Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1900)
- Date
- 1900-03-16
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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««VMM« 4. Jahrgang. Nr. 11. CltBerlin. 16. Marl 1900. Werl'crge zur „Atkgernernen Zeitung öes IuöentHurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 6. Berlin, 13. März. Am 11. d. M. fand im Saale des Architekteuhauses die diesjährige General-Versammlung des Vereins zur Abwehr antisemitischer Angriffe statt, die sehr zahlreich besucht war. Den Vorsitz führte Herr Archivar Dr. Winter; unter den Erschienenen sahen wir unter Anderen die Abgeordneten Barth, Rickert, Ernst, Peltason, Pachuicke, ferner Delegirte aus Frankfurt a. M., Hannover, Hildesheini und vielell anderen Städten. Herr Rickert, solvie der Schatzmeister Herr Jordan, der den Geschäftsbericht erstattete, führten lebhafte Klage über die Lauheit der Mitglieder, von denen viele, besonders Juden, in den letzten zwei Jahren ausgetreten seien, weil sie aus deln Rückgang des Nadanantisemitismns auf einen allgemeinen Rückgang des Antisemitismus geschlossen hätten, was aber ein Jrrthum sei. Die gefährlichste Form des Antisemitismus, die die Juden noch immer von Offiziersstellen, von der Beamtenlaufbahn rc. ausschließen, der behördliche Antisemitismus blüht nach wie vor, und auch der gesellschaftliche hat noch keinerlei Einbuße erlitten. Der jetzt der Gleichberechtigung der Juden gefährlichste Feind ist aber der Bund der Landwirthe, der mit stillen ungeheuren Mittelll und mit seiner weitverzweigten Orgallisation viel stärker und viel eindringlicher agitirt, als dies die reinen Antisemiten in ihrer besten Zeit verlnocht haben. Auch die sogenannte Mittelstalldsbeweguilg ist fast nur gegen die Inden gerichtet. Unter diesen Umständen kann der Vereill feine Thätigkeit noch nicht einfteUe», must dieselbe vielmehr mit allen Kräfteil. solveit dies die finanziellen Mittel gestatten, fortsetzen. In der Diskllssion. die diesen Ausführllllgen Rickerts folgte, wurde allgeulein die verdienstliche Thätigkeit des Vereills anerkannt, der durch die Neuherausgabe des Antisemitenspiegels mrd vor allem dllrch die Mittheilnngen jederzeit das lvirksame Material zur Bekämpfllng der Antisemiten nnb ihrer verschiedenen Auswüchse liefert, durch feine Flugblätter und Schriften die Bekämpfung selbst mit Erfolg geführt hat und die wärmste Unterstütznllg verdient. ££2 Berlin, 12. März. Unsere Gemeinde hat einen tiefschmerzlichen Verlust erlitten durch das Hinscheiden des Herrn David Hirschfeld, der aul 11. d. nach langen Leiden im 72. Lebensjahre uns entrissen ward. Seit mehr als 30 Jahren stalld der Verewigte mitten ini jüdischen Gemeindeleben, an dem er stets den regsten und wärmsten Antheil nahm, als Mitglied der Nepräseiltautenversammlnllg, der Armeukommission, des Shllagogenvorstaudes und zahlreicher wohl- IHÜtiger Vereille. Mit Herz und Geist behandelte er vor Allem die Fragen der Wohlthätigkeit und er kannte dabei keine konfessionellen Unterschiede. Nahezu 30 Jahre hat er das Amt des Schatzmeisters im Berliner Ashlverein für Obdachlose bekleidet, und was er in dieser Stellung geleistet, mag man aus dem Nachruf des Vorstands entnehnlen. Unserm Blatte war Hirschfeld ein treuer Freund, und die geschätzten Leser haben sich an seinen poetischen und prosaischen Schöpfungen, von denen wir noch verschiedene zum Abdruck bringen werden, oft erfreut. Als Mensch, als Familienvater, als Bürger und Woblthäter hat sich David Hirschfeld in unserer Stadt und Gemeinde einer! ausgezeichneten Nanren errvorben. Tausende trauern an seinem Sarge, die in ihm den Freund und Berather, den unermüdlichen Wohlthäter verlieren. Sein Name wird in dem Kreise, den er durch seinereiche, weitverzweigte Thätigkeit so herrlich ausgefüllt, unvergessen fortleben. Have pia auima! £2 Berlin, 9. März. Im Verein für jüdische Geschichte und L i t t e r a t u r hielt am 7. d. M. Herr Kirchenrath Dr. K r o u e r aus Stuttgart den letzten der öffentlichen Vorträge über Volkserziehuug im Judenthum. In fesselnder und anregender Weise schilderte der Redner das Ideal der Volkserziehung, den Lehrstoff, die Lehrmittel, Lehrmethode, die Lehrkräfte in den drei großen Perioden der jüdischen Geschichte. An der Hand der Quellen führte er die Zuhörer in das Gebiet der Volkspädagogik des Judenthnms ein und zog daraus die Lehren und Schlüsse, die sich für die Gegenwart ergeben. Der sehr interessante Vortrag fand seitens des zahlreich erschienenen Publikums lebhaften, wohlverdienten Beifall. — Aus den auswärtigen Litteratnrvereinen wird uns berichtet: In Tilsit sprach Dr. C a r l e b a ch -Memel über „Die Sklaverei irn Lichte von Bibel und Talmud"; in Schneidem ü h l Rabbiner Braun über „Das Buch Hiob", Dr. Mi slo m i £er über die „Geschichte der jüdischen Aerzte". Dr. R ich t er-Filehne über „Spanien und Nordfrankreich", Dr. Ba l ke-Nogasen über Heinrich Heine; in Kro losch in Rabbiner Dr. Fre u n d - Ostrorvo über „Biblische Perlen in moderner Fassung"; in I u o rvra z l a in Dr. H. T i etz über Mendelssohns ,.Jerusaleur"; in Filehne Dr. Richter über „Rabbi Akkiba Eger und seine Zeit"; in Rakel Dr. Kraus- Schönlauke über „Die Thierfabeldichtung bei den Hebräern", in Schörrlanke Dr. Perl itz-Rakel über Heinrich Heine und das Judenthunr"; in Streliro Rabbiner Rawitscher über Moses Mendelssohn, Baruch Spinoza, den Gaon von Wilna, Nathan und Shhlok. In Schrirnm wurde der neue Vereirr durch einen Vortrag des Herrn Rabbiner Dr. B anrberger „Ueber den Werth und die Bedeutung der Geschichte und des Geschichtsstndiums zum Zlvecke der Kenntlich der eigerren Stamnresgeschichte" eröffnet; in Trenressen traten fast alle Gemeindemitglieder dem Litteratrrrverein bei. Der Vorstand besteht ans den Herren Lehrer Arndt, Kaufmann Zucker uud Kaufuranu Spieldoch. In Gollrrb rvnrde der neue Verein durch einen Vortrag des Herrn Lehrer Ka dis ch über „Rabbi Jochanan berr Sakkai" eröffnet. Säunntliche steuerzahlenden Mitglieder der Gemeinde sind beigetreten. Der Vorstand besteht aus den Herren Lehrer K a d i s ch . Mühleubesitzer H. L e w i u . Uhrmacher I. T u ch l e r und Kanfmalln S. Hirsch II. In Forst i. L. wurde der nenbegrülldete Litteraturverein durch einen Vortrag des Herrn Prediger Pnlvermann über „Die Geisteshelden Israels" eröffnet. In Ratibor sprach Apothekenbesitzer Eckstein über „Die Pharmaeie bei den alten Israeliten"; in Magdeburg Dr. Rahm er über „Kaiser und Rabbi"; in Leipzig Dr. S i urch owitz-Köln über „Leopold Zimh und dieWissenschaft des Judenthnms", in Hamburg Dr. Bl nur en« thal- Ratibor über „Weltliche Klänge in der Hebräischerl Poesie", Herr Heruraun Gurupertz über „Reiseskizzen aus dem heiligerl Lallde"; irr Kiel Dr. L. Stein-Berlin über „Geschichte der Juden in Spanien", Dr. Manhe i m er-Oldenburg über das Thenra „Im Garten der Kultur"; in Essen Direktor Franberger-Düsseldorf über den jüdischen Kultus und die Knust, Professor Hermann Cohen über „Die Grundideen des Judenthums", in Elberfeld Dr. Saurnel- Essen über „Das jüdische Gebetbuch"; in Köln Dr. Frank über den „Frankfurter Pttrim-Vinz", Harrptlehrer G o ldberg über „Indische Gemeindeverbärrde und Vereine, bereit Ziele und Bestrebungen", in Frankfurt a. M. Dr. Unna - Mannheim über „Philo von Alexandrien", in München Herr Siegrnnnd Fränkel über „Zangwill und die englische Ghettonovelle." 8. Berlin, 12. März. Den sechsten und letzten Vortrag in der Reihe der diesjährigen Mou ta gsvorlesnngen zrun Besten des Stipendienfonds der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Jndenthurns" hielt heute Herr Reichstags- und Landtagsabgeordneter Dr. Mar Hirsch über das Thema: „Ein Stück soziale Frage, mit Rücksicht aus die Bibel". Der Redner gab in der Eirrleitnng eine kurze Betrachtung unserer heutigen wirthschastlichen Verhältnisse, welche nerrerdiugs durch das Hervortreten der Agrarier und dererr nrehr und mehr wachsenderl Eirrdrnck, den sie ans die Staatsgewalt ansüben, zu allgemeiuer Beachtung irr der Erörterung sozialer Fragen gelangt sind. Nach einem Ueberblick über die Agrarpolitik im alten Griechenland, speziell in Attika, und im alten Nömerreich, das, wie Plinius so kurz und treffend sagt, die Latifundien zu Grunde gerichtet haben, entrollte der Redner in eingehender uud lichtvoller Weise an der Hand zahlreicher Bibelzitate ein Bild dieser Verhältnisse bei den Israeliten, deren Gesetzgebung im Gegensatz zu der attischerr und