Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1899)
- Date
- 1899-09-01
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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-M -;4 griffenen jüdischen Gemeinde, die die Heilighaltung des Sabbath verwiift und das rituelle Schächten reformirt, nicht bestätigt. Infolgedessen hat die Kultusgemeinde die zurückgewiesenen Statuten dahin modifizirt, daß der Sabbath und das Schächten in seine alten Rechte wieder eingesetzt, aber die Cireumcision verworfen, wurde. . Die Kultusgemeinde wntz^e darauf aufmerksam gemacht, daß der Minister auch die neuen Statuen aus diesem Grunde nicht mit der Bestätigungsklausel versehen kann, die Einreicher der Statuten hoffen aber mit ihrer Reform durchzudringen.^ 7- Ersreulich auch in dieser trüben Zeit ist es, daß sich hier ein Verein konstituirt hat, welcher es sich zur Aufgabe macht, in Wien Krankenanstalten für arme Kinder ohne Unterschied der Konfession, und zwar in erster Linie ein Ambulatorium, späterhin, wenn die Dreinsmittel es ermöglichen sollten, ein Kinderspital zu errichten. Dem Vorstand des Vereins, welcher den Namen „Verein zur Errichtung tznd Erhaltung von Krankenanstalten für Kinder ohne Unterschied der Konfession" führt, gehören an die Herren: Cäsar Danon, Kassirer, Baurath Theodor Ritter v. Goldschmidt, Universitätsdozent Dr. Joseph Grünfeld, kaiserlicher Rath Heinrich Klinger, Dr. Gustav Kohn, Vizepräsident, Leopold Lourie, Arthur Edler v. Mises, Kommerzialrath W. Pollaezek, Max Quittner, Fritz Redlich, Moriz Äilberstern, Dr. Moriz Singer, Schriftführer, Heinrich Teltscher, Julius Wolf; dem Revisionsausschusse die Herren: Dr. Marcus Spitzer, Albert Stein und B. Persicauer, also mit einer Ausnahme nur Juden! Da sich das Bedürfniß nach Errichtung von Krankenanstalten für arme Kinder in Wien von Tag zu Tag fühlbarer macht, so. hofft der Verein, durch werkthätige Unterstützung der vielen in Wien lebenden Menschenfreunde , baldigst in der Lage zu sein, seine Vereinsthätigkeit mit der Eröffnung eines Kiuderambulatoriums zu beginnen. — JnNeutitschein wurde der Adjunkt W i l h e l m E h r li ch zum Landesgerichtsrath ernannt. — In Aussig ist Herr Rudolf Neustadtl, Ingenieur und Maschinendirektor, Gemeinderath und Stadtrath von Aussig, im 63. Lebensjahre gestorben. — Gegen den tschechischen Landtagsabgeordneten K in sek wurde Strafverfolgung eingeleitet, weil derselbe in seinem Blatte die Nachricht verbreitet hatte, daß die Juden ein Christenmädchen ermordet und in den Jicinateich geworfen hätten!! Amerika. 8. Netv-Aork, im August. In den amerikanischen Häfen ist jetzt eine Klassifikation der Auswanderer nach ihren Heimathländern eingeführt. Nur bezüglich der Juden wird eine Ausnahme gemacht, und diese werden, gleichviel ob sie aus Rußland oder Oesterreich re. stammen, immer als „Hebrews“ klassifizirt. Da aber die hiesigen Juden sxhr gegen eine solche Ausnahme sind, so haben sie energische Schritte-bei den Bundesbehörden gethan, um eine neue Klassifikationsmethode ‘ zu erreichen, und der Einwanderungsinspektor Powderly hat auch eine solche Reform zugesagt. Die Thätigkeit der „United Hebrew Charities^ jn Gunsten der Einwanderer hat übrigens in dem Bericht des Einwanderungsinspektors E. F. Me. Sweeney offizielle Anerkennung gefunden. Der Inspektor schildert die Arbeit des Vertreters der „United Hebrew Charities" in dem Hafen, die große Mühe, die er mit den Einwanderern hat, wie oft er als Vermittler zwischen den Behörden und den fremden Irrten fungiren muß, und schließt seinen Bericht mit den Worten: „Ich halte die Thätigkeit der „United Hebrew Charities“ für überaus werthvoll und nützlich sowohl für die Regierung wie für die Einwanderer". — In Cleveland (Ohio) besteht ein jüdisches Waisenhaus, das gegenwärtig 500 Insassen (280 Knaben und 220 Mädchen) zählt, im Alter von 5 bis 16 Jahren. Die ausgezeichnete Anstalt steht unter der Leitung yon Dr. Wolfenstein, der für einen besonders tüchtigen Pädagogen gilt. In der Jahreskonferenz der sämmtlichenWohlthätigkeitsanstalten des Staates Ohio ertheilte General Brinkerhoff, der Vorsitzende der Staatskommisston für Wohlthätigkeitsanstalten, unserem Waisenhaus folgendes Zeugniß: „Ich habe Hunderte von Waisenhäusern besucht, aber niemals eines gesehen, in dem so allgemeine Liebe und Zuneigung für den Direktor herrscht wie hier." — Große Entrüstung herrscht hier zu Lande gegen den katholischen Erzbischof Jreland, der so weit ging, zu behaupten, „daß jüdisches Geld das Urtheil des Kassationshofes im Fall Dreysus beeinflußt habe". Es ist dies übrigens nur ein Symptom der Stimmung, in der . sich sogar in Amerika der Klerikalismus befindet, denn alle katholischen Wochenblätter in diesem Lande nehmen jetzt Partei gegen Dreyfus. Der allgemeinen Stimmung in Amerika gegenüber koxmrt freilich diese juden-.und dreyfusfeindliche Anschauung nicht auf. * Von Nah und ^trm ----- Der bisherige Privatdozent in der philosophischen Fakultät der Berliner Universität Profess or Dr.R ichardSternfeldist zum außerordentlichen Professor ernannt worden. — Die Breslauer Gemeindebehörden haben dem Oberkantor Cer in i lebenslängliche Anstellung und Gehaltserhöhung bewilligt unter der Bedingung, daß sich derselbe verpflichtet, keine andere Stelle ohne Genehmigung des Vorstandes anzunehmen.—Der Ham - b urger Thierschutzverein hat dem Fuhrwerksbesitzer Louis Levy das höchste Ehrenzeichen der Thierschutzvereine, die silberne Perner Medaille, und das Diplom der Ehrenmitgliedschaft verliehen. — In Helgoland ist am 20. d. das Nordseemuseum eingeweiht worden. Die Feier galt vornehmlich dem Andenken des Professors Nathanael Pringsheim, der dieses Museum für biologische Forschung begründet hat. — Auch der in Köln verstorbene Weihbischof Dr. Schmitz hat wiederholt seine Toleranz bekundet. Während der Xantener Affäre hat er als Oberpfarrer von Krefeld mit Bereitwilligkeit zum Schutze der bedrohten Juden wesentliche Dienste geleistet und zur Aufklärung und Beruhigung der Gemüther beigetragen. — Die Ausgrabungen des deutschen archäologischen Instituts, die Dr. O. Rüben so hn leitete, fanden natürlich in Paros in Griechenland statt, nicht in Paris, wie es in der vorigen Nummer irrthümlich lautete. — Oberst Schneider, der in letzter Zeit im Dreyfus- Prozeß vielgenannte österreichisch-ungarische Militärattache bei der Botschaft in Paris, den antisemitische Blätter natürlich jetzt zum Juden machen, hat bei seiner Abreise von Ems dem hiesigen Israelitischen Central-Waisen- und Mädchenheim 100 Mark zum Geschenk gemacht. — In Orleans hat schon wieder ein Duell stattgefunden, das feinen Ursprung im Antisemitismus hat, der gegenwärtig die französische Armee beherrscht. Kapitän Picard, ein Jude, traf kürzlich den Kapitän Jo ly, welcher ihm den vorschriftsmäßigen Salut verweigerte. Picard fragte: „Warum grüßen Sie mich nicht?" Worauf Joly antwortete: „Ich grüße niemals einen Juden." Ein Duell war die Folge davon, das jedoch für beide Theile unblutig verlief. — Unter den Pariser Schutzleuten, die sich im Kampf gegen die Anarchisten jüngst ausgezeichnet, befindet sich einer der wenigen jüdischen Polizisten, der Schutzmann Moses Wolfs, der dafür eine Medaille erhielt. Das „Journal Officiell" theilt diese Ernennung mit folgender Begründung mit: „Weil Wolfs sich besonders auszeichnete bei der Unterstützung des Polizeikommissars Soulier und die anarchistische Flagge den Aufrührern entriß, die sie bei der St. Josephskirche aufgestcckt hatten." — Der bekannte französische Afrikareisende Edmond Foa erhielt kürzlich das Kreuz der Ehrenlegion. —Der Antisemitenführer Max Regis erhielt den Befehl, sofort Belgien zu verlassen. Er wurde von zwei Sicherheitsbeamten an die Grenze gebracht. — Dieser Tage kehrte eine Forschungsexpedition von der Westküste Afrikas nach London zurück, die ein Jude, Claude Baddington, geführt hatte. Die Truppe hatte das ganze Hinterland von Aschanti und Togo durchzogen und bringt reiche wissenschaftliche Ergebnisse heim. — Die jüdische Knabenbrigade in London wurde kürzlich in ihrem Lager vom General Warren inspizirt, der seiner außerordentlichen Befriedigung über die kriegerische Haltung der Knaben und ihre Exerzitien und Manöver Ausdruck verlieh. Auch der Oberrabbiner Dr. Adler hat das Lager besucht und dann eine kleine Anrede an sie gehalten. — In Algier wurde ein Jude von einer antisemitischen Bande angefallen und blutig geschlagen. Mit Mühe entkam er in eine Kaserne und wurde von dort durch einen Soldaten in die nächste Apotheke gebracht. Der Apotheker aber, ein Spanier de Lara, weigerte sich, Hilfe zu leisten, weil es sich um einen Juden handelte. — Aus Marokko werden neue Mordthaten gemeldet: Zwei Israeliten von Sefrou, mit Namen Mordoj Ponö, 50 Jahre alt, und sein Diener Auerow Barny, 18 Jahre alt, wurden ermordet. Diese Unglücklichen sind auf dem Territorium von Hiame, eine Tagereise von Fez, erdrosselt worden. Raub ist der Grund des Verbrechens. Mordoj läßt Frau und 5 Kinder zurück, sein Begleiter, der die .einzige Stütze seiner Familie war, läßt seine Eltern und mehrere Brüder und Schwester im tiefsten Elend zurück.— In Mara - kesch wird jetzt ein Hospital für jüdische Arme gebaut, für das bereits ca. 14 000 Mark von verschiedenen Seiten aufgebracht sind. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Ma^ Bauchwitz in Berlin.