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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-01-11 · Heft 2 (11.1.1918) · p. Seite 15

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 2 (11.1.1918)
Date
1918-01-11
Page
Seite 15 (sequence 3)
Language
German
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15 Anklage gegen die christlichen Gesetzgeber muß. sestgestellt werden, daß die Juden nicht freiwillig Wuchergeschäfte machten, sondern daß sie dazu fast als dem einzigen Mttel zu ihrer Erhaltung gezwungen wurden. Sie waren darauf angewiesen, Geld zu. verleihen, und mußten, da bei der Unsicherheit der weggeliehenen Kapitalien ein rascher und großer Gewinn ihnen die einzige Möglichkeit des Erwerbes bot, Wucherzinsen nehmen, was Übrigens die Christen, wo es ihnen möglich war, gleichfalls taten. So lag die Schuld ihres Verfahrens viel weniger an ihrer Eigenart, an ihrer Lust und ihremWillen als an ihrer systematischen Ausschließung von jeder anderen ehrlichen Tätigkeit. So bleibt, viertens, als der einzige Grunddes Antisemitismus die innere Abneigung der Christen gegen jüdisches Wesen, ihre Entfernung von diesen als einer fremden Rasse und Kaste bestehen. Diese Abneigung hat eine doppelte Quelle. Die eine ist der Wahn, als bestände zwischen Christen und Juden ein Rastenunterschied,, als wären Arier und Semiten Mitglieder zweier besonderer unvereinbarer Menschenarten. Bei den Hochgebildeten ist dieser Wahn geschwunden, bei der Masse bleibt er bestehen. Oft genug ist er bekämpft, oft genug durch üble Erfahrungen, die einzelne Christen durch einzelne Juden gemacht haben, verstärkt, verallgemeinert worden. Wie denn bei den sogenannten Ariern in Frankreich oder Deutschland, Rußland oder England, Amerika und vielleicht auch China sich stets das traurige Schauspiel gezeigt hat, daß man in dem einzelnen betrügerischen Juden nicht den Betrüger, sondern den Juden sah. Und den Haß gegen diesen einzelnen die Gemeinschaft, entgelten ließ, der er entstammte oder zeitlich noch angehörte. : Die andere schlimmere Quelle der Abneigung, die um so schlimmer ist, als sie tief im Wesen der Menschen begründet und daher schwer ausrottbar sein dürste, ist — man darf sich nicht scheuen dies offen auszusprechen — der Neid. Gar manche Juden — gewiß nicht alle,— denn es gibt in Deutsch-- land, nicht bloß im Osten, Armut, schauderhaftes Elend unter den Juden genug, so daß den wenigen Millionären Tausende von Darbenden gegenüberstehen — sind reich geworden, einzelne vielleicht durch Kniffe, andere durch Glück, die meisten durch Fleiß, Geschicklichkeit, Spürsinn, geniale Benutzung der Konjunktur. Solange die Rothschilds allein Europas Geldgeber waren, wagte sich der Haß gegen diese singuläre Erscheinung kaum hervor; diese einzelnen betrachtete man eher mit scheuer Verehrung, mit einem gewissen neidlosen Respekt. Als aber die Großbanken -entstanden, an deren Spitze vielfach Juden zu sehen waren, als hauptsächlich nach dem wunderbaren Aufschwung in Deutschland, der bald nach 1870 einsetzte, Privatbankhäuser kolossale Schätze häuften und die Führer der rasch'entstandenen und zu großer Blüte gelangten industriellen Unternehmungen, kaufmännischer Großbetriebe, der Warenhäuser Millivnäre wurden, da wandelte sich die Bewunderung für die anerkannte eine Großmacht in eine furchtbare Gärung gegen die vielen, die teilweise ihre christlichen Kollegen überflügelt hatten. Und der Neid gebar den Vorwurf, daß die Inden es verständen, das ganze Kapital an sich zu ziehen, die Nation verarmen zu lasten und utiter ihre Botmäßigkeit zu zwingen. Man hätte denken sollen, daß diese unglaublich törichte Anklage, töricht schon deshalb, da eine so verschwindende Minorität, wie sie die Juden in Deutschland darstellen, doch unmöglich die Macht haben kann, die ungeheure Mehrheit zu unterjochen, schwinden mußte, sobald man erkannte, daß die Juden, denen eine mildere Gesetzgebung, eine vernünftigere Praxis auch den Weg zu anderen Berufen ebnete, nun mit wahrhafter Leidenschaft sich vom Kaufmannsstande abwendeten und. das Studium ergriffen. Aber auch hier zeigte sich eine ähnliche Erscheinung wie im Kaufmannsstande. Auch hier hatte man den einzelnen willig geduldet, ihn sogar geehrt und bewundert, die vielen aber betrachtete man als Eindringlinge und sah sie, da man sie nicht entfernen konnte, scheel an, ja, überschüttete sie mit Schmähungen. Solange es nur einen Moses Mendelssohn gegeben hatte, konnte man sich nicht genug tun in Lobpreisungen des jüdischen Sokrates; sobald er auf geistigem Gebiete jeder Art manche Nachfolger oder wenigstens Nachahmer gesunden hatte, wurden die ehemaligen Bewunderer des Vorgängers zu Neidlingen und Feinden seiner Nachstveber. Nun konnten es viele auch gut meinende Christen nicht vertragen, daß sie, wenn auch nicht aus ihren Stellen verdrängt, doch genötigt wurden, mit denen zu kämpfen, die sie sich bisher als Rivalen nicht geträumt hatten; statt sie freundlich aufzunehmen und ernstlich mit ihnen zu wetteifern, suchte man sich ihrer zu erwehren oder Schädlinge in ihnen zu erblicken. Denn wirklich haben die Juden seit einigen Jahrzehnten sich auf geistigem Gebiete mannigfach hervorgetan. Sie haben Einfluß in den Theatern erlangt, als Schauspieler und dramatische Dichter, sie spielen eine Rolle in der Presse, wenn auch die Redensart von der Derjudung in der Presse eine jener törichten und unbegründeten ist, woran unser ganzes öffentliches Leben krankt, sie haben in manchen Zweigen der Wissenschaft: der Medizin, speziell der Physiologie, aber auch der inneren Medizin und der Chirurgie, ferner auf dem Gebiete der Philosophie und der Mathematik Außerordentliches geleistet und Anerkennung gefunden; Beweis dafür ist die Tatsache, daß in allen diesen Fächern einzelnen selbst ihrem Glauben treu gebliebenen Juden die Ordinariate mancher Universitäten zuerkannt worden sind. Sie haben sich als Historiker hervorgetan. Auf dem Gebiete des Altertums, des Mittelalters und der Neuzeit. Bedeutende Literarhistoriker sind aus ihnen hervorgegangen, sie stehen mit in der ersten Reihe der freien Schriftsteller als Lyriker und Romandichter, sie haben in den Naturwissenschaften (Botanik, Physik, Chemie) Außerordentliches geleistet, sie haben als Volksvertreter, als leitende Politiker ihre Kraft geübt und gewaltigen Einfluß gewonnen. Freilich, den Schriftstellern und Dichtern jüdischen Stammes ist kein Schillerpreis, den Politikern kein Ministerposten gewährt worden, die Vertreter der genannten Wissenschaftszweige vermochten nur selten eine ordentliche Professur zu erlangen, aber sie besaßen die Teilnahme des Publikums, die Anerkennung der Mitstrebenden, die Bewunderung der Menge. Es würde zu weit führen, etwa an dieser Stelle einen Gesamtkatalog aller derer aufzuführen, die unter den Großen und Bedeutenden glänzen, aber Berthold Auerbach und Karl Emil Franzos, Eduard Lasker und Ludwig Bamberger mögen, um nur die Bekanntesten herauszugreifen, als Beispiele gelten von der großen Einwirkung, die diese Vertreter des Judentums auf deutsches Wesen und deutsche Geistesart geübt haben. .Und doch haben gerade Auerbach und Franzos schwer unter dem Antisemitismus gelitten, Lasker und Bamberger mußten lebhaft gegen judenfeindliche Angriffe austreten. Statt daß alle diese ausgezeichneten Männer durch ihr ganzes Sein und Wirken die unbegründeten Vorwürfe des Antisemitismus widerlegt oder gänzlich vernichtet hätten, so haben sie, wie man leider bekennen muß, nur den Neid und die Bosheit der anderen vermehrt, die verletzte Eitelkeit zu schmählichsten Zornausbrüchen entfesselt. ' So läßt es sich nicht leugnen: der Antisemitismus besteht weiter. Er besteht in unserer Verwaltung, in unserer Jugend, bei unseren Gebildeten, um wieviel mehr in den niederen Klassen. Dieser Zustand erfüllt uns mit schwerer, peinigender Sorge. Er ist, wie man fürchten muß, durch den Krieg eher

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