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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-01-27 · Heft 4 (27.1.1899) · p. Seite 44

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 4 (27.1.1899)
Date
1899-01-27
Page
Seite 44 (sequence 8)
Language
German
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44 paßten offenbar wie angegossen zu der Ausgabe einer Periode rascher allseitiger Umwandlung. Daher ist die sogenannte Uebermacht — in Wahrheit ein überraschend schnelles Nachkommen — der Juden sehr begreiflich in der Volkswirthschaft, theilweise auch in Wiffenschaft und Kunst. Die kanin geistig erwachten, aus ihren Ghettis der modernen Welt zugeführten Juden leisteten allerdings Erstaunenswerthes. Der einzige Name Moses Mendelssohn beweist, welche Rolle sie auch in der geistigen Bewegung Deutschlands spielten; Mendelssohn, der Freund Lessings, gehört zu den Klassikern der deutschen Nation I Noch einen kurzen Blick auf das mit dem wirthschaftlichen so eng zusammenhängende politische Gebiet! Wenn irgend ein Stamm entwöhnt war, sich mit politischen Dingen zu beschäftigen, so waren es die Juden. Von dem Augenblick an, wo sich das politische Leben entwickelte, stehen sie aber mit in den vorderen Reihen. Sie dürsteten als geistig Strebende und als Unterdrückte naturgemäß nach Freiheit und Gleichheit. Sie gehörten aber auch zu den begeistertsten lind eifrigsten Vorkämpfern der nationalen Einheit. Bei der Grundlegung der wirthschaftlichen Neugestaltung des geeinten Vaterlandes waren die Juden schon hierdurch legitimirt. — Drei Dinge gehören zur Führung der jetzigen Geschäfte, damit das Land und das Volk vorankommen, nänrlich tüchtige Arbeitskräfte, reichliches Kapital lind rege Intelligenz. Die bloße Volksmasse thut es nicht, es müffen auch die angesamnielten Mittel und der Unternehmungsgeist hinzukommen. Mäßigkeit, Fleiß, Sparsamkeit und der Trieb, es vorwärts zu bringen, gehören zu den besten Errungenschaften des jüdischen Stammes aus seiner langen, schweren Prüfungszeit. Sie waren so recht am Platze bei dem wirthschaftlichen Ares- und Aufbau und mußten dabei nothwendig zur vollen Geltung kommen. Man denkt dabei vorwiegend oder ausschließlich an die Betheilignng der Juden bei den Banken und an der Börse. Aber Banken und Börsen sind nur Mittel und Zeichen des wachsenden Wohlstandes. Diese Institute sind geradezu Erfordernisse für eine moderne Volkswirthschaft, wenn sie auch leider etwas ausgeartet sind. Daß die Juden, die Niemand protegirt hat. etwas Hervorragendes auf diesem Gebiete geleistet haben, spricht in der Hauptsache für ihre Tüchtigkeit. Ein witziger Freund sagte mir vor Kurzem: wenn man auf das Kapital schimpft, so meint man immer das sremde, nie das eigene. So geht es auch mit dem Kapital der Juden, das sie vor allem durch Bank und Börse der Produktion und dem Verkehr nutzbringend zusührc». Aber auch im Waarenhandel spielen die Judenwahrlich eine bedeutende Rolle. Freilich, auch der Waarenhandel wird heute nicht mehr für voll angesehen. Da die Juden vermöge ihrer tausendjährigen Geschichte noch heute vorzugsweise darauf angewiesen sind, so ist das ein neuer Grund, um den Antisemitismus zu verschärfen. Aber ist die Mißachtung des Handels gerecht? Je mehr die nationale und internationale Arbeitstheilung Platz greift, je mehr alles im Großen produzirt wird, umsoweniger ist der Kaufmann zu entbehren. Es giebt vielleicht einzelne Handelszweige, die überflüssig oder gar schädlich find. Der Handel als solcher aber ist produktiv, und die Mißbräuche theilt er mit allen anderen Produktionszweigen. So nützlich und ehrenhaft der Handel ist, so erscheint es doch als wesentlicher Fortschritt, daß die Juden sich von dieser immerhin einseitigen Erwerbsquelle mehr und mehr frei gemacht und den Uebergang zu der eigentlichen Produktion genommen haben. Schon seit Anfang dieses Jahrhunderts bestehen Vereine, die die Juden dem Ackerbau und Handwerk zuführen. Das Handwerk im engeren Sinne ist in der Zwischenzeit infolge der wirthschaftlichen Verhältnisse mehr in den Hintergrund getreten. Die jüngere jüdische Generation hat mit richtigem Blick erkannt, daß der Maschinentechnik und dem darauf beruhenden Großbetriebe die Zukunft gehöre. Der Besuch besonders der technischen Hochschulen seitens jüdischer Jünglinge ist bedeutend. Eine genaue Statistik über die Betheiligung der Juden an den technischen Gewerben giebt es nicht, aber die Adreßbücher, die Äusstellungsberichte und schon die persönliche Bekanntschaft im größten Theile Deutschlands haben mir genügenden Anhalt über ihre große und stetig wachsende Vertretung selbst in der Landwirthschaft, noch weit mehr aber m fast allen Zweigen der industriellen Produktion gegeben. Es seien nur beispielsweise und summarisch genannt als Industriezweige, in denen die Juden eine ansehnliche, vielfach eine hervorragende Stellung einnehmen: Berg- und Hüttenwerke, Glashütten. chemische Fabriken, Getreide- und Oelmühlen, Mälzerei, Bierbrauerei, Spritfabriken, Tabak- und Cigarrenfabrikation, Papier-, besonders Lnxuspapierfabriken, Textilindustrie im weitesten Umfange, wie Leinen-, Damast-, Baumwoll-, Tuch-, Buckskin-, Plüsch-, Velvet-, Teppich-, Spitzenrc. Fabrikation, Konfektion aller Art, Maschinenbau, Elektrizitätswerke, Waffenfabrikation, Bauwesen, Möbel-, Lampen-, Gold-, Silber-, Juwelenarbeit, Buchdruck und Zeitungswesen. In einem großen Theil dieser Produktionszweige — ja auch der Landwirthschaft, wie in der Hopfenkultur — haben Juden neue Entdeckungen und Erfindungen gemacht und, was kaum weniger bedeutsam, neue Betriebs-, Bezugs- und Absatzorganisationen bahnbrechend geschaffen, so auf den Gebieten der Farben, der Kalisalze, der Leinenfabrikation, der Elektrizität, des Zeitungswesens. Und speziell hier in Berlin haben sie in vielen gewerblichen Branchen Großes geleistet, vor allem, um nur eines anzuführen, in der Konfektion, die den Ruhm beanspruchen kann, eine der größten Exportindustrien Deutschlands, ja der Welt zu sein. Die Konfektion hat in. den letzten drei Jahrzehnten 5 Milliarden an Werth produzirt, sie beschäftigt 200000 Personen, das ist mit den Angehörigen gut der sechste Theil der Bevölkerung. Also schon allein durch die Schaffung dieser Industrie haben sich die Juden um Berlin und Deutschland hoch verdient gemacht. Betrachtet man das alles vom Standpunkt des Volks- und Staatswohles, so kann man mit Recht fragen: Wie wäre ohne den industriellen u»d kommerziellen Aufschwung und dcffen hochgradige Förderung durch die Juden der kolossale Ueberschuß der Bevölkerung zu beschäftigen und zu ernähren, wozu die prahlerische Landwirthschaft weitaus nicht im Stande ist? Woher für diese selbst, zumal für die Agrarier, der umfangreiche und billige Kredit? Wie wären die Milliarden für Flotte und Heer aufzubringen? Wie der Wettbewerb mit den vorgeschrittensten und reichsten Nationen siegreich für Deutschland durchzuführen? Wahrlich, der Antheil der Juden an der großartigen Neugestaltung Deutschlands ist sehr bedeutend und überwiegend verdienstlich. Sie, der zum Schacher und Wucher zurückgestoßene Stamm, haben die staunenswerthe Elastizität bekundet, daß sie nach Jahrhunderte langer Unterdrückung und Beschränkung auf wenige verachtete Berufszweige sich so nach allen Seiten ehrenvoller schaffender Wirksamkeit ausgedehnt und glänzend darin bethätigt haben. Und sie haben nicht allein das Materielle der Volkswirthschaft ins Auge gefaßt, sie haben auch für die Reform der Konsumtion mitgewirkt, für die Erhöhung der ganzen Lebenshaltung, für den feineren Lebensgenuß. Ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich sage, daß bei aller Sparsamkeit der großen Mehrzahl der Juden sie den Sinn milentwickelt haben für die Würdigung des Intellektuellen und des Aesthetischen. Sie haben aber auch die soziale Seite der wirthschaftlichen Verhältnisse nicht verkannt. Wie sie von altersher dem Gemeinsinn zunächst unter sich huldigten, so sind sie, sobald es ihnen ermöglicht worden, auch weiter hinausgegangen, sie haben ihre Humanität nicht nur für den eigenen Stamm und Glauben, sondern auch für die

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