Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-03-16 · Heft 11 (16.3.1900) · p. Seite 127

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 11 (16.3.1900)
Date
1900-03-16
Page
Seite 127 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3224737-3228365-3228377--56270-3292560
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

127 WSHBBBHÄiHäS« <? sohnes ihres Vaters, denn nc»r um eine» solchen.handelt es sich in der Regel, — etwas dreinzureden wagt. Ist es ein Wunder, daß es häufig den Töchtern der strenggläubigsten jüdischen Eltern in einer solchen Lage im Kreise ihrer Familie» bange und unheiinisch wird? Es wird ihnen, wenn sie nicht schivachsinnig sind, unmöglich, sich der Leitung ihrer Eltern, deren Autorität sie nicht anerkennen, zu fügen, nach ihrem Gutdünken zu leben und ihre Existenz zu bestimmen. In den meisten Fällen sind die Einsprüche der Mädchen auch materiell begründet, da ein in der erwähnten Weise erzogener jüdischer Jüngling nie iveiß, ans welche Weise er dereinst sich und eine Familie ernähren wird. Die Eltern sorgen dafür keineswegs. Denn vbschvn der Talmud an vielen Stellen gebietet, die Kinder eine Profession zu lehren, gehört doch gerade diese Vorschrift nicht zn denen, die allein bei den polnischen Juden das Recht auf peinlichste Beobachtung haben, Mädchen, die an ihre Zukunft zu denken fähig sind, und denen das alt-jüdische Vertrauen ans wunderbare Ernährung durch den Hort Jacobs ganz unbekannt ist, fühlen sich von einer nnüberivindlichen Macht getrieben, irgendwo Trost und Hoffnung, Interesse und freies Leben zu suchen, was alles manche nur in den Nonnenklöstern zu finden wähnen. Der christliche» Religion ivurden sie ja schon auf der Schulbank zngeneigt, wo sie oft dem Unterricht in derselben beigewohnt haben, während sie von der jüdischen nichts kennen, als die trockenen, veralteten äußerlichen Gebräuche, die sie von ihren Lehrerinnen und Kolleginnen zn verachten gelernt hatten und die freilich auch nicht geeignet sind, einem in einer modernen Litteratnr ansgebildeten Mädchen Sympathie und Respekt vor der Religion ihrer Väter einzuflößen. In den größeren Städte» giebt es zwar Religionslehrer, aber diese sind oft nichts iveniger als j hierfür geeignet; orthodoxe Inden besißen nicht die »öthige! Qualifikation. Massentaufen solcher Mädchen sind also nur die natürliche Folge einer.unpraktischen Erziehung, die radikal zu ändern heilige Pflicht der maßgebenden Kreise wäre. Da >vir eine solche Aenderung iveder von der Regierung noch von den jüdischen Gemeinden selbst zn erwarten haben, bleibt die unnatürliche Erziehungsweise unserer Jugend, wie die schreckliche materielle Lage derselben, auf unabsehbare Zeit dieselbe. Hoffen wir/, daß die Unhaltbarkeit der Verhältnisse selbst dein Uebelstande schließlich ein Ende machen werde. Zur Jubelfeier der Berliner Akademie der Missenschaften. ^ie allgemein bekannt, wird am 19. unb 20. d. litt, die Akademie der Wissenschaften zu Berlin dieZweihnndertjahr-Feier ihres Bestehells festlich begehen. Es ist ein ehrendes Zeugnis; für dell lvarmen Antheil, den die Inden zu jeder Zeit all der Kultur der Menschheit gehabt haben, das; sich eine ganze Fülle historischer Erinnerungen auch für Ulks mit dieser Feier verknüpft. Ill den nächsten Tagen wird eine Geschichte der .Akademie aus der Feder von Adolf Harnack erscheinen; leider habe ich dieses Werk, welches, gestützt auf die Akten, sicher viel neues Material bringen wird, bei der Zusammenstellung der folgenden Notizen zur Geschichte der Akadeinie noch nicht benutzen können. *) Die Berliner Akademie wurde im Jahr 1700 als „Sozietät der Wissenschaften" durch die Bemühuilgen voll Leibllitz begründet. Aber ihre eigentliche Wirksamkeit begann erst etwa zehn Jahre später. Jll dem Stiftnngsbrief der Gesellschaft wurde mit Einwilligung des Königs Friedrich Wilhelm l. der Satz ausgenommen, daß von der gelehrtell Körperschaft zwar christliche Tllgend und Religion besonders gepflegt loevbeu sollen, jedoch bleibe derselben lmbenommen, „Leute von anderen Rationell llnd Religionen, wieloohl jedes Mal mit unserem Vorbewußt und gllädigster Genehmhaltung anzunehmen und zu gebraucheil". Aber mait dachte damals nicht, Nlld konllte wohl auch llicht all die Judell überhaupt denken, deren Lage zu jener Zeit eine Theilnahme an deil höheren Bildnngsbestrebllngell sicher ausgeschlosserl hat. Um so ehrenvoller ist es für diese, das; scholl die llächste Gelleration die gelehrtell Mällner der Akadelllie lnoralisch gellöthigt hat, sich mit ihr zrl befassell. Es geschah dies natürlich erst im Zeitalter der Aufklärung, in der Periode Moses Mendelssohns. Zwar hatte schon sein Freund imb Lehrer Dr. Aron Salomon Gllmpertz mannigfache Beziehnllgell zll gelehrten Akademikern, ja er war sogar eine Zeit larlg Sekretär des Präsidellten Manpertllis; aber offiziell hatte sich doch die Akadeinie zuerst mit Moses Mendelssohn zll befassell. Es geschah dies zu der Zeit, da sich ihre Tendellz wesentlich verändert hatte lllld all Stelle des nationalen Jllteresses, das ihr zu eng geworden, das weite „des lnelischlichen Geistes und der Welt" getreten war. In dieser Periode winde and) der religiöse Gesichtspunkt, der in einer früheren sogar zllr Einrichtung auswärtiger Missionen getrieben hatte, als der neuen Aufsassllllg zuwider entfernt. Es wurde eine vierte Klasse eingerichtet für spekulative Philosophie, lllld in dell Publikationen wurde die lateinische Sprache durch die französische ersetzt. Friedrich der Große irrteressirte sich lebhaft für die Akadelllie. Er war ihr ein „zärtlicher Vater", aber and) ein strenger väterlicher Erzieher, nlld im Fall Mendelssohn hat er dies mehr als benttid) au den Tag gelegt. Mendelssohn war schon seit etwa 1700 mit verschiedenen Akademikern wie Prümontval, Beansobre llnd Snlzer bdmtut geworden. Im Jahre 175;; hatte die Akadelllie, lim gegen Leibnitz und sein System „einen Hanptstreich zll wagen", zllr Preisaufgabe eine „Untersuchung des Pope'schen Systems" gestellt, welches ill denl Satze „AU is riglU“ enthalten ist. Scholl iu dieser Fragestellung tag, wie Mendelssohns Biograph richtig bemerkt, eine Geringschätzllllg der Leibnitz'schen Philosophie, eill höhnischer Seitenhieb auf diese Lehre voll der besten Welt. Moses Mendelssohn ärgerte sich, daß nlan gegen die Schlüe, zu der er sich befannte, allstrat, und Lessing hegte ben lebhaften Wunsch, mit den hochmüthigen Akademikern anzubinden. Sie vereinigten sich mut zll der Schrift; „Pope, ein Metaphysiker", ill welcher sie die Aufgabe der Akademie nicht lösen, sonderll dermaßen lvellden wollten, daß sich ihre Unlösbarkeit lllld das Unrichtige der Fragestellung klar ergeben sollte. Sie führtell dell Nachweis, daß die gelehrten Akademiker ben Allsspruch Popes überhaupt lllißverstandeir haben, und sie schlossen irollisch mit der Belnerkung, daß Pope sich selbst niemals für 9 Meine einzigen Cuellen find Ludwig Geiger: Berlin 1688—1840. (Berlin 1892 II) und M. Kayserling: Moses Mendelssohn (Leipzig 1888). i> I!;i| I' ■

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.