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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-02-17 · Heft 7 (17.2.1899) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 7 (17.2.1899)
Date
1899-02-17
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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68. Jahrgang. Ar. 7. Berlin, 17. Februar 1899. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Nabbtner 8*°. Ludwig PHUippson-Vonn. Verlags-Crpedition: Gerlin, Jernsalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen fnr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthmns", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhairdel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redacteurr Gustav Karpeles. LettartiikeL r Der Antisemitismus in geschichtlicher Beleuchtung. — Die Woche. — Zur Einführung des bürgerlichen Gesetzbuches. Von Bernhard Breslauer. — Das Ende des Zionismus. — Die Judensrage in Paris vor 100 Jahren. II. Von Dr. Felix Roseuberg. — Ein biblisches Lesebuch für jüdische Schulen. Von Dr. Adler. — Das ägyptische Märchen von den beiden Brüdern. IV. Von Georg Ebers. — Feuilleton: Die Rose von Saron. XXXIII. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Insterburg, Aus der Provinz Posen, Breslau, Essen, Frankfurt a. M., Kaiserslautern, Wien, Budapest, London. — Bon Rav und Fern. — Sprechsaal. Der Antisemitismus in geschichtlicher Beleuchtung. Berlin, 15. Februar. s ist kein Wunder, daß man schon jetzt sich anschickt, die Bilanz des Jahrhunderts, das seinem Ende entgegengeht, zu ziehen. Und auch das ist kein Wunder, daß die Historiker, die berufen sind, diese Arbeit auszuführen, unter den wirr durcheinanderfließenden Strömungen dieses merkwürdigen Jahrhunderts dem Antisemitismus ein besonderes Augenmerk und Interesse zuwenden, weil diese zuni Mindesten für ein Bierteljahrhundert charakteristisch ist. Wie besteht nun der Antisemitismus vor dem Richterstuhl der Geschichte? Die Frage ist einer eingehenden Untersuchung werth. Zwei Männer haben von weit auseinandergehenden Gesichtspunkten es unternommen, die Hauptströmungen des ablaufende» Jahrhunderts zu schildern. Der Eine von ihnen ist Professor Theobald Ziegler in Straßburg, aus dessen Werk wir jüngst schon einen interessanten Passus über die Taufen citiren konnten, der Andere Professor Ludwig Büchner in Darmstadt, der bekannte Naturforscher. Wir wollen uns für heute nur mit dem Werke Zieglers beschäftigen: „Die geistigen und sozialen Strömungen des neunzehnten Jahrhunderts", in dem auch dem Antisemitismus ein längeres Kapitel gewidmet ist. Man weiß, daß Theobald Ziegler ein ebenso geistvoller wie gründlicher Forscher auf dem Gebiete des geistigen und sozialen Lebens ist, und daß er zu den in unseren Tagen nicht allzu zahlreichen Historikern gehört, denen die Gabe verliehen ist, die Dinge nicht nur von einer, sondern von allen Seite» mit klarer Besonnenheit zu prüfen. Wir folgen daher nachstehend den Betrachtungen Zieglers über den Antisemitismus, ohne Rücksicht darauf, daß wir ihm in einigen Punkten widersprechen, in anderen sein Urlheil wenigstens modifiziren möchten. „Der Antisemitismus", so schreibt Ziegler in seinem historischen Rückblick, „gehört fraglos zu den bedeutsamsten, aber, um es gleich zu sägen, auch zu den unerfreulichsten Erscheinungen und Slimmungselemeuten lin de siede. Abneigungen und Antipathien gegen die Juden hat es zu allen Zeiten gegeben, das mag jeder Einzelne mit sich ausmachen, und auch das ist Jedem zu überlassen, wie er sich persönlich und gesellschaftlich zu ihnen stellen will. Bon Antisemitismus reden wir erst da, wo ganze Richtungen oder Parteien gegen sie Stellung nehmen, sie von sich ausschließen und aus ihrer Antipathie ein Prinzip, aus dem Subjektiven ein Programmatisches und objektiv Geltendes machen. Auch an solchen Formen und Kundgebungen hat es das ganze Jahrhundert hindurch nicht gefehlt. Am Anfang stehen freilich Schleiermachers Freundschaft mit Henriette Herz und Fr. Schlegels Beziehungen zu Dorothea Veit und damit eine Verbindung gerade der gebildetsten Männer aus dem romantischen Kreis mit jener jüdischen Berliner Gesellschaft, die den Bemühungen von Moses Mendelssohn ihre Erfüllung mit deutscher Kultur und Bildung verdankte und vor allem für Goethe schwärmte. Allein, je mehr die Romantik christlich und kirchlich wurde, desto mehr wurde sie antisemitisch. Namentlich zeigte sich das in der deutsche» Burschenschaft mit ihren christlich-germanischen Anschauungen und Lebensformen, und so konnte, wie heute wieder, so damals schon die Frage aufgeworfen werden, ob Juden in die Burschenschaft Aufnahme finden können. I» gelegentlichen Ausbrüchen des Mob in verschiedenen deutschen Städten zeigte sich der Unwille des Volkes über den jüdischen Besitz, der durch das geschicktere, sparsamere und nüchternere Wesen der Juden den Vorsprung gewann, bei Vielen aber allerdings auch auf skrupelloserer und vor Wucher nicht zurückschreckender Geschäftsgebahrung beruhte. So traten da schon zwei Motive der antisemitischen Bewegung, das religiöse und das wirthschaftliche, deutlich zu Tage, während das nationale selbst bei der Burschenschaft mit ihren „teutschen" Tendenzen noch fast ganz ausgeschlossen blieb. „Die Romantik war antisemitisch geworden; im Mittelalter hatte man die Juden ja auch verfolgt. Um so selbstverständlicher, daß das junge Deutschland judenfreundlich dachte, wenn wir auch davon absehen, daß Börne und Heine Juden waren; das junge Deutschland im Allgemeinen aber um. ihrerwillen als eine jüdische oder von Juden geleitete Koterie anznsehen, ist schon früher als falsch zurückgcwiesen worden. Das Philosemitische in ihm hängt mit seinem Liberalisinus, seinem Eintreten für alles zusammen, was Emanzipation heißt. Das Jahr 1818 brachte ihnen doch, was sie wünschten, die volle bürgerliche Gleichberechtigung, die nicht nur in die deutschen Grundrechte ausgenommen wurde, sondern selbst in der preußischen Verfassung eine Stelle fand. Die Versuche der reaktionären Partei in Preuße», sie ihnen in den fünfziger Jahren wieder zu entziehen, scheiterten, nur aus dem Verwaltungswege konnten ihnen die prinzipiell zugestandenen Rechte im einzelnen Fall verkümmert werden. Unter Kaiser Wilhelm I. sielen

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