Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1916)
- Date
- 1916-06-09
- Page
- Seite 276 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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276 wird, denn man weiß, mit welcher Sorgfalt Freimann bemüht ist, Zunz' Werke neu zu edieren und mit den gegenwärtigen Forderungen der Wissenschaft in Einklang zu bringen. Sie führt den Titel „Abschreiber, Punktatoren, Korrektoren, Autographen". Beide Abhandlungen sind sür den Forscher unentbehrlich. Die ganze Zeitschrift, deren Ausstattung allerdings nicht prächtig zu nennen ist, wie man es bei dem außerordentlich hohen Preis fordern könnte, macht innerlich einen ungemein gediegenen Eindruck. L. G. * — Mitteilungen der jüdischen Volkskunde. Herausgegeben von Tr. M. Grunwald, Rabbiner der israelitischen Kultusgemeinde in Wien. 18. Jahrgang, 3.—4. Heft. Wien 1915. Die oft an dieser Stelle gerühmte Zeitschrift bringt in dem vorliegenden Heft mit Ausnahme eines zweiseitigen Beitrags von H. Loewe nur Arbeiten des Herausgebers, und zwar „Aeltere jüdische Frauengebete", „Beiträge zu den Memoiren der Glückel von Hameln", „Kulturgeschichtliches". In dem Aufsatz über Glückel von Hameln ist besonders wichtig die Mitteilung von Grabschristen von Mitgliedern der Familie Goldschmidt (Hameln) auf dem jüdischen Friedhose in Hameln. Aus dem Kulturgeschichtlichen sei die aus dem Wiener jüdischen Museum in Wien stammende Urkunde hervorgehoben, in der Moses Mendelssohn und Salomo Salmann als Friedensstifter in einer Streitsache des Hofwechslers Beitel Ephraim erscheinen. Die Urkunde rührt aus dem Jahre 1749 her und stellt als glückliche Lösung einer Familienstreitigkeit eine Heirat in Aussicht. Tie mitgeteilten jüdischen Gebete sind einer im Besitze des Herausgebers befindlichen Handschrift entnommen; die Handschrift rührt wohl aus der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts her. Tie Gebete sind in Form und Inhalt sür die Zeit, der sie entsprungen sind, ungemein charakteristisch. Es ist sehr freudig zu begrüßen, daß diese Zeitschrift, die sich mit den gegenwärtigen Wirren gar nicht beschäftigt, auch keinerlei Kriegslieder und derartiges bringt, mitten im Kriege weitererscheint, und es ist nur zu wünschen, daß das Unternehmen sich auch weiter günstig entwickle. L. G. * — Kriegsgesa n g e n , Märzheft der „Süddeutschen Monats- « hefte" 1916. Tie „Süddeutschen Monatshefte", die in neuester Zeit der Aktualität besonders dienen, uitt> die in verschiedenen Heften, auf die ich die Aufmerksamkeit der Leser zu richten suchte, jüdische Dinge zum Gegenstände der Behandlung nahmen, haben das Mürzheft des Jahrgangs 1916 „Kriegsgefangen" betitelt. Das Heft vereinigt außer einigen allgemeinen, nicht hierher gehörigen Aufsätzen Schilderungen Deutscher, die in russische Gefangenschaft geraten waren, ferner Briefe russischer Gefangener, die, so sehr sie auch das Interesse unserer gebildeten Leser fesseln dürften, der eigentlichen Sphäre unseres Blattes sernstehen. Denn die Verfasser der meisten Aufsätze sind Christen, und sie haben, wenn ich recht gesehen habe, auch zumeist von allgemeinen, jedenfalls nicht jüdischen Zuständen zu berichten. Jüdisch klingt zwar der Name Bruno Lachmann, aber dieser Metallarbeiter ist wohl kaum jüdischen Ursprungs. Dagegen ergreift auch ein Jude das Wort: Wladimir Modem. Ueber ihn meldet die Zeitschrift folgendes (S. 869): „Wladimir Medem (geb. 1879 zu Minsk) wurde im Jahre 1901, als er an der Universität Kiew Medizin studierte, wegen „sozialistischer Umtriebe" verhaftet. Im nächsten Jahre gelang es ihm, auf eine geradezu phantastische Weise ins Ausland zu fliehen. Er lebte viele Jahre in der Schweiz als einer der Hauphführer der stärksten und ältesten jüdisch-sozialistischen Partei, des „Bundes". Später zog er nach Wien, wo er eine liberale Petersburger Tageszeitung vertrat. Als ihm die Redaktion dieser Zeitung vorschlug, nach Petersburg zu ziehen, um einen Posten bei der Redaktion selbst zu übernehmen, ließ Modem durch seine Verwandten beim Polizeidepartement Erkundigungen einziehen, ob er nach Rußland zurückkehren dürfe. Da ihm ausdrücklich versichert wurde, daß seine „Verbrechen" verjährt seien, reiste Medem im Jahre 1913 nach Rußland. An der Grenze wurde er verhaftet, und hier beginnt seine Leidensgeschichte, die er in den folgenden Briefen schildert." . Ter Genannte war zum Verlust sämtlicher Rechte und vier Jahren Katorga (verschärftes Zuchthaus mit Zwangsarbeit) verurteilt woZden. Die Schilderungen seiner Reise, die er und seine Genossen mit Ketten an bcn Füßen in fürchterlicher Enge, von Hunger und Durst gequält, nach Orjol machen mußten, sind entsetzlich. Auch die Reise nach Warschau ist voll von Qualen, hervorgerufen durch Ungeziefer, Hunger, roheste Behandlung, in Gesellschaft von Dieben und Mördern. Glücklicherweise wurde der Erzähler nicht fortgeschleppt, sondern nach dem Einzug der Deutschen befreit. Es ist eine peinigende, ungeheuer er- ■- greifende Schilderung, in der zwar nichts eigentlich Jüdisches vor- > kommt, die aber, eben weil sie von einem Juden herrührt, hier erwähnt werden mag, da sie außerordentlich fesselt, rührt und bewegt. — Das V i n c en z - L i ed. Nach dem von Rektor I. I. Schudt in seinen „Jüdischen Merkwürdigkeiten" (Frankfurt und Leipzig 1714) ausgezeichneten „Vintz Hanss-Lied" metrisch ins Hochdeutsche übertragen von I. B. L e v y. Mit zwei Bildern und einer Notenbeilage. Berlin 1916. Es ist ein eigenartiges Jubiläum, das durch diese Publikation gefeiert werden soll. 1614 war durch Vincenz Fettmilch ein großer Aufstand in Frankfurt a. M. gegen die Juden erregt worden. Ein Jahr später wurde Fettmilch nebst anderen Spießgesellen nach langer Untersuchung enthauptet und dadurch die Juden von einem gefährlichen Gegner befreit. Diese Befreiung wurde von den Juden 100 Jahre später durch ein großes Lied gefeiert. Der Dichter dieses Liedes wird von Schlkdt „Elchonon bar Awrohom helenus sel. Ged." genannt. Das Gedicht hat nicht weniger als 103 Strophen. Es ist gewiß kulturhistorisch interessant, ein solches Dokument herauszugeben. Nur wäre es nützlicher gewesen, es im Original zu edieren als in einer neuhochdeutschen Uebersetzung. Ich will diese neuhochdeutsche Uebersetzung nicht eben tadeln, aber sie verliert ungemein gegenüber dem Original. IItu den Lesern dies klar zu machen, setze ich die Einleitungsstrophe im Original und die erste Strophe des Gedichtes hierher. Sie lautet: Eiu schön Lied, hübsch und bescheidlich Für Weiber und Metdlich, Zu erkennen Gottes Krasft und Macht, Wie der Schomer JisroeU) Hot bei uns gewacht. Darum thut Haschem Jisborech') loben, Der uns hat geniedert und wieder derhoben. Megillas^) Binz soll man den Schir*) heißen überall. Ist so viel Megillas Antioches^) an der Zahl Hab' ich ein Niggun") drauf getracht, Als wie von Pavia ist die Schlacht. So fagt Elchonon, ein Sohn Avrohom Säl. Ich will euch preisen Gottes Macht, Seine Wunder und großen Zeichen, Euch zeigen, wie er utts bewacht — Wer könnt' sich mit ihm vergleichen? - - In jedem Ort, in jedem Land Will ich von ihm erzählen. Will seinen Namen tun bekannt; Ich werd' euch nichts verhehlen. Zttr Erklärung der vorletzten Zeile der Einleitungsstrophe sei bemerkt, daß das sogenannte Pavier-Lied aus dem Jahre 1525 mit dem Anfang „Was wölln wir aber heben an" eines der verbreitetsten im 16. Jahrhundert war, dessen Melodie vielen anderen Liedern unrerlegt wurde. L. G. Mchereinlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Unser Seelenleben im Kriege. Psychologische Betrachtungen eines Nervenarztes. Bon Dr. Wilhelm Stekel (Wien). Berlin W 57, Verlag von Otto Salle. 1916. Der neue Merkur, Monatsschrift für geistiges Leben, 2. Jahrgang. März 1916. Georg Müller Verlag, München—Berlin. The American Jewish Committee. Nintli Animal Report. 356 Second Avenue, New York, 1916. Das Problem der Erkenntnis in der Religionsphilosophie Jehuda Halevis. Bon Emil Berger. Schriften der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, Band IV, Heft 3 bis 4. Berlin, Mayer & Müller, 1916. *) Hüter Israels. 2) Den Hoch^epriesenen. 3) Buch (entsprechend dem Buche Esther). 4) Lied. 5) Die Namen dieser zwei Judenfeinde, Binz und Antiochus, haben, jüdisch-deutsch geschrieben, den gleichen Zahlenwert (156). «) Melodie.