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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-01-11 · Heft 2 (11.1.1918) · p. Seite 14

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 2 (11.1.1918)
Date
1918-01-11
Page
Seite 14 (sequence 2)
Language
German
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artigen Fälle sind als unbegründet und lügenhaft in das Reich der Fabel vermiesen worden; wer aber will sagen, wann wieder Böswilligkeit und Unkenntnis die - altehundertmal, widerlegte Anklage neu erstehen läßt? , Wenn also der Antisemitismus weder in unserem Glauben noch in unseren Gebeten, noch in unseren Handlungen begründet ist, hat er etwa irgendwelche Berechtigung in unseren. Gebräuchen? . Die judenfeindliche Literatur Vergangener Jahrhunderte bejaht diese Frage. Die Kämpfer gegen Gleichstellung und Gleichberechtigung der Juden in vergangenen Epochen, besonders in dem sogenannten aufgeklärten 18. Jahrhundert, waren vielleicht geneigt, .Glauben, Gebete und Handlungen der Juden als nicht hinderlich für eine Besserstellung dieser Gemeinschaft zu bezeichnen, sahen aber in ihren Gebräuchen ein unübersteigliches Hindernis. Dies fanden sie einerseits im Sabbat und in den vielen Festtagen und in der besonderen Kost, die die Juden damals wohl ausnahmslos für sich beanspruchten. Diese hinderten, wie sie meinten, die Juden an jedem geselligen Verkehr mit Andersgläubigen, jene machten, wie sie Vorgaben, die Beteiligung der Juden am Staatsdienst unmöglich und erschwerten oder verhinderten ihren Eintritt in den Militärdienst. Wir wissen heute, daß diese Vorwürfe unberechtigt sind. Denn wenn man selbst diejenigen, die noch fest an den alten Gebräuchen halten, ausschließlich betrachtet — und es liegt uns gänzlich fern, ihnen das Recht zur Ausübung ihrer Pietätspflicht zu bestreiten —, so haben sie gezeigt, daß eine wirklich harmonische Geselligkeit nicht ausschließlich im gemeinsamen Essen besteht. Und sie haben in dem unendlich wichtigeren Punkte der Ausübung ihrer staatsbürgerlichen Pflichten immer in erster Linie ihre Pflicht und nicht die Heilighaltung ihrer Religionsübung sprechen lassen. Im Frieden haben wohl manche jüdische Kinder am Sabbat in der Schule nicht geschrieben, einzelne haben auch auf Wunsch ihrer Eltern die Schule versäumt, ohne allzu große Schädigung ihrer Gesamtbildung. Man bemüht sich jetzt mit Erfolg, den Sabbatgottesdienst für Kinder auf die frühen Morgenstunden zu verlegen und so jeden Anlaß wegzuräumen, der die Kinder am Besuche der Schule an diesem Tage zu hindern geeignet sei. In ruhigen Zeiten haben ferner jüdische Richter und Anwälte, Universitätsdozenten und Schullehrer, staatlich angestellte Aerzte und die verhältnismäßig wenigen im Staatsdienste beschäftigten jüdischen Beamten ihre Pflicht selbst unter den größten Erschwerungen! voll und ganz getan. Während des Krieges haben alle Juden, die im Heere standen oder irgendwelche militärische Dienste taten, der staatlich eingeführten Ordnung sich willig und ausnahmslos gefügt. Sie haben, wie es ihr Recht war, ein Recht, das von den Militärbehörden in ausreichender Weise anerkannt würde, Achtung vor ihren Feiertagen, gewünscht und gern di>e Gelegenheit ergriffen, Gottesdiensten beizuwohnen, wo solche eingerichtet werden konnten. Aber niemals haben sie sich eines Feiertags wegen geweigert, die Waffen zu führen und ihre Pflichten als Vaterlandsverteidiger auszuüben. Am wenigsten hat das Verlangen nach ritueller Kost zu irgendwelchen Unzuträglichkeiten geführt oder das kameradschaftliche Verhältnis mit Andersgläubigen gestört. Wenn also Antisemitismus noch im Heere besteht, so liegt es sicher nicht an den Gebräuchen der Juden. Wir möchten hoffen und wünschen, daß er sich vermindert oder gänzlich aufgehört hat und daß die Worte sich bewähren, die Franz Oppenheimer in einem Aufsatz „Antisemitismus" („Neue Jüdische Monatshefte" 10. Oktober 1917) anführt: Ein Wort des österreichischen Ministers Stürgkh und ein anderes eines Generalstabsoffiziers. Jenes lautet: „Unsere Juden haben sich in der Frönt und hinter der Front so trefflich * gehalten, daß der österreichische Staat entschlossen ist, ihren Wünschen so weit wie möglich entgegenzukommen." Dieses aber heißt: „Zwei Vorurteile haben wir abgelegt: Ppn der, MinderwertigkeitderReserveossiziere und den militärischen .--.-brauHbaiMtheG-Juden/.-. ....... -. ,v. : Fällt also auch dieser in den Gebräuchen derJudenliegeude':. v Grund desMntisEitisrüus/fort, si> rMflen nur siagenx Worin: f liegter denn eigentlich? . . - - V. ->• . Die Antwort lautet: Gr liegt * 1. in der Anklage, daß die Juden Christum gekreuzigt; 2. in der Anschuldigüng der Juden wegen ihrer Christenfeindschaft; ' ' 3. in dem Vorwurf, der gegen die Juden erhoben wird wegen -;/ ihres Wuchers und ihrer unredlichen Geschäftsgebahrung; -1. in dem Neid. '■ \ Was das erste betrifft, so hat Ludwig Philippfon, der Begründer dieser Zeitschrift, der jahrzehntelang ihr. Leiter und Hauptmitarheiter war, gezeigt, daß die Juden keine Schuld an dem Tode des Begründers des Christentums tragen, Das Resultat seiner scharfsinnig nach/den Quellen geführten Unter- . suchung ist jetzt wohl allgemein angenommen. Man wird sagen t müssen: wenn auch manche jüdische Fanatiker am Anfang der sogenannten christlichen Aera die Bestrafung Jesu als eines j Revolutionärs gern sahen, vielleicht sogar wünschten, nicht sie,, sondern die Römer waren die alleinigen Urheber seiner Kreuzigung. Auch der zweite Vorwurf läßt sich in keiner Weise erhärten. Die Juden der ersten Jahrhunderte in der' Diaspora kannten keine Abneigung gegen die Christen und konnten sie nicht kennen, schon aus dem einfachen Grunde, weil sie gar nicht mit ihnen zusammenlebten, noch mehr aus dem, weil sie mit den Christen verwechselt, zusammengeworfen wurden und seitens ihrer zu- - nächst heidnischen Wirtsvölker unter denselben Anklagen und Beschuldigungen litten wie jene. Als das Christentum im ferneren Verlause des Mittelalters Weltmacht wurde und seinerseits gegen die Anhänger der Mutterreligion einige der Vorwürfe erhob, die oben gekennzeichnet wurden, als die Christen durch Ueberredung oder mit Gewalt die Juden zur . Annahme rhres Glaubens zu veranlassen oder zu zwingen suchten, als, nachdem sie die Erfolglosigkeit chres Strebens eingesehen oder den Weg der Milde als zu mühsam und zu schwer zum glücklichen Ausgang führend erkannt hatten, mit Gewalt vorgingen, die Renitenten verfolgten, sie mit Grausamkeit behandelten, ihr Vermögen einzogen, die Ketzer aus Scheiterhaufen brachten und blutige Vertreibungen ins Werk setzten, war es kein Wunder, daß sich unter den Nachkommen der Opfer oder unter denen, die von den schlimmen Bedrückungen vernommen hatten, eine Summe von Hatz und Abneigung seftsetzte. Aber eine wirkliche Christenfeindschaft hat unter Juden nie bestanden und jeder etwa vorhandene Rest von Vergeltungsgedanken und Rachegelüsten schwand, sobald eine mildere Behandlung Platz griff, sobald die Möglichkeit eines Verkehrs, eines friedlichen Zusammenlebens gewährt wurde. Drittens: Während der langen Jahrhunderte vom 13. bis zum Ende des 18. waren dieJuden mit einigenAusnahmen von der Beteiligung am Handwerk, der Landwirtschaft, von dem Besuche höherer Lehranstalten ausgeschlosien und dadurch jedweder Aussicht beraubt, in den sogenannten höheren Beruien ihre Kräfte zu üben — nur als. Aerzte war ihnen eine Be-, tätigung möglich. Dadurch wurden sie ausschließlich zum Handel gedrängt. - Aber auch in diesem wurden sieeingepfercht: in enge Gassen,' losgelöst vom Weltverkehr und von. der Beziehung zu Andersgläubigen, ausgeschlossen von Gilden und den Vereinigungen der Kausleute dazu . verurteilt,Trödler zu . werden und schließlich fast dazu gedrängt, Geldgeschäfte zu. machen. Gewiß haben sich dadurch schlimme Zustände er- . zeugt. Aber zur Entschuldigung der Juden und zur schweren

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