Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1918)
- Date
- 1918-05-24
- Page
- Seite 250 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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250 über eine lebendige Darstellungsgabe, die mit frischem Humor durchsetzt ist. . . * * * Bleiben wir noch einen Augenblick bei Palästina stehen, so sei einer kleinen Arbeit12) gedacht, die man als eine Werbeschrift im outen Sinne bezeichnen kann. Völlig klar wird man freilich aus den Darlegungen des Verfassers über das Wesen der Tachkemonisckmle nicht: sie macht den Eindruck einer etwas moderner, wissenschaftlicher gehaltenen Jeschibah, die aber durch ein Gymnasium ergänzt ist, und man kann sich dabei des Zweifels nicht erwehren, wie solche nvei innerlich so entgegengesetzten Anstalten sich wirklich ergänzen können. Zudem ist jetzt während des Weltkrieges, von dem übrigens auch der Verfasser andeutend redet, kaum die Möglichkeit vorhanden, eine solche Schule auszugestalten. Bevor wir zu kleinen Schriften übergehen, die sich mit der Geschichte der Juden des Ostens beschäftigen, sei ein paar anderer Arbeiten gedacht, die sich nrehr oder weniger auf Historisches beziehen. Vor mehreren Jahren zeigte ich an dieser Stelle die Veröffentlichung der jüdischen Sagen an. Ich konnte mich weder mit der ttebersetzung noch mit der seltsamen Art befreunden, von derselben Uebersetzung mehrere Fassungen hintereinander abzudrucken. Es ist nickt undenkbar, daß der Herausgeber von diesen meinen kritischen Ausstellungen etwas gelernt hat. Eine neue Auflage, wie es scheint, ein verbesserter Auszug der früheren Gestalt, bringt nämlich eine Reihe der früher schon gedruckten Sagen in einer anderen Fassung. Die Uebertragung der drei Bändchen*8), l4), 15) erscheint mir jetzt ziemlich einwandfrei und in der Abteilung, die Abraham, Isaak und Jakob gewidmet ist, die einzige, die ich genau gelesen habe, fand ich nur eine Geschichte, die Opferung Isaaks, die in verschiedenen Verarbeitungen mitgeteilt ist. Die Arbeiten sind unterhaltsam und anmutig. Freilich, in das gewaltige Lob, das die jüdische und deutsche Presse über die Sammlung anstimmt, kann ich meine Stimme nicht mischen. Ich vermisse in den Geschichten vor allen Dingen Poesie und Gemüt. Aber kulturhistorisch sind sie interessant und so mögen sie deshalb empfohlen sein. Die beiden anderen Bändchen habe ich, wie bemerkt, nicht genau gelesen. Ich urteile nacht darüber, aber ich darf wohl annehmen, daß sie einen ähnlichen Charakter tragen wie das Heft, dessen Inhalt ich mir angeeignet habe, und daß sie daher wahrscheinlich das gleiche Urteil und wohl auch dasselbe Lob verdienen. Führt uns die eben besprochene Sammlung in die Urzeit, so wacht uns ein neu erschienenes Heft M. Branns*9) im allgenreinen mit der Geschichte der jüdischen Literatur bekannt. Zunächst mögen wir Uns freuen, daß mitten im Kriege eine neue Sammlung jüdischer Handbücher erscheint, und können nur bedauern, daß uns über den Inhalt der folgenden Bände keine nähere Mitteilung gegeben wird. Auch ich bin nicht in der Lage, etwas über die Umgestaltung zu sagen, die das vorliegende Bändchen erfahren hat; es wird nämlich als zweite, verbesserte Auflage bezeichnet, während mir eine erste, von der ich nicht angeben kann, wann sie erschienen ist, nicht Vorgelegen bat. Sympathisch ist mir das Heft schon dadurch, daß in ihm der Name meines Vaters nicht nur nicht systematisch verschwiegen wird, wie dies in der von Brann geleiteten Monatsschrift zu geschehen pflegt, sondern daß sein Name an allen gehörigen Stellen genannt und nicht mit nörgelnden Bemerkungen begleitet wird. Nicht minder anerkennenswert ist, daß in dem letzten Abschnitt „Die Wiedergeburt des jüdischen Geisteslebens seit Moses Mendelssohn" die neueste Entwicklung von 1750 bis auf die Gegenwart in kurzen, aber deut- ") Die Hebräische Mittelschule Tachkemoni, 'ihre Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte. Von Tr. Engel. Leiter der Tach'kemonischule in Jaffa. Ackermann u. Wulff Nachf. (Grosardt u. Gowa). Hamburg 11, Deichstraße 48/50. 13) Micha Josef bin Gorion: Abraham, Isaak und Jakob. Jüdische Patriarchengefchichten. Literarische Anstalt von Bütten u. Loening, Frankfurt a. M. 1917. 14) Die ersten Menschen und Tiere. Auswahl aus den Sagen der Juden. Herausgegeben von M. I. bin Gorion. Literarische Anstalt Bütten u. Loening, Frankfurt a. M. 1917. 15) Micha Josef bin Gorion: Joseph und seine Brüder. Ein altjüdischcr Roman. Literarische Anstalt Bütten u. Loening, Frankfurt a. M. 1917. 16) Jüdische Handbücher 1. Dr. M. Braun. Ein kurzer Gang durch die Geschichte der jüdischen Literatur. Zweite, verbesserte Auflage. R. Löwit Verlag, Wien-Berlin. 1918. lichen Strichen gezeichnet wird. Auch diejenigen Männer werden kurz genannt, dieals Juden auf dem Ge-biete der allgemeinen Literatur- und Kunstgeschichte sich hervorgetan haben. lieber einzelne Auslastungen will ich mit dem Verfasser nicht rechten,, sonst könnte ich wohl hervorheben, daß bei der Erwähnung der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" der Name von Gustav Karpeles und. der meinige verschwiegen wird. Die Einteilung des ganzen in vier Zeiträume: die Urzeit, die talmudische Literatur, das eigentliche Mittelalter und die Neuzeit ist verständig.. Der Verfasser hält mit Urteilen zurück, läßt die Tatsachen sprechen, vermeidet jede gelehrte Anmerkung, gibt vielmehr in den Noten nur Jahreszahlen. Man darf von ihm bei seinem bekannten Standpunkte biblische Kritik und besonders freisinnige Auffassung nicht erwarten, aber vielleicht wäre beides in einem Büchlein bedenklich gewesen, das ja für die weitestell Kreise bestimmt ist. Gerade durch feine genauen tatsächlichen. An - gaben und durch die vorsichtig, formulierten Urteile dürfte es wohl geeignet sein, Nutzen zu stiften und zur gründlichen Vertiefung in der jüdischen Literaturgeschichte anzurogen. Kehren wir von dieser Abschweifung zu den Sonderarbeiten mt? dem eigentlichen Gebiete der Geschichte zurück. Mas Bromiberg--Witkowsky*7) über die Juden in Lemberg zu berichten hat, gehört glücklicherweise der Geschichte an; man sollte es aber kaum für möglich hatten, daß es erst der jüngsten Zeit zuznrechnenist, sondern miau sollte weinen, es feien Berichte aus einer längst vergangenen Zeit. Denn es sind Schauevbilder ans der Epoche der Einnahme Lenlbergs durch, die Russen. Die -Schandtaten begannen am 27. September 1914 und forderten 40 Juden als Opfer.' Am 28. September wurden Viele Juden verhaftet unter dem Vorwände, sie hätten auf die Russen geschossen; es kam zu Untersuchungen, die glücklicherweise ohne besondere Grausamkeiten durchgeführt wurde)?. Seitdem ereigneten sich keine Exzesse me>hr, aber erdrückende Mastregeln wurden eingeführt, z. B. das Verbot für die Juden, Galizien zu betreten, Anklagen wegen Brotwucher und Preistreibereien, Beschuldigungen, den Rubevkurs herabgesetzt zu haben. Anderseits wurden die Juden beschuldigt — und derartiges würde kölnisch anmuten, wenn .es nicht so tragisch wäre—, allzu große Ehrerbietung gegen die -einziehenden Russen bezeugt zu haben: so wurde -ihnennach gesagt, sie hätten den Kosaken die Pferde.geküßt. Manche Mitteilungen über Gefangene und jüdische WlohltatkonEees macken den Schluß des Heftes aus. Als Anhang wird der Schrift eine Ausführung beigegeben, die freilich, streng genommen, nicht zu dem sonstigen Inhalt der Arbeit gehört, nämlich eine Liste der gefallenen jüdischen. Offiziere und der jüdischen Offiziersanwärter der öfterrerchisch>-unaarisehen Arinee von denr bekannten Sozialisten Moritz Frühiting. Zwei Schriften über das in neuester Zeit so viel genannte Vrest- Litowsk mögen 'den. Schluß dieser Uebersicht machen. In der etften18) schildert Tänzer, nachdem er in der Einleitung Vorwürfe gegea deutsche Unkultur abgewehrt, die Geschichte der Stadt, 'deren Namen er als „litauische Ulmen- oder Mrkenriinde" hier erklärt. Allzu große Bedeutung besaß die Stadt in früheren Zeiten nicht, doch ist sie bereit? in vergangenen Zetten gelegentlich die Stätte von-' Fürstentagen und Friedensschlüssen gewesen. Aus einem recht kleinen Gemeinwesen (noch 1824 hatte sie nur 4000 Einwohners entwickelte sich Brest-Litowsk zu einer Mittelstadt, die 1897 50 000 Einwohner zählte. Von dem gewissenhaften Berichterstatter, der »lange Zeit in dem merkwürdigen Orte geweilt hat, werden interessante Mitteilungen über Wasserleitungen, Brunnen, Schulen, Samitätswefen, Bibliotheken und anderes gegeben. Doch ist es eben nur ein allgemeiner Bericht über eine Stadt, in der die sogenannte russische KMurarbeit traurige Früchte trug. Kurz wird an: Schluffe auf die Zerstörungen hingen) iesen, die von den abziehenden Russen gegen ihre eigene Niederlassung verübt wurde. _ Wichtiger für uns ist d'ie zweite Schrift*9), die auf die Geschichte *7) Die Juden Lembergs unter der Russenherrschaft. Von Professor S. Bromberg -WLtkowski, Lemberg. Sonderheft. - Jüdisches Archiv. Mitteilungen des Komitees „Jüdisches Kriegsarchiv"^ Lieferung 8 undb. Februar 1917, im Verlage von R. Löwit (Wien). 18) Brest-Litowsk. Ern Wahrzeichen russischer Kultur im Weltkriege 1917. Hermann Hillger, Verlag, Berlin W 9. Von Dr. A. Tänzer. Armoevabbiner der Bugarmee. *9) Die Geschichte der Juden in Brest-Litowsk. Von Rabbiner Tr. A. Tänzer (Göppingen), Armoerabbiner der Bugann-ee. Berlin 1918. Verlag Louis Lamm.