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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-08-25 · Heft 34 (25.8.1916) · p. Seite 401

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 34 (25.8.1916)
Date
1916-08-25
Page
Seite 401 (sequence 5)
Language
German
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40i Umjznnhnien berührte, welche „Tausenden friedlicher und Arbeitsamer drohen, die zu den besten Bevölkerunuselementeli in England gehören". Der Minister des Inneren, Samuel, hatte die Rücksendung Sarnos nach Rußland verfügt. Sanw wendete ein, daß er Politischer Flüchtling sei und daß -er Strafe erleiden würde, wenn er nach Rußland zurückkehren wi'rrde. Er beantragte deshalb, daß er, wenn er England verlassen müßte, doch wenigstens selbst das Land wählen dürfte, nach welchem er sich von hier aus begeben würde. Die Kernsrage sei also hier — so führt das englische Blatt weiter aus —, nicht etwa, ob die englische Regierung ein Ausweisungsrecht habe, sondern ob sie bestimmen könne, nach welchem Land die Ausweisung stattfinden solle. Der Minister des Innern, Samuel, hatte nun Sarno vor die Wahl gestellt, in das britische Heer einzutreten oder — nach Rußland zurückgeisandt zu werden. Es handelte sich also in dem Prozesse vor „Kings Bench" um ein Präjudiz von größter Wichtigkeit. Ein Beamter des Ministeriums des Innern behauptete, daß Sarno eine ausländische Diebesbande unterstützt habe und deshalb ausgewiesen werden könne. Dagegen wurde aber mit Recht geltend gemacht, daß, falls dies wahr sei, die Regierung den Ausweisuugsbeschluß doch auf diese Tatsache hätte stützen müssen. Trotz allem gab der Gerichtshof seinen Spruch dahin ab, daß die Regierung das Recht habe, Sarno nach Rußland auszuweisen. Der Lordoberrichter betonte aber, daß Sarno r".cht als „politischer Flüchtling" anzusehen sei, und ein Mitglied des Gericht hob hervor, daß das Gericht die Krone nicht bei einem Mißbrauch ihrer Gewalt schützen dürfe. „Manchester Guardian" bemerkt, daß die Zukunft zeigen werde, ob von dem Asytrecht und von der englischen Freiheitstradition etwas bewahrt werden solle; vorläufig bestehe nicht viel Hoffnung, vielmehr habe der Minister des Innern und sein Advokat alles bekommen, was sie sich haben wünschen können! Im neutralen Norden macht das Auftreten der englischen Regierung gegen das Asylrecht einen äußerst schlechten Eindruck. Beispielsweise schreibt die angesehene „Goeteborgs Handelstidning", daß es beängstigend sei, davon Zeuge sein zu müssen, daß die englische Regierung vor dem Gerichtshof das Asyl- und Freizügigkeitsrecht verleugne und für sich sogar das Recht in Anspruch nehme, russische politische Flüchtlinge nach deren Heimat zurückzusenden, wo sie harte Strafen erwarten. Die Aushebung eines alten, als heilig angesehenen Rechts werde wahrlich auch dadurch nicht besser, daß den Fremdlingen der „Ausweg" offen gehalten werde, — in das britische Heer e i n z u t r e t e n! . . . Die swri „Milchen" Aomllen des Mrrsrrio. Non Gabriel E n g e l s m n n n. V^Venn man den Namen Boccaccios in Verbindung mit dem Judentum nennt, so geschieht dies fast immer mit : Bezug auf die berühmte Erzählung in seinem Decamerone „Die drei Ringe", welche bekanntlich Lessing das Substrat zu seiner Parabel in „Nathan der Weise" bot. Ja mehr als das, das Märchen bedeutet in dem Werke Lessings nicht bloß eine mehr oder minder wichtige Episode, es ist vielmehr der Boden, aus welchem das ganze herrliche Schauspiel erwuchs. Das hat schon Herder ausgesprochen, der einmal bemerkt: „Um ein Märchen von drei Ringen schlingt sich das dramatische Märchen, ein reicher Kranz von Lehren der schönsten Art, der Menschen-, Religions- und VölkerduHung. Im Kampfe aller Parteien und Religionen, in ausgewählten, durch das Schicksal zusammengesetzten 'Situationen wird dieser Kranz von den verschiedensten Händen geflochten! alle rufen uns zuletzt das höchste Wort des reinsten Schicksals zu: „Ihr Völker, duldet euch! Ihr Menschen verschiedener Sitten, Meinungen und Charaktere, helft euch, vertragt euch, seid Menschen!" Das Märchen von den drei Ringen ist älter als der italienische Dichter, der den Stoff zu den meisten — ja fast allen — seiner Erzählungen dort nahm, wo er ihn fand, und ebensoviel aus poetischen und historischen Werken wie aus den Quellen mündlicher Tradition schöpfte; häufig sind es auch wirkliche Fakta/ die, durch des Dichters Phantasie ergänzt, verändert und umgestaltet, den Inhalt einer Novelle bilden. Auch bei Boccaccio, wie bei seinen Vorgängern, wird die Erzählung von den drei Ringen, diesem Hohenlied der Menschenliebe und Toleranz, einem Juden in den Mund gelegt, wodurch, gewollt oder ungewollt, dem Geiste des Judentums eine'Huldigung üargebracht wird. Das ist um so bemerkenswerter, als in dem Roman B u s o n e s — der direkten Quelle Boccaccios —, in welchem diese Fabel erzählt wird, wie in der hundert Jahre älteren Novellensammlung „Cento Novelle anticlie“, die sie auch schon kennt, sowie auch bei Boccaccio selbst, die das Judentum ehrende Erzählung nicht hindert, daß dem Juden, der sie Vorträgt, nebenbei häßliche Züge ausgeprägt werden. Man darf daraus schließen — worauf auch die dem Geiste der jüdischen Religion entsprechende Tendenz deutet —, daß der Geschichte Von den Ringen ein historisches Faktum zugrunde liegt, welches zunächst wohl auch Von Inden Verbreitet und Verwertet wurde. Es kann heute als ausgemacht betrachtet werden, daß die älteste Relation des Märchens in dem jüdischen Geschichtswerke „Schewet Jehuda" des Jbn Berga zu finden sei, in welchem die Diskussion zwischen Fürst und Juden als ein historisches Faktum behandelt wird, als dessen Schauplatz Spanien — zur Zeit des gegen Ende des elften Jahrhundert regierenden Dom Pedro dem Alten — bezeichnet wird. Im „Schewet Jehuda" wird der Jude, der nach dreitägiger Bedenkzeit die Verfängliche, mit tückischen Gefahren drohende Frage des Fürsten so scharfsinnig wie hochherzig beantwortet, ausdrücklich als „Ephraim der Weise" genannt. Ist es (was bisher unbeachtet blieb) nicht mehr als ein Zufall, daß Lessing sein dramatisches Meisterwerk: „Nathan der Weise" nannte, was an „Ephraim der Weise" erinnert? Man weiß, daß Lessing — in einem Briefe an seinen Bruder — die Quelle für die Fabel von den „Drei Ringen", die er selbst als den Kern seines Schauspiels erachtete, angibt. Es heißt dort: „Ich möchte zwar nicht, daß der e i g e n t l i ch e I n h a l t meines angekündigten Stückes allzufrüh bekannt würde; aber doch, wenn Ihr, Du und Moses, ihn wissen wollt, so schlagt das Decamerone des Boccaccio auf, Giornata I, Nov. III: Melchisedeeh Giudeo." Aber ebenso naheliegend ist doch auch die Vermutung, daß Lessing von seinem Freunde Moses, dem profunden Kenner der jüdischen Literatur, nachträglich auf die ursprüngliche Relation der Fabel, wie sie im „Schewet Jehuda" zu lesen ist, aufmerksam gemacht wurde. Moses Mendelssohn war die Jdealgestalt, die Lessing bei der Schöpfung des „Nathan" vorschwebte, aber es dürste dem Dichter, als er seinem Werke den Namen gab, wohl auch die Erinnerung an „Ephraim den Weisen" vor Augen getreten sein, dessen Fabel das kostbarste Juwel der an poetischen Schätzen so reichen Dichtung bildet. Es sind bisher, trotzdem die Fabel von den „Drei Ringen" durch die Erzählung des italienischen Dichters einen nicht zu unterschätzenden Einfluß auf die Behandlung der Toleranzsrage geübt hat, nicht viele Versuche unternommen worden, auch . andere Beziehungen Boccaccios zum Judentum zu eruieren. Man hat nicht viel danach gefragt, welche Stellung Boccaccio überhaupt dem Judentum und der jüdischen Religion gegenüber eingenommen. Man weiß kaum von persönlichen Verhältnissen, in denen etwa der Dichter zu jüdischen Zeitgenossen stand — man vergleiche damit die sorgfältigen Untersuchungen über die Beziehungen zwischen Dante und seinem Zeitgenossen, dem jüdischen Dichter Manoelo —, und man hat sich auch wenig damit beschäftigt, aus den Schriften Boccaccios oder aus der Charakteristik der Juden, die er in seinen Novellen vorsührt, Schlüsse zu ziehen. Man kann gewiß nicht behaupten, daß der Jude Melchisedech, den Boccaccio dem Sultan Saladin die Fabel von den drei Ringen vortragen läßt, von dem Dichteräußer der Klugheit mit noch anderen sympathischen Eigeni

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