Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1899)
- Date
- 1899-04-21
- Page
- Seite 183 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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sodann beim Justizminister. Merkwürdig in der That, sehr merkwürdig. Im Uebrigen dauert die Gährung, von gewissenlosen antisemitischen Blättern, tschechischen wie deutschen, genährt, in Polna noch immer fort, obwohl dort allgemein die Ansicht verbreitet ist, daß der erwähnte Hülsner wahrscheinlich wieder bald enthaftet werden wird, und man die Spur des mnthniaßlich wirklichen Mörders bereits verfolgt. 4 Die Lage in Algier wird für die dortigen Juden trotz der Energie, mit der der gegenwärtige Generalgouverneur gegen die Antisemitenführer vorgeht, doch immer mierträglicher. In der nächsten Zeit wird eine Interpellation des Deputirten Ronanet diese Frage beleuchten. Die Regierung hat dort Wind gesäet, und sie erntet Sturm, wie es nach dem Worte der Schrift nicht anders zu erwarten war. Herr Cambo», der jetzt als Botschafter in Washington glänzt, ist der eigentliche Urheber der algerischen Wirren. Er hat den Antisemitismus amtlich gefördert, die Bewegung liebevoll großgezogen, ihre Führer in jeder Weise begünstigt. Die Max Rcgis, Morinaud u. s. w. sind seine Geschöpfe. Sie begannen auf die Bevölkerung erst Einfluß zu gewinnen, als diese bemerkte, daß die Regierung hinter ihnen steht. Weshalb Cambon von dem Posten, wo er so rühmliche Arbeit gethan hat, abbernsen wurde, das ist noch immer nicht ganz aufgeklärt. Es scheint, daß die Plünderungen und Morde auf offener Straße in Paris denn doch gewiffermaßen als Ungchörigkeiten empfunden wurden, daß Moline Herrn Cambon einen Wink gab, seines löblichen Antisemitismus Schande halber einige Vorsicht walten zu lassen, daß Cambon in diesem Sinne auf seine Schütztinge einzuwirken suchte, daß diese ihm aber rundheraus erklärten, eine bloße Zeitungshetze ohne etwas Ladeneinbruch und Todtschlag sei kein genügender Spaß. Ihnen streng entgegenzntreten. war Cambon unmöglich, denn er war zu sehr mit ihnen verbändelt, und sie hätten ihn schlimm bloßgestellt. Er verließ also den Schauplatz seiner Ruhmesthaten und ließ sich weit weg versetzen, nach Washington, wo er sich vor der amerikanischen Presse als Verkörperung aller freiheitlichen, fortschrittlichen und menschenfreundlichen Gedanken der großen Schwesterrepublik in Europa aufspielt. Dies ist die Lesart, die von eingeweihten Algeriern verbreitet wird, und die auf ihre Richtigkeit zu prüfen dem Fernstehenden kauni möglich ist. Sein Nachfolger im Mustapha - Palast war Herr Löpine, der nicht entfernt die Kraft hatte, den algerischen Hetzern und ihrem Gefolge das Handwerk zu legen. Als er den Boden kennen gelernt hatte, auf dem er wirken sollte, riß er entsetzt aus, kam in Paris angewirbelt und warf seine Ernennungsurkunde mit allen Anzeichen heftiger Erregung dem Ministerpräsidenten vor die Füße. Nach einigem Tasten fand man in Herrn Laferriöre einen Mann, der sich bereit erklärte, das Abenteuer zu wagen. Als Präfekt des Departements Algier wurde ihm Herr Luteaud beigegeben, der sich des Rufes eines faustgewaltigen Verwalters erfreut. Max Rögis und Genossen glaubten sich noch immer die Herren von Algier, wie zur guten alten Zeit des Herrn Cambon. Sie schrieben, sprachen und handelten dieser Anschauung entsprechend. Als ihnen nun die Regierung unfreundlich begegnete, Max Rögis des Bürgermeisteramtes von Algier entsetzte, de» algerischen Stadtrath auflöste, die Brandblätter der Partei verfolgte, da wandte sich diese gegen den Generalgouverneur und erklärte ihm den Krieg bis aufs Mesier. Seit Wochen tobt der Kampf, der nunmehr in der Verhaftung und Verurtheilung von Max Rägis gipfelte. Die Anhänger dieses Bandenführers drohen, ihre Fertigkeiten, die sie in den häusigen Gewaltthaten gegen die Juden trefflich entwickelt haben, nunmehr gegen die Regierung zu üben. Sie bereiten Straßenkundgebungen, Ruhestörungen und Aufläufe vor. Es kommt ihnen zu statten, daß die Polizei der in ihren Händen befindlichen Stadtverwaltung untersteht und die Regierung nur die Truppen gegen sie verwenden könnte, die man begreiflicherweise nur äußerst ungern gegen die Bevölkerung aufbietet. Das ist augenblicklich die Lage, wie sie ein gut unterrichteter französischer Korrespondent der „V. Z." schildert. Der Generalgouverneur Laferriäre und das von seinem Amtsvorgänger Cambon aufgehetzte und vergiftete algerische Volk stehen einander drohend gegenüber, Beide zum Losschlagen bereit. Die Regierung muß natürlich das letzte Wort behalten. Den» vor dem Straßenaufliihr kann sie mnnöglich die Flagge streichen. Aber ohne harten Strauß wird es nicht abgehen. Das dürsten schon die nächsten Wocheil lehren. 4 Wir haben schon wiederholt über die peinliche Lage berichtet, welche die christliche Bevölkerung über die Israeliten Thessaliens heraufgebracht hat. In Griechenland, wie leider überall, macht immer die Majorität die Minorität und hauptsächlich die Juden für das Unglück und besonders für ihre eigenen Fehler verantwortlich. Das hat sich in Thessalien gezeigt infolge des verhängnißvollen griechisch-türlischen Krieges. Die Inden wurden aller möglicher Fcevelthalen beschuldigt. Man behauptet, daß sie die Sieger ins Land geführt haben, daß sie sich sogar mit dem Feind zur Plünderung ihrer Mitbürger verbunden hätten. In Larissa z. B. war eine Anzahl Israeliten, die wegen Fälschung von Stempelpapier angezeigt waren, verhaftet worden. Was diese Anklage angeht, so hat das Gericht der Stadt knrzllch bekannt gemacht: alle angeklagten Israeliten seien sreigesprochen. Bei dieser Gelegenheit, schreibt der Korrespondent der Alliance Israelile Universelle, müssen wir die Rede des Vertreters des töniglichen Bevollmächtigten initlheilen, der unter anderem Folgendes sagte: „Vergessen Sie nicht, meine Herren Richter, daß seit Jahrhunderten die allgemeinen Vorurtheile bei den Juden alle Fehler zu finden geglaubt haben, und daß in unruhigen Zeiten es genügt, zu sagen: ein Jude, also ein Verräther. Gegenüber diesen Ideen wollen wir in gleicher Weise die Worte des königlichen Bevollmächtigten bei dem Gerichte von Volo erwähnen: „Nein, die Israeliten sollen nicht das Land verlassen, sie brauchen von Seiten der Bevölkerung nichts zu befürchten, ihr Vaterland ist nicht Klein-Asien, sondern Thessalien; sie brauchen in nichts beunruhigt zu sein, und wir werden die Hand über sie halten, da sie gute und friedsame Bürger sind." Infolge der Verbesserung der Lage sind auch die Israeliten, die nach Saloniki und Smyrna gewandert sind, in ihre Heimath zurückgekehrt oder werden dahin zurückkehren. Abraham B. Gottlober. Von Albert Katz. ie neuhebräische Litteratur hat einen ihrer ersten und angesehensten Vertreter durch den Tod verloren. Abraham Bär Gottlober hat ein Alter von 88 Jahren erreicht, man war auf das herannahende Ende seines Erdenwallens gewissermaßen vorbereitet, und doch überkam uns ein schmerzliches Gefühl, als wir von dem am 12. d. M. erfolgten Ableben dieses Mannes Kunde erhielten. Im Februar 1811 in Alt-Konstantin in Rußland geboren, kam er als zehnjähriger Knabe mit seinem Vater, von dem er den ersten Unterricht im Talmud und in der hebräischen Sprache erhielt, nach Galizien und lernte dort den berühmten Vorkämpfer der Aufklärung Joseph Perl kennen, der sich des reichbegabten Knaben annahm und