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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1922-04-12 · Heft 8 (12.4.1922) · p. Seite 92

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S2 «o war s und so blieb es lange: Moses Mendelssohn l de la Motte-Fouqu^ in der deutschen Literatnr^inen Platz schneb einen „Phädon". womit er eine um die Fortdauer - erworben, den ihm kein Raffefanatiker streitig machen kann, ihrer Seele bangende deutsche Fürstin tröstete und beruhigte. Und war der von französischen Emigranten abstammende und Gotthold Ephraim Lessing dichtete einen ^Nathan". der Theodor Fontane nicht ein treuer Sohn der Mark Brandendem deutschen Volk wie eine neue Lsfenbarung kam. Salobürg, sozusagen deutsch bis in die Mark hinein? War mon Maimon. der polnische Jude, der wie die. Schnecke ihr Chodowieckr, dessen Vorfahren Polen waren, nicht ein deutscher Gehäuse daS Ghetto mit sich hernnnchleppte. beschäftigte sich Künstler? Und ist der auf feine slawische Abstammung mit dem größten deutschen Geist aller Zeiten, mit Immanuel Kant; Johann Gottfried Herder, der Deutschesten einer, vertiefte sich in den schönsten Geist des Judentums, in den Geist der ebräischen Poesie. Wahrend Verthold Auerbach mit „SkitfüBcle* den meisterhaft gelungenen Ritt durch den SchwarzwaLd ausführte, saß Karl Gutzkow in seiner Studierstube und schrieb den ..Uriel Acosta". Des Breslauer jüdischen Seidenhändlers Sohn. Ferdinand Laffalle. schrieb e»nen ..Franz von Sickingen". und Franz Grillparzer. Lesterreichs größter Dichter, schuf die.Hüdin von Toledo" und die ..Esthers und Friedrich Hebbel. Deutschlands ruhmgekrönter Dramatiker. stellte die rassigste Jüdtn"Aüf “tTter deutsche Bühne, die.Hupith". Karl Hauptmann dichtete ein Mosesdrama und Lskar Blumenthal schreibt ein Bismarckschauspiel. Börries Freiherr von Münchhausen schenkt der deutschen Nation das Buch ..Juda" und ein Dutzend Lyriker jüdischer Abstammung dichten mwwckdchrifttiche Madonnenlieder. Kolbenheyer schreibt einen Roman ..Spinoza" und Jakob Wassermann einen Roman ..Kaspar Hau'er". August Wünsche sammelt Bausteine für eine Geschichte des hebräischen Schrifttums. Ludwig Geiger liefen Beiträge zur Geschichte der deutschen Literatur. Der christliche Gelehrte Weinhermer verönenllicht ein gediegenes Buch über die Enrstehung des Judentums. Samuel Lublimki gibr ein lehrreiches Werk über die Entstehung des Christentums heraus. Herbert Eulenberg widmet eine entzückende Studie dem hebrai'chen Dichterfürsten Don Jehuda Hatevy. und irgendein Levv schreibt eine Abhandlung über Abraham a Santa Elara. Tieft Beispiele könnten hundertfach vermehrt werden, aber schon dieses Leine literarische Quodlibet dürste genügen. Man sieht: rechter Hand, linker Hand, alles vertauscht. Das schadet aber auch weiter nichts. Diese--? Durcheinander, dieft Vielgestaltigkeit. diese Bunt'checkigkei: verleiht der deutschen Literatur einen ganz besonderen Rcrz. Aus'prachen und Polemiken. Entstellungen und Stilisierungen. Pamphlete und apologetische Schristen haben aus einem Nichts ein Problem geschaffen. das allenthalben Verwirrung stiftet. Es ist klar, daßarn dem Gebiete des Geistigen bedingungslos Freizügigkeit herrschen muffe: da können gewaltsame Trennungsstriche und künstliche Grenzlinien nur von liebet sein. Ein Schrifttum ist nicht etwa- Konstruiertes, das man in bestimmte Formen und vorgefaßte Richtungen wenden könne, sondern der Niederschlag ungehemmter langer Entwicklungsreihen. Das geringe Schaffen, so es mit sittlichem Ernst und in künstlerischer Kraftsülle geübt wird, ist autonom und die Abstammung des Schaffenden kommt hierbei wenig in Betracht. Ter Franzose Louis Charles Adelaide de Chamiffv. auf dem Schloß Boncourt in der Champagne geboren, den die französische Revolution nach Deutschland verschlagen hat. ist ein deutscher Dichter, als solcher in deutschen Landen wohl bekannt, und wird nicht mit Unrecht mit einem der deutschesten Dichter, mit Ludwig Uhland. auf eine Stufe gestellt. Freilich, die Notenschnüffler. die eigenwillig jeglichen Geistesstrom nach der spezifischen ..Note" absuchen. werden auch in seinen Werken französischen Esprit und jenseitsrheinifche Züge entdecken, aber niemand wird es wagen. Clzamiffo deshalb als deutschen Dichter nicht gelten \u lagen Ebenso hat sich Nr Franwftnstänimling Friedrich stolze Friedrich Nietzsche nicht ein deutscher Tichterphilosoph? In Sachen des Geistigen entscheidet nur der Geist, nicht die Abstammung. Mögen die Wogen des Raffenhaffes noch so hoch sich auftürmen und noch so stürmisch abgrenzende Scheidelinien heischen, der' Geist des Schassenden wandelt unbekümmert seine Bahn und läßt sich nicht aufhalten. Denn der Geist schwebt über den Wassern . . . Srr Auszug aus Akgyptrn'). ^^as Volk erhob sich. Rastlose Tätigkeit quirlte um die iSLJ Hütten. Moses klingende Befehlsstimme. Aarons hell und scharf antreibende Rufe fuhren über die Menge. Die Kinder jauchzten und hüpften, mit den unruhigen Ziegen um die Wette tanzend, über den Sand. Bündel und Gerat häuften sich zwischen den Steinen, schon standen die Hütten entvölkert; in kahler Vertaffenheit zurückbleibend, glichen sie leeren Totenkisten, um die niemand klagte. Mirjam trat als letzte über die Schwelle. Sie bückte sich, nahm eine Handvoll Sand auf. von dem scharfen, grobkörnigen Kies, der ihre Sohlen tausendmal gestochen hatte, und warf ihn über ihre Schulter zurück ins Innere des Hauses. Dann hob sie die Hand, als grüße sie die Ferne, die vor ihr lag. Als die Sonne die Mittagshöhe überschritten hatte, stiegen die Hebräer in die Niederung hinab und durchquerten die Köniasstadt. In eng geschloffenem Zuge schritten sie. nicht schnell, aber mit der unaufhaltsamen und schweigend gefaßten Ausdauer, die eine sehr lange Straße vor sich sieht. Kein abschicdnehmonder Blick schweifte nach rechts noch links: alle Gesichter waren vorwärts gewandt und leuchteten vom Widerschein einer alten Sehnsucht, die im Begriff ist. Wirklichkeit zu werden. An Straßenrändern und Torfchwellen standen Aegypter zu dunklen, reglosen Massen geballt, bleich und gramentstellt die meisten unter ihnen, von untätigem Haß verzerrt jedes einzelne Antlitz. Aber keine drohende Hand hob sich, kaum daß hier und da ein Fluch aufmurrte. Stumpf und in schweigender Unterwerfung bestaunten sie das wandernde Volk, das beladen mit der geweimnisvollen Größe seines Geschickes im sonnendurchleuchtcten Staub der Niederung entschwand. * ..Schrvefterlern, komm! Wir wandern! Fasie meine Hauö und hatte dich Am Stecklein, das der Vater mir schnitt vom Dornenstrauch. ■ *) AuS Lotte Oonmtmi* vorzüglichem Roman ..Die fremde Erde", erschienen in Dhienemanns Verlag, 3tiittaiut, Vlnmemtraße 3».! mit dessen Genehmigung der Abdruck dieses Uapitels hier erfolgt. Der Prei^ befragt Mark zuznglich Deuernngszufchläge. Das Buch ist zu beziehen durch alle besseren Buchhandlungen. wo nicht ' erhältlich, direkt vom Verlag, der auch Prospekte über seine sonstigen Peröisentlichnnaeri mit Wunsch nnbercchnet versendet.

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