Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1919)
- Date
- 1919-01-03
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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SS. Jahrgang. Nc. 1 •Berlin, 3. Januar 1919 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Zeitung erscheint wöchentlich. Ha»Äiinements-preis: durch den BuchliHtdel oder die Post (in Berlin und voruen durch unsere vertriebsstellen) bezogen -ljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32^. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungsrats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-qH, zu richten. Verlag von Rudolf rnosse, Berlin. Ausblick in das Jahr 1919. Von Ludwig Geiger. — (Juli* Die Woche. — An die Vereine für jüdische Geschichte und rtur. Von I. Elbogen. — Die Dozenten der Berliner Lehranstalt'sür Wissenschaft des Judentums. Von L. G. — Vorbereitungen zur Wahl. Fanny Cohn-Nehler (Berlin-Lichterfelde) — Eine Beschimpfung /'irdischen Frau. Von Dr. jnr. Ernst Emil Schweizer (Breslau). ,n die Führer der deutschen Zionisten. Von Rabbiner Dr. H. Fuchs, euilleton: Jedem das Ceinige. Roman von M. Pulvermann. Mzellen. — Büchereinlauf. Ler Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Un, Posen, Leipzig, Würzburg, Elberfeld, Bannen, London. — Von >ch und Fern. pusülidi in das IJaljr 1919. Bon Ludwig Geiger. Die Welt ist aus den Fugen! Wer will sie wieder einrenken? Unser deutsches Vaterland befindet sich in der größten iruhe; eine vollkommen neue Einrichtung ist eingetreten, ie Fürsten sind abgesetzt oder haben auf die Herrschaft verzichtet; Soldaten- und Arbeiterrate führen das Regiment. Das bürgerliche Element ist aus ihm zunächst ausgeschaltet und hat sich bisher zu schwach gezeigt, die ihm gebührende Stellung einzunehmen. Unsere auswärtigen Feinde sind entschlossen, diese Regierung nicht anzuerkennen, und nehmen diese Ablehnung zum Vorwand, allmählich ganz Deutschland zu besetzen. Sie wollen nur Verhandlungen beginnen mit einer Regierung, die ihnen die Gewähr , für geordnete Zustände zu bieten scheint. Was von einer solchen Besetzung ganz Deutschlands, was von einer Ordnungsstiftnng seitens unserer Feinde zu erwarten ist, beängstigt uns ans das furchtbarste. Noch drohendere Beängstigungen und Sorgen ergreifen '.-.ns, wenn wir auf die jüdischen Verhältnisse blicken. Scheinbar ist ja volle Freiheit angebrochen. Wie seit einem Jahre oder länger in der bolschewistischen Umgestaltung Rußlands Juden das große Wort führten und zu leitenden Stellungen einrückten, so ist es in Deutschland allerorten geschehen. Aber der Erfolg dieses jähen Wandels war nicht, der erhoffte. Den Juden Rußlands ist es trotz der führenden Stellung einzelner Juden fürchterlich ergangen; die leitenden Männer haben nicht die Kraft gezeigt, vielleicht nicht einmal den Willen gehabt, sich dieser schandbaren Verletzung jüdischer Rechte, jüdischen Eigentums, jüdischen Lebens zu widersetzen. Aehnlich ist es in Deutschland zugegangen und gehr es noch jetzt zu. In der Reichsregierung, im preußischen Mil istcrium, in der Leitung der bayerischen Republik sitzen oi.'le Juden; der einzige sichtbare Erfolg dieser plötzlichen Veränderungen ivar der, daß die Juden fälschlich als Erreger, als Stifter der Revolution betrachtet würden, und daß der Antisemitismus, der in Deutschland niemals aufgehört hatte, sich wie ehemals gegen die Geknechteten, so nun gegen die Herrschenden erhob. Glücklicherweise ist es in Deutschland noch nicht zu wüsten Ausschreitungen gekommen, wie man befürchten mußte, und die Reichsregierung scheint, wie in der Wochenübersicht von Nr. 51 des vorigen Jahrganges gezeigt wuvde, Ernst zu machen, dem verbrecherischen Treiben Einhalt zu tun.. Aber in anderen Ländern, namentlich in Galizien, hat eine Pogromära eingesetzt, welche die entsetzlichsten Opfer forderte und von deren Betrachtung man sich nur mit furchtbarem Schauder abwendet. Wohin man nur den Blick wendet, findet man überall Trostlosigkeit, ja. Anlaß zu voller Verzweiflung. Drei Momente sind es besonders, die uns mit tiefster Besorgnis erfüllen: Das eine ist das Streben nach Autonomie unter den Juden, besonders in den östlichen Ländern, in Polen und in den Gebieten der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie; das zweite ist die Entwicklung Palästinas; das dritte ist das Verlangen nach Volksgemeinden. Das Streben nach Autonomie ist in sich völlig ungesund. Entweder müssen die Juden versuchen, Vollbürger des Landes zu werden, in dem sie leben, oder sie müssen sich aus dem Lande entfernen. Zu welchen unglaublichen Vorgängen dieses Begehren einer selbständigen Volksgemeinschaft fübrt, bat der ungeheuerliche Vorgang von der Zurückweisung der jüdischen Merzte in Wien gezeigt, von dem in der Wochenübersicht in Nr. 50, Jahrg. 1918, die Rede war. Die Entwicklung in Palästina, der wir in vielen selbständigen Artikeln und Uebevsichten «recht zu werden versuchten. kann uns nicht nur nicht mit Freude erfüllen, sondern muk die größten Bedenken erwecken. Daß dort ein jüdischer Staat sich bilden wird oder, wie gelegentliche Aeußerungen vermuten lassen, sich schon gebildet hat. ist kaum mehr einem Zweifel unterworfen. Manche Schwärmer werden darin ihr Heil erblicken; die Hoffnung aber, daß alle Juden sich dort zusammenfinden werden, kann sich nicbt erfüllen, teils, weil das Land Palästina unmöglich die Millionen Inden fassen kaün, die in Europa und Amerika leben — um nur die beider: Erdteile zu erwäbnen, die das größte Kontingent stellen - , teils, weil die Juden der kultivierten Länder, einige Kundert Begeisterte ausgenommen, nicht die geringste Lust bezeigen werden, nach Palästina auszuwandern. Aber diese ganze Staatsorganesation widerstrebt uns aufs äußerste ans dem Grunde, daß dadurch die jüdische Volksidee neue Nahrung findet, die wir durchaus perhorreszieren müssen. Neuerdings ist bei manchen die Hoffnung aufgetaucht, dieser neue jüdische Staat werde eine innere Einigkeit der Zuden Hervorrufen, eine neue hebräische Kultur werde von Palästina ausgehen; ja, manche gehen in ihrer Erwartung so weit zu glauben, daß eine große, heilsame geistige Bewegung von Palästina aus erfolgen werde. Ich teile diese Hoffnungen nicht. Wir deutschen Juden wollen uns nicht hie Zugehörigkeit zu Deutscher Kultur entreißen lassen — im gleichen Falle sind die englischen, französischen und italienischen Juden —, und so