Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1919)
- Date
- 1919-11-14
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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83. Jahrgang. Nr. 46 Berlin, 14. November 1919 Ern unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements »Preis: durch den Buch» Handel oder die Post (in Berlin und vor» orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 Hl. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Dt. Ludwig Pbilippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen skr Redaktion anb Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Das Blutbad in Lemberg. Von Elias Nacht (Berlin). — iJUlJUll* Die Woche. — Bestätigung der jüdischen Kultusbeomten in den a'lten pvenßischen Shnagogengemeinden. Von Gel). Justizrct Fried mann (Glogau). — Zum Jubiläum der Shnagogeng-emeinde zu Luckenwalde. Von I. F r r ude n t h a l (Luckenwalde). — Der Altmeister der Wissenschaft des Judentums. Von Leon S ch e i n h a n s (Memel). — Fe u i'lleton : Benjamins Liebeslied. Roman von S a m lt e l M eisels. — Literarische Mitteilungen. — SP r echsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur ^Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Königsberg, Thorn, Hindenburg. Breslau, München, Frankfurt a. M., Zürich, Nachod, New Dort. — Von Nah und Fern. Das lölutbaü in Lemberg. Von Elias 9tacht (Berlin). m 22. November kehrt der Jahrestag jener an unseren schon an sich schwer geprüften Brüdern von der Polnischen „Elite" in Lemberg verübten Grcueltaten wieder. Sie stehen einzig in der Weltgeschichte da. Daher sei es mir, der Augenzeuge jener Mordtaten war, gestattet, sie an dieser Stelle deni jüdischen Leser Mitzuteilen. Mit Ausbruch der Revolution setzte der, Kampf zwischen den Polen und den Ukrainern um den Besitz Lembergs ein. Die jüdische Bevölkerung erklärte ihre Neutralität. Die Ruthen en beantworteten diese Erklärung mit der Erlaubnis zur Gründung einer jüdischen Miliz (ca. 800 Mann stark), die den Zweck hatte, das jüdische Viertel vor Bandenübersällen zu schützen. Die Ruthenen unterstützten dieses Werk mit allen Kräften. Die Polen dagegen legten den Juden, die sich in dem von ihnen besetzten Teil Lembergs aufhielten, die schwersten Hindernisse in den Weg. Bei den „Polonäsen" war es für die jüdischen Frauen eine Tortur, jene Beschinripfungen und Drohungen cntgegenzunehmen, die die polnische Bevölkerung, von der „Ordnung haltenden" polnischen Soldateska ansgehetzt und unterstützt, ihnen darbot. Nie erhielt eine Jüdin, .wenn^sie auch den ganzen Vormittag auf ein Brot wartete, ihre Gebühr. Sie wurde immer zurückgedrängt mit der Bemerkung, sie habe zu warten, bis die Polen erhalten haben; wenn Brot übrigbliebe, so würde sie schon beteilt werden. Im übrigen wären sie nicht verpflichtet, die Juden zu verpflegen. Kolbenstoße und die Versicherung, daß die Zeit der Abrechnung mit den Inden nicht wehr sernläge. folgten. Der 17. November war für die Lemberger Juden ein Tag besonderer Aufregung und Trauer. In der polnischen Tageszeitung „Pobudka" (Der Wachruf) erschien ein Artikel, „Neutrale" betitelt, worin die polnische Bevölkerung indirekt zur Veranstaltung von Pogromen aufgefordert wurde, da, laut Aussage einer Frau, Juden auf Legionäre geschossen und mit heißem Wasser gegossen hätten. Diese Frau hätte gesehen, wie Juden aus dem Tempel mit Maschinengewehren aus die Legionäre gefeuert hätten. Später stellte es sich heraus, daß die Ukrainer ans dem Tempel geschossen hatten. ' ' ■ ■:". ■ Daß den Juden eine Katastrophe bevorstand, waren sich alle sehr wohl bewußt. Wir waren aber völlig machtlos, denn auch die durch Funkspruch erbetene Hilfe der Entente blieb aus. Um nichts unversucht zu lassen, begab sich eine jüdische Abordnung, die aus den Herren Prof. Dr. Schvrr, Advokat Dr. Allerhand und Dozent Dr. Freilich bestand, zu dem polnischen Abgeordneten Ehlamtatsch, um die von der „Pobudka "erhobenen Beschuldigungen zu widerlegen. Herr Dr. Freilich, in dessen Hause ich zu Verkehren pflegte, empfing mich darauf mit den Worten: „Lieber Freund, wir gehen den schlimmsten Zeiten entgegen, denn die Polen suchen uns zu vernichten. Die Mittel und Wege sind ihnen gleichgültig. Ich bin auf das schlimmste gefaßt." Die Wohnungen der Juden waren dem polnischen Kommando durch die aus Befehl ausgefüllten Verzeichnisse, die binnen 24 Stunden, nach Religion geordnet, ausgefertigt und abgeliefert sein mußten, bekannt. Das Haus Bemagasse Nr. 8 war während der Kämpfe besonders hergenommen. Nachdem man den jüdischen Bewohnern des Hauses alles Hab und Gut genommen, sie mit Kolbenstößen traktiert und zwei von ihnen erschossen hatte, wurden sie nur in den Hemden auS ihren Wohnungen verjagt. Wie bestialisch die Legionäre ans Werk gingen, zeigt, daß sie sogar an Bildern der Familie die Augen ausstachen, jüdische Reliquien entweihten usw. Auf den Straßen sah man Juden in Ketten führen. Ten Grund und ihr Los kannte man nicht: nur die lhnchlustige Menge gab ihnen ihr Geleit. Die Dienstmädchen wurden angewiesen, die Stellungen bei den Jrrden aufzugeben, da es gefährlich wäre, bei ihnen zu dienen. Am 22. früh machte ich mich auf den Weg, eine bekannte Familie anfzusuchen. Vor mir schritt ein Legionär mit einem Mädchen, die folgendes Gespräch führten: „Hast du gehört," sagte sie zu ihm, „was die gemeinen Juden unseren braven Soldaten getan haben? Sie haben sie mit heißem Wasser begossen und ans ihrem Tempel mit Maschinengewehren ans sie geschossen." „Wir wissen alles," erwiderte er, „wir haben unsere diesbezüglichen Weisungen schon erhalten; binnen 48 Stuirden müssen alle Juden Leichen sein." Alls den oben angeführten Tatsachen, die nur ein Atom von den Drohungen, Tätlichkeiten usw. darstellen, die während der drei Wochen, in denen die Kämpfe stattsanden, den Juden zngefügt wurden, ersieht man, daß die Hetzen gegen die Juden planmäßig vor sich gingen. Sie waren die Vorbereitung zum darauf folgenden, groß angelegten Pogrom. Am Abend des 21. trafen in Lemberg Legionäre aus Krakau ein, die von den Juden sehr gefürchtet waren, da man sie als Mörder und Blutgierige kannte. Ebenso aus Przemysl, wo sie Massen von Inden niedergemetzelt hatten. Die polnische Bevölkerung Lembergs erwartete die Krakauer sehnsüchtig, denn, wie sie" sich öffentlich äußerten, diese werden die Ukrainer