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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-04-13 · Heft 15 (13.4.1906) · p. Seite 177

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 15 (13.4.1906)
Date
1906-04-13
Page
Seite 177 (sequence 9)
Language
German
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seiye Gemeindeschloß das Auge, das so vielen lange Zeit als Heller Wern geleuchtet hat." Aus dem - wichtigsten Abschnitt „Wissenschaft und Leben" des Steinthalschen Buches „lieber Inden und Judentum" sei zum Schluffe noch erwähnt die (wie es scheint, hier zum erstenmal veröffentlichte) Epistel Steinthals an Moritz Lazarus zu besten 25 jährigem Doktorjubiläum am 30. November 1874, Bis in das Jahr 1847 reichte diese Freundschaft zwischen den beiden, später auch durch die Bande des Blutes als Schwager verbundenen Männern zurück. Steinthal gehörte mit dem Kunsthistoriker Eggers schon damals zu Lazarus intimsten Studiengenofsen und Freunden. Steinthal war, wie er der praktischen Politik gänzlich fernstand, von beiden auch hier' der größere Idealist. Und doch wird er in ethischer Beziehung vor dem großen Gerichtstag des Völkerlebens einmal Recht erhalten. Erinnert Steinthals philosophischer Stil oft an Lesstng, so ist er in seinen politischen Aufsätzen ganz Börne. Schon um der nachfolgenden, jetzt wirklich eingetroffenen Prophezeihung Steinthals wegen der baltischen Deutschen, sei daher hier noch eine Stelle aus dem Büche wiedergegeben. Sie lautet mahnend und warnend: „Und wird man unseren deutschen Staatsmännern bemerklich auch machen können, wie neben der Inden-Tonne auch die Deutschen- Tonne in Rußland ausgeworfen ist? Daß aber auch in Deutschland zwischen jüdischem und christlichem Kapital, zwischen Kapital und Grundbesitz keine Linie gezogen werden kann? Und werden die Männer von Berlin, Paris und London, welche Europas Schicksal leiten, zu der Erkenntnis kommen können, daß der Hexentrank der Anarchie, der jetzt in Rußland gebraut wird, bald überfließen wird, und dann von Europa ausgetrunken werden muß, und daß aber ein energisches Veto gegen die Judenverfolgung die Dinge zum Stehen bringe»! könnte?" . Doch nicht mit diesen ernsten, aber gar trüben Dingen soll unser Referat beschloffen sein, sondern mit einer kurzen Analyse des vierten und letzten Abschnittes unseres Buches: „Erinnerungen" betitelt. Es sind Erinnerungen an Steinthals Jugendzeit und zwar ausschließlich Jugenderinnerungen an die Synagoge und die jüdische Schule in Gröbzig, Steinthals Vaterstadt. Gröbzig liegt in Anhalt-Desiau, dem Lande, das uns so manchen Mann des Lichtes, und darunter auch Moses Mendelssohn, geschenkt hat. Steinthal beginnt daher seine „Erinnerungen an die jüdische Volksschule in Anhalt von 1830 bis 1840" mit der Bemerkung: „Das allgemeinere Inter, esse, das sich an die folgenden Erinnerungen aus meiner Knabenzeit knüpfen kann, scheint mir darin zu liegen, daß aus denselben klar wird, welcher geistige Strahl von der ehemaligen Herzoglichen Franzschule zu Dessau auf die zum Ländchen Anhalt - Dessau gehörigen kleinen Städte überging." In Gröbzig war das Mohel-Buch für die jüdischen Knaben daS einzige zuverlässige Geburtsregister. Hierdurch erklärt sich, weshalb Steinthäl, dessen deutscher Vorname nicht amtlich beglaubigt ist, in Biographien und Lexikons bald Heymann (so in Brockhaus' Konversationslexikon), bald .Heinrich, bald Chaim oder, wie sich Steinthal selbst gern schrieb, Hajim genannt wird. Steinthal erzählt in diesen Erinnerungen, daß die Knaben ohne Auslastungen den ganzen Pentateuch übersetzten. „Daß dies unserer Sittlichkeit schädlich gewesen wäre, darf ich entschieden leugnen. Die Stimmung war eine ernste, »rnd es ward nicht weiter über das Unverstandene nachgedacht. Schlechte Uebersetzungen ließ in solchen Fällen unser Herzfeld wohlweislich ohne Korrektur vorübergehen. So besinne ich mich, daß ich in der Peffach-Haggada übersetzt habe: psrischus dcrech erez „die Ausmessung des Landes", ohne korrigiert z»» werden." Franz Liszts oft wiederholter Vorwurf, daß die Juden nicht gern etwas über ihren geheimnisvollen Kultus" enthüllen, trifft auf Steinthal gewiß nicht zu, denn mit inniger pietätvoller Vorliebe verweilt er bei der Schilderung der Synagoge in Gröbzig, bei der Erinnerung an die heilige Lade und dem Schmuck der schönsten der darin aufbewahrten Gesetzesrollen: „War das eine Pracht, wenn diese Rolle ausgehoben ward i Es geschah nur an den guten Sabbaten und den Feiertagen. Dem entsprachen die Kleider der Rollen, die Vorhänge vor der Lade und die Decken über dem Almemor. Sie waren teils farbig und »nit Goldfäden durchwirkt, teils weiß mit Silberfäden, und zwar diese für hie drei strengsten Feiertage und die Totenfeier, auch bei Geschem und Tal. Bei letzteren hatte der Vorbeter, an ersteren hatten sämtliche Balbattine das weiße Sterbehemd angezogen und hatten ihre Ständer mit weißen Tüchern bedeckt. . . Ich hoffe, der Leser wird begreifen, wie dies alles das Gemüt des Knaben hob, wie es ihn mit frommem Stolze und mit frommer Demut füllte, , mit religiöser Andacht und sittlicher Scheu. Auch wußte jeder von uns Knaben, welcher Großvater und Vater diese oder jene Rolle dem Heiligtuin geschenkt hatte; und von welcher Großmutter dieser und jener Vorhang und Decke herrühre, das stand mit silberner und goldener Borte darauf verzeichnet. Und wenn am Kol Nidre nicht nur alle Leuchter strahlten, sondern auch die Wachskerzen brannten, von denen jedes Haus eine in die Synagoge gebracht hatte, und alles Licht auf weißes Linnen, weiße Seide und Silber fiel, Gold aber und Buntes so sehr wie möglich verbannt war, da fühlte ich, wie es mir gesagt war, daß die Erinnerung an das goldene Kalb vor Gott und in uns getilgt und die weiße Unschuld hergestellt werden mußte. — Da war alles eine Mystik. So lebhaft mir auch dies alles vor der Seele steht, so war doch kein Eindruck, selbst nicht der des Kol Nidre, so mächtig, wie der jenes andern Abends, wo all diese Pracht in den Staub sank, der Abend des Tisch-Bow. Ich sah den Chason an seine Stätte gehen, mit gesenktem Haupte dahinschleichend, ohne den gewohnten Tallis, ganz geräuschlos, in Filzschuhen, wie auch wir andern entweder in Filzschuhen oder in Strümpfen standen. Ganz leise, stimmlos, begann er: borchu; und wie schaurig war es, wenn in dem hohen, d»»nklen Raume die Gemeinde dumpf murmelnd antwortete: borueb .... Das Beängstigendste an dem Abend aber war die heilige Lade ohne Vorhang . . . Da fühlte ich »virklich: das Teuerste ist uns entrissen, zerstört, entwürdigt; ich sah ein Gleichnis ... Ich hörte die Tochter Zions unaufhaltsam „weinen in der Nacht" und sah „die Träne auf ihrer Wange", sah sie trostlos, vereinsamt, ruhelos, hilflos, sie hatte gesündigt! . . Wie schnitt das sich bi des dritten Verses, das volle a mit dem Brustlaute eh üyd darauf das scharfe i durch das Herz! „Ja, es gibt keinen Schmerz wie mein Schmerz. — Auf diesen Schmerz war ich vorbereitet, ich möchte sagen: ich war darauf präpariert. Schon seit drei Wochen war die hauptsächlichste Arbeit in der Schule die Uebersetzung dieser Klagelieder, und an den Sonnabenden nachmittags hörte ich im Schiur von demselben Chason die Geschichte von der Zerstörung des Tempels vortragen." Steinthal widmet wie vorher seinem ersten Lehrer Herzfeld so auch diesem Chason ein: „Das Andenken dieses Mannes sei zum Segen." In einer Anmerkung wird gelegentlich von ihm berichtet: „Es blieb ihm nicht erspart, das wie alle Sprichwörter nur teilweis wahre Wort zu hören: „Alle Chasonim find Narronim." Dann entgegnete er wohl, ruhig lächelnd: „Ja, aber nicht alle Narronim sind Chasonim." An der Art, wie Steinthal diesen Seelsorger der kleinen Gemeinde, chaz

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