländern ebenso gefährlich sind wie in den gänzlich von der Kultur beglückten!." „Ich spreche wie der Blinde von der Farbe, denke aber gern und viel an Mittel, Dir behülflich zu sein und werde von Dir, Du lieber alter Karl, nicht mißverstanden werden." Von den Rathgebern, welche dein Kronprinzen in rechtlicher und staatspolitischer Beziehung besonders nahe standen, war ihm Niemand so lieb und werth wie der Jurist Dr. Fri edberg, der spätere Preußische Justizminister, welcher von Kaiser *) Berlin 1900. Richard Schroeder. 473 S. Wir ergreifen gern den Anlaß, nm auch das nene Buch von Prof. Dr. Martin Philipp s o n: Das Leben Kaiser Friedrichs (Wiesbaden 1901. I. F. Bergmann) unseren Lesern als die gediegenste und beste Biographie von Kaiser Friedrich angelegentlichst zn empfehlen. Die Red. L