Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 10 (13.5.1921)
- Date
- 1921-05-13
- Page
- Seite 119 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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119 gesicht: vor allem Moses Mendelssohn, der nach genauen Studien alter Stiche und Plastiken gemacht ist, wahrscheinlich besonders nach dem Altersbild von I. K. Frisch. Das Werk war für. die historische Schule in der Großen Hamburger Straße bestimmt, wo jetzt Markuses Büste steht, lie allerdings maßvoller, würdiger, statuarischer wirkt, während Pleßner Mendelssohn als Vortragenden Lehrers wohl zu momentan au-ffaßt, doch diö sprechende Gebende, der sprühende, warme Geist in Antlitz und Hand sind nicht zu unterschätzen. Vielleicht war auch der Uebergang seiner Büste in den Sockel zu abrupt, das Ganze überhaupt mehr Vollfigur als Büste, während Markuses Werk als Stilform organischer durchkomponiert ist. Hoffentlich sehen wir immerhin Pleßners väterlichen, weisen, beredten MendMsvhn noch einmal in monumentaler Ausführung. — Der Maler Steinhardt wurzelt tiefer im Judentum und weist größere Kraft der Vision auf. Er hat sich höchst vielseitig und mit . kecker Modernität als Maler, Radierer, Holzschneiders umgetan. Er steht mitten im modernsten Expressionismus und führt die jüdische Note stark und sonor in die heutige Kunst ein. Aus realistischen Gemälden, Zeichnungen und Pastellen sieht man, wie er erst nach und nach seinen modernen Ausdruck sich erobert hat. Aber dessen Anwendung ausschließlich auf die jüdische Welt bleibt sein Ruhm. Seine Farbe ist düster, dumpf, schwer, tragisch, die Lichter spärlich, grell, jäh. Formen und Linien geballt, zuckend, wuchtig, stoßend, die Stimmung die der slawischen Judenwelt, d. h. melancholisch, verhangen, trostlos, inbrünstig. Doch hinter dem polnischen Juden erhebt sich wie ein düsteres Urgebirg die Welt der Bibel, Hiob, Moses, Noah, und da flammt denn urjüdisches Pathos, Heroentum, grenzenloses Erlebnis einiger Weiten. Welch ein Weg vom Gettoelend zu Michel Angelo und doch schließlich der Weg der jüdischen Seele. Denn aus Not und Engnis des Gettos ragt ja eben in steiler Sehnsucht, ebenso hoch in Glut und Verlangen, wie das Judenweh abgründig und tief, diese Urwelt überhöhten Riesentums; in dem staubigen Schatten des Cheders geistern diese Phantome wie in der Hexenhöhle zu Endor. Und schließlich gelangt der Maler sogar zu einer höchst heroischen Stilisierung der Gettowelt selber, sie hinaufhebend zu ihrem biblischen Ideal, wenn er etwa 1921 mit schon reicherer, wärmerer, gestufterer Farbigkeit seinen mächtig beseelten „Vorbeter" aufrust. Meistens verweilt er in rechtloser Judenstadt, wo alles grau in Grau dämmert und die Menschen wie scheue, hilflose, gejagte Schatten dahinschleichen, unterin Kainssluch ihrer traditionellen- Existenz, die greulicher, lichtloser als Dantes Hölle. Wie greulich die „Jüdin im Friedhof", grüne Lichter des Irrsinns-, der Verzweiflung im verzerrten Gesicht (vgl. Graphik als Vorstufe dazu), oder das „alte Weib mit dem kranken Greis", beide mit schrillem, schreiendem Micnenspiel, gezeichnet zum Elend, Galeerensklaven des Geschicks, oder die Alte, grün, gespenstisch, verängstet, vor ihren „Schabbeskerzen" (Graphik dazu mit ruhigerem, interesseloserem Realismus), oder der „Judenschwarm", der auf uns zu durch Schnee und Goluß aus der Synagoge schwankt (auch in graphischer Vorstudie), oder das -famose „Bechamidrasch" mit den schattenhaften Menschen vor dem großen Fenster, das auf die ebenso schattenhafte Stadt starrt, während hintenüber den lchten Giebeln dieses schrille, visionäre, lichtlose Licht aus Wölkenelend zuckt; denn auch über den Himmel legt sich das beklemmende Golußelend. In den Holz- und Linvleu-inschnitten mit ihrer wuchtig schwarzen,. modernen Tinte, 2) Mendelssohn war mehr Denker als Lehrer, und damit kam etwas in die Gestalt hinein, was nicht in ihr lag. h Auch als Linoleumschneider in heut sehr aktueller Technik; vgl. Arno NadeW hübsches Steinhar-dt-Büchlein in den „Modernen Graphikern". gegen die sparsame, karge, rastlos flackernde Lichter mühsam unlvergebens ringen, dieselbe -modernste Lautheit und Größe!deS Ausdrucks! „Die zehn Plagen" allein sprechen weicher, altertümlich, -sogar humoristisch, wenn z. B. einem Aegypter bei der Froschplage ein Fröschlein ausgerechnet in den Suppenteller springt. Die Radierungen sind alle sparsamer, linearer, stiller. „Hiob" (Gemälde und Graphik) ist ein großartiger historischer Versuch, das Gespenstische bis zum Fratzenhaften vergrößert, die anklagende, spinnenhafte Hand vor dem weiten, lauernden Himmel schaurig redend, ein großer malerischer Gedanke! In der „Sintflut" 1912 und im „Goldenen Kalb" 1912 hat er -das Freskohaste des modernen Stils adoptiert: die RüiKehr zum Akt ist hier eine wichtige Note. In der „Sintflut" türmt er förmliche Wellen aus Menschenleibern: man denkt an -den Rubens des „Jüngsten Gerichts". Die Eignung zum Heroenstil beweist er weniger im „Noah mit der Taube" (1921), der eher maskenhaft wirkt und unfreiwillig ins Komisch-Jüdische fällt, als im „Moses" (1920), der, schrecklich verzerrt, donnert und grollt, die Hand mit riesiger Macht zum Himmel gereckt (vgl. Hiob), als wollte er dessen Blitze herunterreißen und sie aus die Männer starren Nackens schleudern. Diese Augen, dieser flammende Bart, der wie Schlangen züngelt und loht, dieses Gewitterlicht um Stirn und Horn! Alles ist da, um den Zorndämon zu beschwören, den größten, jähesten, den staunend die Erde gettagen; ein geheimer Pakt mit Michel Angelo ist geschlossen. Nur dessen rätselhafte! Süße in aller Herbheit des Götterschmerzes, wo ist sie? Wer bringt diese Schönheit des Erhabenen, die schmerzdUrchglüht-e, nacht-geküßte, dieses Geheimnis Buonarottis, der jungen Generation? — Ja, sie ist groß, prophetisch, schäumend, geschüttelt vom Krampf innerer Fülle! Nur -das eine fohlt! O du Sturm, -du süße, herbe, glücklose Mannheit Buonarottis! Willst du wieder auserstchen, wirst du noch einmal Menschengestalt zum Götterausdruck adeln, ohne ihr Gefäß zu brechen, wie noch heute geschieht? Wer gibt -der Jugend dein Maß im Unermeßlichen, wo sie von -dir doch eines schon ganz hat, Prophetie, Magie, -göttliche Empfängnis? . . . Unter den freudlos - einsamen Landschaften Steinhardts, die etwas Klagendes, Weinendes schaurig-fröstelnd durchweht, gibt es eine, wo über Häuser und Gebirge tief in der Ferne sonniger Morgen aufgeht. Die menschenleeren Häuser des Vordergrundes tauchen immer lachender aus Nebel in erstes Licht, und auf dem vordersten, schräg und tiefliegenden stammt hellste, froheste Wärme und macht seine stark verkürzte Fronr goldighellc, sein rotes Dach rosenloh. Das nachvorn ruckweis immer ansteigende Licht, die Tonleiter des Rots auf diesen drei vordersten Häuschen mit ihrem aufwachenden, heiteren Gesicht sind eine Verheißung junger Lebensbejahung. Das Licht erwacht wieder, in dessen Schoß die Generation des Impressionismus so selig ruhte; nur das stark und wuchtig Stilisierte in jäher Linieneruption und resolut geballter, aus starken Ausdruck eingestellter Komposition ist da nach ckernier eri, heroischer Landschastsstil, der zu Zielen hinblickt, die über die Landschaft des Klassizisimus hinweg irgendwie zum grandiosen Dichtertum eines Lorrain, Poussin, Elsheimer führen oder doch führen können. Der Morgen erwacht, die totenbefchw-örende, grause Welt des Gettos, mit ihren wilden Anklagen gegen,Gott (Bild für Bialik), Pogromen (Radierung), Ung-lücksgesichtern (Porträt der Frau -Se. tutti gunnti), versinkt im Nebel wie Alpdruck und Nachtspuk. Eine neue Pathetik der Hoffnung, genesenden Lebens ist im Anzug. Shhl-ock versinkt, der weise Nathan steigt heraus. Morgenruf des Propheten glockenhelle in junger, reiner Lenzluft: „Es kommt Morgen und auch Nacht." (Jes. 21, 12; vgl. das Nachtlied in der Pessach- Haggadah.)