Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1917)
- Date
- 1917-06-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 15. Juni 1917 81. Jahrgang Nr. 24 Allgemeine eilung desAudenlums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wSchentUch. A bonnements«pre1s; durch den Buchhandel »der die Po- (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32*. vegründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin» Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. 3ubeit in Amerika. Von Margarete Marafse. — Die Woche. — Zionistisches. Von L. G. — Jüdische Musiker in der Schweriner Hofkapelle (1773 bis 1912). Von Landesrabbiner Dr. Silb erste in. — Alte jüdische Friedhöfe. Von G. Vien eck. — Feuilleton: — Die jüdische Gasse. Von Albert Katz. — Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Goldschmidt. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Kattowitz» Beuchen O.-S., Breslau, Posen, Schrimm, Hamburg, Halle a.S., Frankfurt a.M., Ten Haag, Aus Rußland. — Von Nah und Fern. Die Juden m pmenirs. Bon Margarete Bl a r a s s e. eindseligkeiten gegen die Juden kennt man in Italien seit Jahrhunderten nicht, und die heutige Presse, so gewissenlos sie das Land auch in sein Unglück gehetzt, läßt doch dem Volke Israel auf dem ganzen Erdball Gerechtigkeit widerfahren. Felice Ferrero, der bekannte Journalist und Berichterstatter des „Corriere della Sera" in New Jork, sendet seinem Blatt unter dem Titel: „La parte degli ebrei" — die Rolle der Juden — eine Schilderung jüdischer Verhältnisse in Amerika, die der Wiedergabe wert erscheint. Ohne religiöse Betrachtungen, klar und nüchtern versucht er den Stiminungsgehalt der jüdischen Bevölkerung mitten im Wirbel des Krieges in Worte zu fassen. Daß sein Gedankengang, sobald er persönliche Bemerkungen einschaltet, den Gegnern Deutschlands Gefolgschaft leistet, ist selbstredend, doch bleibt seinen Behauptungen der Vorzug unmittelbarer und keineswegs gehässiger Beobachtungen. In allen Kriegsstaaten, so stellt er fest, hat der Jude genau dasselbe getan wie jeder andere Bürger, — er hat ganz einfach seine Wicht erfüllt. In Italien ist nran so wenig daran gewöhnt, die Juden als besondere Sektion der Bevölkerung anzusehen, daß die Idee, sie könnten eine.Sonderstellung einnehmen wollen, jedermann absurd erschienen wäre. Aber selbst in Ländern mit stark ausgeprägtem Antisemitismus — Rußland, die Balkanstaaten usw. — sind die Juden opferfreudig und todesmutig zu den Waffen geeilt, als es galt, die Würde des Vaterlandes zu wahren. Die Juden Amerikas indessen haben es für förderlich gehalten, bei der universellen Krisis eine eigene, scharf abgegrenzte Gesellschaft zu bilden, deren offensichtliche Differenzierung in zwei Zielpunkten gipfelte: in der Sammlung von Hilfskapitalien für die durch die Kriegsfurie schwer geschädigten Glaubensgenossen, und zwar . ausschließlich für diese, und in germanophilen Tendenzen, die unvevhüllt zutage traten. Nicht lückenlos war das deutschfreundliche Zusammengehen. Gab es hier Ausnahmen, welche die Regel bestätigten, so fehlten solche absolut bei dem streng sektiererischen Werk der Philanthropie. Die pflichtgemäße Liberalität des Volkes Israel, dessen Ethik jeden Begüterten zum Anwalt des bedrängten Bruders macht, erstaunt den Verfasser nicht im geringsten: „Von dem Geist der Solidarität, den sich andere Völker zum Beispiel nehmen könnten, war nicht weniger zu erwarten als das, was eingetreten. Die jüdische Unterstützungsaktion ist bisher die größte von sämtlichen amerikanischen Hilsshandlungen gewesen, aller Wahrscheinlichkeit nach auch die systematischste und wirksamste. Es gibt einen Rabbiner in New Purk. dessen Beredsamkeit so überzeugend ist — und die Ueberzeugung, die sie erweckt, ist so ansteckend—, daß er seine Zuhörer in einer großen kürzlich in einem Theater abgehaltenen Versammlung nicht bloß bis zu Tränen rührte, sondern sie auch veranlaßte, ihre mit Dollars gefüllten Taschen in die Hilfskassen zu entleeren. — „An jenem Abend" so heißt es, „sammelte der Rabbiner 3 Millionen Dollar in barem Gelde, Schecks und Wechseln." Ebenso betätigte sich ein einflußreicher jüdischer Bankier New Ports, eine der Säulen dieses amerikanischen Finanzzentrums, als eifriger Förderer aufstrebenden Germanentums. Freilich verzeichnet auch die gegnerische Partei einen Bankier und einen Großräbbiner, Universitätsprofessor der orientalischen Sprachen, als Begünstiger der Ententepolitik. Aber dies sind weiße Raben, die für ihre Glaubensgenossen in fremden Zungen reden. Die Art der jüdischen Wohltätigkeit bedarf auch nach der Meinilng des Verfassers nicht der Rechtfertigung. Lindert der Obolus des Gebenden die Leiden des Krieges, so verkörpert er Menschenliebe und verdient ein ermutigendes Wort. Im Sinne des weltwirtschaftlichen Wohles wäre hier eine Bevormundung übel angebracht. Während also Ferrero im Gebiet der Barmherzigkeit jüdische Handlungsweise logisch und lobenswert findet, bereitet ihm die germanophile Richtung, deren Begründung er im Geist der Toleranz Politischer und akademischer Kreise Deutschlands vergeblich sucht, heftiges Kopfzerbrechen. Seine Reflektioneu kondensieren sich zu folgender Darstellung: Amerika beherbergt unendlich viel Juden, ungefähr den dritten Teil der Israeliten ans der gesamten Erde. Die wahrhaft zionistische Bewegung drängt nach New Pork. Wenn jemand in den armen Händlern den Wunsch wachriefe, ihre finsteren Läden in den Altstadtgassen auszugeben, um den Sonnenfegen im Sand der Wüste zu genießen, so müßte er wahrlich ein heiliger Mann, ein zweiter Moses sein. Vorläufig erscheint ihnen New Park - es gibt hier allein über eine Million Juden — als das gelobte Land, von dem sie sich in Treue nicht zu trennen vermögen. Die Provenienz der amerikanischen Juden stammt hauptsächlich aus zwei europäischen Ländern: der eine Strom kam aus Rußland und Polen, der andere, der kleinere aber gehaltvollere, aus Deutschland und Oesterreich-Ungarn. Die russisch-polnischen