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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-01-28 · Heft 4 (28.1.1916) · p. Seite 46

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 4 (28.1.1916)
Date
1916-01-28
Page
Seite 46 (sequence 10)
Language
German
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46 Wenn er älter wird, etwa fünfzehn bis sechzehn Jahre, taucht das Werb vor ihm auf wie ein nebelhafter Spuk, ein neues unbekanntes Etwas tritt in den Kreis seiner Vorstellungen. Das ist die Zeit des Kampfes, die Zeit der großen Unklarheit, mit dem Teufel in der Brust, die Zeit der Pubertät. Er wird lässig im Studium, wortkarg und unlustig, kann nicht hin und nicht her; fein Ehrgeiz erschlafft, er wird träumerisch und lernfau'l. Hat er sich nun einen „Namen" gemacht, trifft es sich wohl, daß ein reicher Guts-Pächter, der ins Städtchen gekommen ist, um sich unter den Jeschiwa-hbochern einen Schwiegersohn auszumustern, ihn auserkürt. Es folgt eine rasche Heirat, und der Bocher ist „versorgt". Seine Braut hat er zwar nie zuvor gesehen, doch ist er oft nicht älter — manchmal sogar jünger - als sie. Oder das Glück bleibt ihm fern; er nähert sich dem zweiten Dezennium, wird ein „alter Bocher", mißachtet und getreten. Die Freitische werden immer spärlicher und die Behandlung unfreundlicher. ' Das R eligiös-Achstische hat seinen Reiz verloren; er ist ernüchtert, und sein Blick reicht weiter. Das nachwachsende Geschlecht der Bochurim — die Jungen, Hoffnungsfrohen — spötteln seiner im stillen. Er meidet sie und sie meiden ihn; er wird scheu und verschlossen, wie ein gehetztes Tier, das ohne Stätte ist. Eines Tages flieht er. Und taucht irgendwo in einem Städtchen auf, wo er sich als Be'lfer fortbringt. Nach Jahren stirbt der Melamed, und er folgt an dessen Stelle, nimmt ein Weib, zeugt Kinder und vergißt die großen Träume . . . Es mag Vorkommen, daß der Ruf eines Bochers über den Umkreis seines Städtchens dringt. Seine Gelehrsamkeit und Frömmigkeit wird gepriesen, sein blitzende Dialektik bewundert. Und eines Tages erscheint eine Gesandtschaft Ehafsidim aus einem Nachbarstädtchen. Sie neigen sich ehrfürchtig vor ihm und nennen ihn: Rabbi! Das mag alle dreißig Jahre einmal Vorkommen, aber der verklärende Glanz des Erfolges umwittert den alten Lehrsaal wie ein Triumph der Thora, und die kommenden Bochergenerationen laben sich daran . . . Wer aber vermag zu sagen, wieviel Tragödien sich hier abspielen . Tragödien des himmelstürmenden Geistes. Seit Moses Mendelssohn bis in die neueste Zeit -- immer wieder kommen sie ans Licht - Befreite, die alles, alles hinter sich geworfen haben, um dem Weltgeist zu dienen . . . Heute gibt es verhältnismäßig nur noch wenige Gemeinden, in denen Ieschiwahs existieren, und zwar vornehmlich in Lstgalizien und Russisch-Polen. Auch sie gehen ein mit der Zeit. Auf ihren Trümmern aber blüht die Blume des erneuten Judentunls . . . Jutta. Skizze von Gertrud S t e i n. ie Shuagogc in L. ist ein schmuckes Gebäude. In halb maurischem, halb romanischem Stile erbaut, liegt sie inmitten blühender Anlagen traulich und freundlich da. Die Stufen, die zu ihr hinaufführen, blenden förmlich durch ihre Sauberkeit, ebenso die Platten, mit denen die kurze Strecke bis zum Außeneingang belegt ist. Das Ganze macht den Eindruck der peinlichsten Reinlichkeit und das ist der größte Stolz Juttas. Jutta ist Gemeindedienerin seit mehr als 35 Jahren; sie ist ein kleines verwachsenes Mütterchen mit gutem blassen Gesicht. Alt >var sie nicht immer gewesen, aber verwachsen, solange sie denken konnte. Sie hatte sich nie viel Sorgen darum gemacht, zu Zeiten nicht einmal sonderlich gefühlt, daß sie so ganz anders sei als alle übrigen Menschen. Unser Herrgott hatte sie äußerlich vernachlässigt, dafür hatte er ihr Inneres so gut ausgestattet, daß es ihr vorkam, als wenn sic und die Welt gerade so sein müßten, wie sie eben waren. Die Sonne lachte ihr gerade so warm und der Frühling brachte ihr gerade so duftige Blüten wie allen andern. Ein Frühling vor allen hatte sich gut angelassen. Jutta war eben 19 Jahre alt geworden, mit gerade so viel Phantasie, sich in einen hübschen Burschen zu verlieben, und gerade so wenig Verstand, nicht cinzusehen, wie äußerst töricht das sei. Wie sollte sie auch? Nachbars Karl war mit ihr groß geworden. Sie hatten in den engen Gassen Räuber und Nonnen gespielt, zur Regenzeit hatten sie stolze Papierschifse oder Nachen aus brauner Baumrinde die Gosse hinabsegeln lassen. Lag im Winter der Schnee, so türmten sie den riesigsten Schneemann, den man sich denken konnte; im Sommer liefen sie miteinander in die Erdbeeren und der große, starke Knabe ließ sich, lange nicht so flink wie seine Gefährtin, von dieser ganz behaglich füttern. Das war freilich lange her, und als der Student in eben jenem Frühling auf Ferien ins Heimatstädtchen kam, war's halb Langeweile, halb Mitleid, was ihn zu Jutta führte, während sie diese Tändelei mit der ganzen Kraft und dem Glauben erster reiner Empfindung für heiligen Ernst nahm und sich dem Jugendgespielen ganz hingab . . . Was kommen mußte, kam. Jin Spätherbst widerhalltc eines Morgens das ganze Städtchen von der unglaublichen Neuigkeit, daß Jutta, „die Verwachsene", „die Gezeichnete", Mutter eines Kindes geworden sei. Die ganze jüdische Gemeinde betrachtete das als einen persönlichen Schimpf; die alten Eltern stießen Jutta mit ihrem Kinde auf die Straße, und der ehrlose Verführer, dessen Namen zu nennen sie sich hartnäckig weigerte, war längst auf einer entfernten Hochschule. Sie fand mit ihrem Kinde im Gemeindehause Aufnahme, natürlich nur für kurze Zeit; dann trat an sie mit eiserner Notwendigkeit die Frage heran: was beginnen, um sich und das Kind zu erhalten? In die Fremde wandern? Sie war zu schwach, um draußen ihren Unterhalt zu erwerben. Betteln? Lieber sterben, lieber sich den härtesten Demütigungen daheim aussetzen. Sie machte die Runde bei den Bvrstehern der Gemeinde. Nichtachtung, harte Vorwürfe überall; schließlich siegte aber doch das Mitleid und ein gewisses Verantwortlichkeitsgefühl; man sprach ihr die gerade freigewordene Stellung einer Gemeindedienerin mit einer mehr als kärglichen Besoldung zu. Sie war glücklich darüber, und ach — wie dankbar! Später betraute sie auch der Krankenverein mit seinen Besorgungen. Ließ es ihre Zeit zu, so übernahm sie Krankenpflege, bei der niemand eine so sanfte und geschickte Hand hatte wie sie. Ihr Kind hatte sie zu Fremden gegeben, aber sie darbte und sparte, damit ihm nichts mangele. Als über ihr Verschulden lange Gras gewachsen und sie sozusagen zum Jnventarstück der Gemeinde geworden war, bedachte man sie bei allen freudigen Veranlassungen. Sie kam dann und brachte einen schönen Gummibaum, eine Fruchtschale und erhielt dafür ein Geschenk und mancherlei Gaben. Die Welt hatte vergeben und vergessen. Vergeben hatte Jutta wohl auch — aber auch vergessen?- In der Elsterstraße lag ein stattliches Haus, an dem sie immer, wenn der Weg sie vorbeiführte, hastig und scheu vorübereilte. Dort wohnte er! Mehrere Jahre nach jenem Ereignis hatte er sich verheiratet und als angesehener Arzt in der Vaterstadt niedergelassen. Keiner wußte, warum er die Augen seitwärts wandte, wenn er dem zusammengeschrumpften Mütterchen begegnete. Sie schwieg, aber ihre Augen wandte sie nicht seitwärts . . . Jutta war in den letzten Monaten auffallend gealtert, sie mußte nun gegen 60 Jahre sein, und der harte Dienst fing an, sie zu drücken. Manchmal lag sie tagelang im Bett, auf

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